Wenn wir die erschütternden Schlagzeilen vom Wochenende richtig deuten, war die aus deutscher Sicht so wunderbare Weltmeisterschaft für die Bundesliga nur halb so gut, denn da drohen plötzlich üble Folgen und herbe Verluste in Form unserer talentiertesten Lichtgestalten:
Bastian Schweinsteiger steht auf den Wunschzetteln von Chelsea und halb Resteuropa, Lukas Podolski landet womöglich bei Manchester City wie schon Jerome Boateng, aber vor allem ist Real Madrid nicht nur scharf auf Sami Khedira, sondern offenbar auch auf Mesut Özil und Mario Gomez – soweit die vielen bösen Nachrichten.
Und nun die weniger schlechte: Die Bundesliga will sich, nach Michael Ballack und Christoph Metzelder, mit dem nächsten Altmeister trösten – jedenfalls schlägt Schalke 04 gegen die Spanier zurück und ist wild entschlossen, ihnen auch den alten Stürmer Raul wegzukaufen.
Da nimmt sich Felix Magath viel vor. Dass es leichtere Dinge gibt, als einen Weltstar von Real Madrid auf seine späten Tage noch ins Ruhrgebiet zu verpflanzen, hat der Schalker Trainer beschrieben – ohne den Trumpf Champions League im Ärmel hätte es sich verboten, sagt er, so einen Superstar „überhaupt anzusprechen“.
Wie muss man sich einen solchen Gewaltakt vorstellen? Ein bisschen Fantasie – und schon sind wir mittendrin.
Menorca, vor ein paar Wochen. Mitten im Mittelmeer sitzt Raul in seiner Ferienvilla mit verheulten Augen auf dem Sofa, und von links versucht ihn seine Frau zu trösten und von rechts sein Agent, den wir Francesco nennen wollen. Weder seine Ausbootung vor der WM hat Raul verkraftet noch den Laufpass, den ihm Real durch die Blume gegeben hat. Da klingelt das Telefon. Als Francesco wieder auflegt, fragt Raul: „Wer war das?“
„Schnacke 04“, sagt der Agent.
„04 wer?“
„Schnacke 04, ein Klub in Deutschland.“
Raul verzieht das Gesicht, aber Francesco erzählt ihm, dass der Manager Horst Heldt heißt und sich heldenhaft alles Geld dieser Welt pumpen will, um ihn zu holen, zwei Jahre, je vier Millionen, Euro, netto.
Fünf Sekunden später. Francesco ruft bei Heldt aufgeregt zurück. „Hola, Senor Horst“, sagt er, „Raul sitzt mir gerade gegenüber und ist fasziniert, er hat schon als Kind immer von Schnacke 07 geträumt...“
„Schalke 04“, unterbricht ihn Heldt.
„Genau“, fährt Franceso fort, „da wäre nur eine Kleinigkeit: Raul hätte gern...“
„Ich weiß, was Sie meinen“, lacht Heldt, „der Hubschrauber zum Training geht klar. Ich war jahrelang Manager in Stuttgart, da haben wir Jens Lehmann auch immer vom Starnberger See eingeflogen.“
„Wunderbar“, sagt Francesco, „aber geben Sie Raul bitte noch ein, zwei Tage, Senor Heldt.“
„Kein Thema“, sagt Heldt, „ich bin übrigens Hotte.“
Wasserschloss mit goldenen Dachziegeln
Eine Woche verstreicht. Heldt greift zum Hörer. „So langsam sollten wir“, sagt er, und Francesco meint: „Okay, Hotte, komm rüber, wir machen das Ding perfekt.“ Und Heldt fliegt nach Menorca, drückt Raul zur Vertragsunterschrift einen vergoldeten Füllfederhalter in die Hand und der Gemahlin einen Blumenstrauß mit Brosche, doch im letzten Moment sagt die: „Ihr habt doch geregelt, dass ich in Schnacke mit meinen Hündchen in einem Wasserschloss wohne, mit goldenen Dachziegeln und einem Butler aus Uganda?“
Heldt schluckt. „Senora“, sagt er, „ich will nicht uncharmant sein, aber Ihr Mann ist 33...“
„Hey“, fällt ihm Raul beleidigt ins Wort, „ich bin gerade mit meiner Erfahrung unbezahlbar – oder habt Ihr sonst noch einen auf Schnacke, der Tore schießt?“
„Ja“, sagt Heldt, „Mario Gavranovic, ein Schweizer Talent.“
„Also Hotte, ich bitte Dich“, protestiert Francesco, „hier sitzt ein Volksheld des Weltmeisters, und Du kommst uns mit einem Schweizer?“
„Haben die“, wehrt sich Heldt tapfer, „bei der WM nicht Eure Spanier besiegt?“
„Si, beim Warmlaufen“, lacht Raul schallend. „Und wer ist dann Weltmeister geworden, die Schweizer, oder Ihr Deutschen? Hey, ich bin Raul, die Legende von Real, dem königlichen Klub, und wer ist Schnacke?“
„Wir sind die Königsblauen, das Real im Kohlerevier“, schlägt Heldt zurück, „aber komm, Raul, lass uns nicht streiten, wir wollen dich doch, obwohl du, sei mir nicht böse, nur von der Real-Ersatzbank kommst.“
„Si, si, wie Robben und Sneijder“, nickt Raul frostig, „von der Ersatzbank bei Real kommen immer nur die Besten – hat nicht auch van Nistelrooy in Hamburg wie eine Granate eingeschlagen?“
„Eher nicht“, sagt Heldt.
Immer donnerstags zum Friseur nach Madrid
Man vertagt sich notgedrungen noch mal für ein paar Tage. Die Telefondrähte glühen, es muss nachgearbeitet werden. Frau Raul wünscht sich noch einen Bademeister, der ihr und ihrem Mann jeden Morgen das Wasser mit exakt 21,3 Grad in die Wanne lässt, „und ist es für Euch okay“, fragt sie Heldt, „dass ich immer donnerstags nach Madrid zum Friseur geflogen werde?“
„Ach, und lass uns in den Vertrag bitte auch noch rein schreiben“, sagt Raul, „dass Du und der Trainer, wie heißt er noch mal...?“
„Felix Magath“, sagt Heldt.
„... dass Felice, Du und die Mannschaft einen Spanischkurs belegen, damit ich Euch auch verstehen kann.“
„Kein Thema“, schluckt Heldt.
„Also, Hotte, dann komm doch gleich morgen her“, sagt Raul ins Telefon, „und wir machen vollends Nägel mit Köpfen.“
Das ungefähr ist der momentane Stand der Dinge in diesem zähen, unermüdlichen und aufopferungsvollen Ringen und Werben – jedenfalls kann sich jetzt hoffentlich jeder halbwegs vorstellen, wie kompliziert es ist, wenn der FC Schnacke 07 einer königlichen Diva wie Raul den Hof macht, um die Bundesliga auf dem Routineweg hinwegzutrösten über den drohenden Verlust von Jogis WM-Talenten.





