Kevin Kuranyi

"Raul ist einer der besten Stürmer Europas"

Schalkes Ex-Stürmer Kevin Kuranyi über seinen Nachfolger Raul und seine ersten Wochen bei Dynamo Moskau.

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Der neue Platzhirsch auf Schalke soll Raul werden. Sein Vorgänger verließ den Verein vor wenigen Wochen. Im Interview spricht Kevin Kuranyi über seinen designierten Nachfolger in Gelsenkirchen und den Neustart beim russischen Klub Dynamo Moskau.

Morgenpost Online: Herr Kuranyi, in Schalke geht Felix Magath derzeit daran, der Mannschaft ein neues Gesicht zu verpassen.

Kevin Kuranyi : Es war schon eine große Überraschung, dass Heiko Westermann den Verein so plötzlich verlassen hat. Aber es werden ja klangvolle Namen gehandelt. Ich denke, es ist schon etwas ganz Besonderes für Schalke 04, dass Raul tatsächlich gekommen ist. Er ist einer der Toptransfers der Vereinsgeschichte. Er hat über viele Jahre bei Real und in der Champions League gezeigt, dass er einer der besten Stürmer Europas ist.

Morgenpost Online: In Anbetracht der 25 Millionen Euro, die Magath in die Mannschaft investieren darf, wäre doch auch eine Vertragsverlängerung mit Ihnen vorstellbar gewesen.

Kuranyi: Das wäre schön gewesen. Aber als die Entscheidung gefällt worden ist, war ich schon nicht mehr da. Wenn ein gutes Angebot gekommen wäre, wäre ich auch gerne geblieben. Aber ich denke, dass der Verein jetzt richtig entscheiden hat und Magath nun eine gute Mannschaft aufbauen wird.

Morgenpost Online: Auf Schalke haben sie gut vier Jahre gebraucht, bis Sie von Fans akzeptiert worden sind. Wird es in Moskau schneller gelingen?

Kuranyi: Ich hoffe sehr, jedenfalls werde ich alles dafür tun, dass ich der Mannschaft schnell mit meinen Toren helfen kann. Natürlich werde ich noch mal ein bisschen traurig sein, wenn die Bundesliga in vier Wochen wieder beginnt. Ich bin schließlich ein Kind der Liga. Aber trotzdem freue ich mich auf ein neues Kapitel. Und wer weiß? Vielleicht komme ich irgendwann ja noch einmal in der Bundesliga zurück.

Morgenpost Online: Sie müssen sich bei Dynamo in eine Mannschaft integrieren, die mitten in der Saison steht. Ist das schwierig?

Kuranyi: Es ist ungewöhnlich. Ich habe nur wenige Tage ein Vorbereitungsprogramm absolvieren können und musste mich schnell eingewöhnen. Derzeit trainiere ich mit der Mannschaft, absolviere aber auch mit unserem Konditionstrainer Extraschichten, weil es gut sein kann, dass ich schon am kommenden Sonntag mein Debüt in der russischen Premier Liga gegen Samara geben werde.

Morgenpost Online: Wie haben Sie sich in Moskau eingelebt?

Kuranyi: Gut. Ich bin positiv überrascht. Viele Leute haben mich vor Russland gewarnt, gesagt, es würde Sicherheitsbedenken geben. Das war unbegründet. Man kann hier sehr gut leben. Moskau ist eine sehr moderne Stadt. Und unser Trainingsgelände bietet alle Möglichkeiten. Mein Stürmerkollege Andrej Voronin hat die Eingewöhnung erleichtert. Das einzige Problem ist der Verkehr in der Stadt. Der ist wirklich Wahnsinn. Die ersten acht Tage habe ich im Hotel gewohnt, mitten im Zentrum, das war mir dann doch etwas zu viel. Dann habe ich mir ein Haus etwas außerhalb in der Nähe vom Trainingsgelände gesucht. Dort werden auch meine Mutter und mein Bruder wohnen. Meine Familie ist mir sehr wichtig, gerade weil die Stadt noch fremd ist und ich hier erst wenige Leute kenne.

Morgenpost Online: Haben die neuen Eindrücke geholfen, um den Schmerz zu verdrängen, dass die WM ohne Sie stattgefunden hat?

Kuranyi: Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich habe die WM sehr gut mitbekommen und mich gefreut, wie gut die deutsche Nationalelf gespielt hat.

Morgenpost Online: Hat Sie deren Klasse und Spielkultur überrascht?

Kuranyi: Ja, aber es hat sich auch gezeigt, dass in Deutschland wirklich eine sehr gute Jugendarbeit gemacht wird. Dass sehr viele Top-Talente herausgekommen sind wie Neuer, Özil, Khedira und Müller. Speziell Müller hat eine fantastische WM gespielt. Die Mannschaft insgesamt hat sich weiter entwickelt. Für die Zukunft kann man Großes erwarten.

Morgenpost Online: Wie bewerten Sie die Vertragsverlängerung von Löw? Der Bundestrainer hat Sie schließlich nicht mit zur WM genommen.

Kuranyi: Ich denke, meine Chance ist unabhängig vom Bundestrainer vorhanden. Ich habe vor der WM ein sehr offenes Gespräch mit Joachim Löw geführt. Das Ergebnis war für mich unbefriedigend, weil er mich nicht mit zur WM genommen hat. Aber es war für mich auch wichtig, dass er mir erklärt hat, dass dies nichts mit Gründen aus der Vergangenheit zu tun hätte. Er hat gesagt, dass er verstärkt auf die Spieler setzt, die auch viele Spiele in der Qualifikation absolviert haben. Obwohl ich es aufgrund meiner Leistung verdient hätte. Das gibt mir Hoffnung, dass ich, gute Leistungen vorausgesetzt, auch in der Zukunft eine Chance haben werde.

Morgenpost Online: Es heißt, Sie würden aufgrund Ihrer eher robusten Spielweise nicht in die Mannschaft passen.

Kuranyi: Das glaube ich nicht. Auf Schalke haben wir ähnlich gespielt: nach der Balleroberung schnell auf Angriff umschalten. Das hat gut geklappt. Ehrlich gesagt verwundert mich diese Kritik. Es wurde auch oft geschrieben, ich würde nicht ins System passen. Wer meine bisherige Karriere verfolgt hat, weiß, dass ich in allen Spielsystemen mit allen möglichen Sturmpartnern gute Leistungen zeigen konnte.

Morgenpost Online: Fürchten Sie nicht, als Profi in Russland gegenüber Ihren Konkurrenten aus der Bundesliga einen Nachteil zu haben?

Kuranyi: Die russische Liga ist vielen unbekannt und wird deshalb unterschätzt. Dabei haben mit ZSKA Moskau und Zenit St. Petersburg zwei russische Vereine in den vergangenen fünf Jahren den Uefa-Pokal gewonnen. Das zeigt, dass die Liga nicht so schlecht ist. Natürlich bin ich hier etwas weiter weg, aber ich denke trotzdem, dass ich, wenn ich meine Leistung bringe, auch wieder eine Chance bekommen kann. So ungewöhnlich ist es ja auch wieder nicht, dass Nationalspieler im Ausland spielen.