Der Rekordtorschütze der Champions League kommt erstaunlich bescheiden daher. Fast schüchtern grüßt Raul, bevor er mit bedächtiger Stimme die Fragen beantwortet. Dabei könnte er große Töne spucken: Mit 66 Treffern ist der neue Mann des FC Schalke 04 erfolgreichster Stürmer der Königsklasse. In 16 Profijahren bei Real Madrid wurde der 33-Jährige zur Legende. In 550 Ligaspielen schoss er 228 Tore. Sein Wechsel in die Bundesliga gilt als Sensation.

Morgenpost Online: Sie sind nun zweieinhalb Wochen in Deutschland. Dürfen wir Sie zu einem kleinen Deutsch-Test bitten und Ihnen drei deutsche Begriffe nennen?

Raul: Deutsch? Oh je, ich fange doch gerade erst an, die Sprache zu lernen. Aber bitte.

Morgenpost Online: Erstes Stichwort: Königsblau.

Raul (schaut den Dolmetscher fragend an): Königsblau? Ah, azul real, unsere Schalker Vereinsfarbe. Eine schöne Farbe.

Morgenpost Online: Medizinball.

Raul (verzieht das Gesicht, als hätte er Schmerzen und greift sich an die Oberschenkel): Das Wort kenne ich. Die Dinger benutzt unser Trainer Felix Magath gern. Sie verursachen viiiel Muskelkater.

Morgenpost Online: Meister der Herzen.

Raul: Das sagt mir nichts.

Morgenpost Online: Schalke wurde 2001 Tabellenzweiter, weil Bayern München im letzten Saisonspiel in der Nachspielzeit beim Hamburger SV ein Tor schoss. Auf Schalke dachte man wenige Minuten lang, bereits Meister zu sein. Dann wurde das Tor der Münchner live auf der Stadionleinwand gezeigt.

Raul: Was für eine Tragödie. Das kannte ich noch gar nicht.

Morgenpost Online: Aber Sie werden schon gemerkt haben, wie sehr dieser Verein nach einem Titel lechzt.

Raul: Ja, das stimmt. Ich weiß, dass Schalke über 50 Jahre ohne Titel ist. Das ist eine lange Zeit. Deswegen ist der Gewinn der Meisterschaft ja auch das große Ziel von uns. Und deshalb haben die Schalker mit Felix Magath auch einen Meistertrainer geholt, der weiß, wie es geht.

Morgenpost Online: Geht es denn?

Raul : Warum nicht? Unsere Mannschaft hat die Qualität dafür.

Morgenpost Online: Schon in diesem Jahr?

Raul: Dafür müssen wir hart arbeiten. Aber die Voraussetzungen sind da, um ganz oben mitzuspielen. Wir werden sehen, was uns die Saison bringt. Wo wir am Ende landen, haben wir uns dann selbst verdient – oder zuzuschreiben.

Morgenpost Online: Sie haben mit Real Madrid sechs spanische Meisterschaften geholt, sind drei Mal Champions-League-Sieger geworden. Die Ansprüche an Sie sind hoch.

Raul : Ja, Schalke ist eine neue, große Herausforderung. Es ist ein bedeutender Klub mit viel Tradition und einer Mannschaft, die in der Champions League vertreten ist und um die Meisterschaft mitspielen kann.

Morgenpost Online: Ist der Druck, den Sie bei Real Madrid hatten, vergleichbar mit dem auf Schalke?

Raul: Nein, in Madrid ist das extremer. Real ist noch einmal eine andere Dimension. Dort müssen immer Titel gewonnen werden, und wenn das nicht klappt, dann hagelt es viel Kritik. Das ist auf Schalke ein bisschen anders, aber deshalb ist die Lust auf Siege hier nicht geringer. Das gilt für die Spieler, den Trainer und die Fans. Aber wir sind nicht der Favorit auf die Meisterschaft, wie es Real jedes Jahr ist.

Morgenpost Online: Wer ist Favorit?

Raul: Bayern natürlich. Sie haben eine starke Mannschaft, sind eingespielt. Aber wir tun alles, um ihnen das Leben schwer zu machen.

Morgenpost Online: Sie waren seit 1992 bei Real Madrid, haben 16 Jahre bei den Profis gespielt. Warum haben Sie mit 33 Jahren zum ersten Mal den Verein gewechselt?

Raul: Ich habe noch einmal eine neue Herausforderung gesucht und will die Erfahrung machen, auch einmal im Ausland zu spielen. Zudem möchte ich eine neue Stadt und eine andere Kultur kennen lernen. Und natürlich will ich spielen.

Morgenpost Online: Haben Sie keine Angst, Ihr eigenes Denkmal zu beschädigen?

Raul: Nein, so denke ich nicht. Was mir hier widerfahren kann, kann eigentlich nur positiv sein.

Morgenpost Online: Und warum haben Sie sich für Schalke entschieden?

Raul: Weil Schalke sich am meisten um mich bemüht hat. Felix Magath hat mir sein Vertrauen ausgesprochen. Er hat mir erklärt, dass ich der Mannschaft helfen kann, er mit mir Deutscher Meister werden will und in der Champions League etwas bewegen möchte. Magaths Vertrauen in mich hat den Ausschlag gegeben.

Morgenpost Online: Sie haben mit Trainern wie Guus Hiddink, Vincente del Bosque oder Fabio Capello zusammengearbeitet. Wo würden Sie Magath einordnen?

Raul: Mittendrin. Er zählt zu den besten Trainern Europas, hat in der Bundesliga viele Titel geholt. Mit Wolfsburg ist er Meister geworden. Mit einer Mannschaft, die dafür eigentlich nicht das Potenzial hatte. Das hat auch in Spanien für Aufsehen gesorgt. Auf Schalke ist er angetreten, um den Verein wieder nach ganz oben zu führen. Nun ist es an uns, Magaths Ziel zu verwirklichen.

Morgenpost Online: Wie ist die Bundesliga in Spanien angesehen?

Raul: Sie hat einen hohen Stellenwert. Im Fernsehen werden viele Spiele gezeigt. Aus der deutschen, italienischen und englischen Liga bekommen wir viele Informationen. Und natürlich hat die WM 2006 Deutschland viel Renommee eingebracht. Die Stadien sind wirklich atemberaubend. Die Bundesliga ist in allen Belangen eine große Liga.

Morgenpost Online: Bei der Weltmeisterschaft scheiterte die deutsche Mannschaft im Halbfinale an Spanien.

Raul: Deutschland hat eine großartige WM gespielt, und ich fand es schade, dass es schon im Halbfinale zu dieser Paarung kam. Aber derzeit ist Spanien einfach einen Tick stärker als alle anderen Länder. Diese Mannschaft zu stoppen, ist schwer.

Morgenpost Online: Kennen Sie eigentlich Thomas Christiansen?

Raul : Nein.

Morgenpost Online: Er ist Spanier mit dänischen Wurzeln. Mit 101 Bundesligaspielen hält er den Einsatzrekord für spanische Profis in Deutschland.

Raul: Das ist nicht besonders viel.

Morgenpost Online: Offenbar war die Bundesliga bislang nicht besonders reizvoll für spanische Spieler. Woran liegt das?

Raul: Zum einen wechseln Spanier nicht so häufig ins Ausland. In Spanien lässt es sich eben gut leben. Zum anderen könnte die Sprache ein Argument sein. Deutsch ist für Spanier nicht so leicht zu lernen. Da werden einige vielleicht einen englischen Klub vorgezogen haben. Ich würde mir aber wünschen, dass mir noch viele Spanier folgen.

Morgenpost Online: Sie können ja Werbung machen.

Raul (lacht): Ja, das werde ich machen. Ich bin auf jeden Fall bislang begeistert von Deutschland.

Morgenpost Online: Arjen Robben, Ruud van Nistelrooy, jetzt Sie. Ist die Bundesliga in den vergangenen Jahren für Topstars attraktiver geworden?

Raul: Ja. Mich reizt zum Beispiel die Ausgeglichenheit der Liga, auch wenn es mit Bayern München natürlich ein dominantes Team gibt. Aber hier ist der Wettkampf sehr ausgeprägt, jeder kann jeden schlagen.

Morgenpost Online: Ganz anders als in Spanien.

Raul: Das stimmt. In den vergangenen Jahren sind Madrid und Barcelona den anderen weit enteilt.

Morgenpost Online: Sie sind 33 Jahre. Da muss die Frage nach Ihrer körperlichen Fitness gestattet sein.

Raul (lacht): Fitness? Nach zweieinhalb Wochen Training bei Felix Magath bin ich fitter denn je. Nein, im Ernst: Natürlich bin ich keine 25 mehr, aber ich bin körperlich wirklich fit und habe heute viel mehr Erfahrung als noch vor fünf Jahren.

Morgenpost Online: Sie waren bei Real Madrid Führungsspieler und Kapitän. Wie sehen Sie Ihre Rolle hier bei Schalke?

Raul: Wenn ich in eine Mannschaft komme, übernehme ich auch Verantwortung. Ich habe – wie einige andere hier auch – die nötige Erfahrung, um jüngeren Spielern helfen zu können. Das will und werde ich tun. Wir sind eine geschlossene, starke Mannschaft. Das wird uns vor allem in schwierigen Phasen helfen.

Morgenpost Online: Werden Sie sich auch mit Felix Magath austauschen?

Raul: Das haben wir bislang noch nicht besprochen. Wenn ich ihm helfen kann – gern.

Morgenpost Online: Ihr Freund Christoph Metzelder, der in diesem Sommer ebenfalls aus Madrid zu Schalke gewechselt ist, bezeichnete Ihren Wechsel mit der gesamten Familie nach so langer Zeit bei Real als Wagnis. Hat er Recht?

Raul: Natürlich ist das ein Wagnis. Aber darin besteht doch auch der Reiz. Es war eine Familienentscheidung, wir haben uns diesen Schritt gewünscht und uns zusammen dafür entschieden. Es ist derzeit nicht leicht, wir befinden uns in der Eingewöhnungsphase. Aber wir gewöhnen uns Schritt für Schritt an die neue Umgebung und passen uns der neuen Kultur an. Für unser Familienleben ist der Wechsel nach Deutschland eine Bereicherung.

Morgenpost Online: Kann man in zwei Jahren überhaupt so etwas wie Heimatgefühl aufbauen, oder bleibt das Leben ein Provisorium?

Raul: Wer sagt denn, dass ich nur zwei Jahre bleibe?

Morgenpost Online: Ihr Vertrag läuft bis 2012. Wollen Sie länger bleiben?

Raul: Vielleicht bleiben wir auch drei oder vier Jahre hier. Vielleicht merken wir in eineinhalb Jahren, dass es hier so gut läuft, dass wir den Vertrag noch einmal verlängern. Das kann man doch nie wissen. Langfristig sehe ich meine Zukunft aber natürlich in Madrid.

Morgenpost Online: Dort sollen Sie ins Management wechseln. Werden Sie Ihre Karriere auf Schalke beenden?

Raul: Davon gehe ich aus.