Theo Angelopoulos

Regisseur bei Dreharbeiten tödlich verunglückt

| Lesedauer: 4 Minuten
Berthold Seewald

Bei Dreharbeiten zu seinem neuen Film wurde Theo Angelopoulos von einem Motorradfahrer erfasst. Der international bekannte Filmemacher wurde 76 Jahre alt.

Es ist, als hätten die Moiren, die antiken Göttinnen des Schicksals, ihre Hände im Spiel. Während Griechenland in den Verhandlungen mit seinen Gläubigern um seine Zukunft ringt, trifft das Land ein Schicksalsschlag von gänzlich unerwarteter Seite. Auf einer Straße in Piräus überfährt ein Motorradfahrer einen alten Mann, der wenig später im Krankenhaus stirbt.

Der Mann ist Theodoros "Theo" Angelopoulos, der größte Filmregisseur, den Griechenland hervorgebracht hat, neben Mikis Theodorakis und vielleicht Irene Papas wohl der international bekannteste Künstler des Landes. Sein mit zahlreichen Auszeichnungen bedachtes Werk kreist um das eine Thema: die Geschichte Griechenlands und des Balkans in der Gegenwart. Sein tragischer Tod wirkt nicht nur in Athen wie der Abgesang auf eine Zeit, über die derzeit am Konferenztisch das kalte Urteil gefällt wird.

"Er war ein Perfektionist"

Um die Symbolik voll zu machen, war der 76-jährige Angelopoulos bei Dreharbeiten für seinen neuen Film "Das andere Meer", als ihn das Unglück traf. Darin wollte er die dramatische Finanzkrise Griechenlands kommentieren. Der Mann, der für seine langen Einstellungen berühmt ist, überquerte gerade eine Straße, als ihn das Motorrad erfasste. Im Krankenhaus in Piräus erlag er kurz darauf einer Gehirnblutung.

"Bestürzung über den Verlust des griechischen Kino-Magiers", "Tragisches Ende des Dichters des Weltkinos" oder "Er hat das, was wir fühlten und nicht ausdrücken konnten, auf die Leinwand gebracht" sind Sätze, die die Trauer der Griechen konturieren. "Er war ein Perfektionist. Wenn er drehte, gab es nur das auf der Welt", wird einer von Angelopoulos’ Mitarbeitern zitiert.

Wie so viele Griechen seiner Generation wurde Angelopoulos’ Biografie von der Zeitgeschichte geprägt. 1936 in Athen geboren – General Metaxas hatte wenige Monate zuvor seine Diktatur errichtet – erlebte er als Kind die deutsche Besatzung und die Verhaftung des Vaters durch Soldaten der Elas-Guerillabewegung, die bis zum Ende des Bürgerkrieges 1949 auf der Seite der Kommunisten kämpfte.

Durchbruch mit "Die Wanderschauspieler"

Nach dem nicht abgeschlossenen Jura-Studium in Athen ging er nach Paris, wo er Claude Lévi-Strauss hörte und sich für den französischen Film begeisterte. Jean-Luc Godard und die Nouvelle Vague zählten zu seinen großen Vorbildern. Sein erster Film "I Ekpombi" entstand 1968, ein Jahr, nachdem die Obristen in Griechenland die Macht ergriffen hatten. Auch zwei weitere Filme entstanden an der Zensur vorbei, bevor Angelopoulos 1975 mit "Die Wanderschauspieler" seinen Durchbruch feierte.

Der Film verfolgt die Geschichte einer Mimentruppe von 1939 bis 1972 und verwebt sie mit Geschichte, Mythen und Umwälzungen Griechenlands. Damit hatte Angelopoulos seine Themen gefunden, um die auch seine weiteren Werke kreisen.

Spiegelbild seiner Helden

1995 gewann er in Cannes für sein Migranten-Drama "Der Blick des Odysseus" mit Harvey Keitel den Großen Preis der Jury. Den Preis kommentierte Angelopoulos auf seine Art: "Wenn das alles ist, was Sie für mich haben, habe ich nichts zu sagen." Drei Jahre später bekam er für "Ewigkeit und ein Tag" mit Bruno Ganz die Goldene Palme. Auch venezianische Löwen und viele andre Auszeichnungen konnte Angelopoulos im Lauf seiner Karriere entgegennehmen.

Angelopoulos, zu dessen Co-Autoren der bekannte Schriftsteller Petros Markaris gehörte, war menschlich ein Spiegelbild seiner Helden: undurchsichtig, menschenscheu, sanguin. "Ich erwarte nicht von Dir, dass Du das versteht, was ich mit meinen Filmen meine. Ich erwarte von Dir, dass Du das verstehst, was Deine Seele in diesen Filmen erkennt", war sein Credo. Damit sprach er vielen Griechen aus dem Herzen. Und das macht sein Tod für das krisengeschüttelte Land zu einer Katastrophe.

Das Weltkino verliert mit Theo Angelopoulos einen Künstler, der die still nahm, wie sie ist, und davon erzählte. Gleichmütig, als sähe er dabei durch eine Linse.