Alexander Baumjohann war beeindruckt. Als junger Spieler, erzählte er, hätte er immer „davon geträumt“ mit so jemandem wie Raul zusammenzuspielen. Das es jetzt tatsächlich so sei, habe etwas Unwirkliches, so der Mittelfeldspieler von Schalke 04: „Schließlich kannte ich ihn nur von der Playstation.“ Doch es ist kein virtueller Raul, der ganz Schalke derzeit verzückt, der 33-jährige Zugang von Real Madrid ist real. „Ich bedanke mich für einen wunderbaren Tag“, sagte Raul am Samstag, nachdem er zunächst von 100.000 Fans bei der offiziellen Saisoneröffnung gefeiert worden war und anschließend beim 2:1-Sieg im Testspiel gegen den Hamburger SV erstmals für Schalke auflief. Er sei „sehr warmherzig und freundlich“ aufgenommen worden. „Diese Hinwendung“ hätte ihn gefreut.

Begonnen hatte die Raul-Show bereits um 10 Uhr. Beim Tag der offenen Tür schrieb er in einem Zelt in der Ruine des alten Parkstadions stundenlang Autogramme, dann wurde er auf einer Bühne den Fans präsentiert. Eloquent anmoderiert von Trainer Felix Magath. Raul, der erst am Mittwochnachmittag auf Schalke angekommen war, wirkte zunächst überrascht, sogar gerührt. Er lächelte verlegen, als die Anhänger als Willkommensgruß für ihn das Vereinslied „Blau und Weiß“ anstimmten. Der Spanier bewegte dazu die Lippen, als wolle er signalisieren: Er verstehe zwar noch nichts, aber den Vortragenden zuliebe versuche er mitzusingen. Es könnte dieser Moment gegen 14.30 Uhr gewesen sein, als er den Entschluss fasste, dass er seinen neuen Fans seine fußballerischen Künste auch gleich präsentieren wolle. „Eigentlich wollte ich ihn nicht spielen lassen“, verriet Magath. „Aber er wollte unbedingt. Das hat mich sehr gefreut.“

So gab es eine unerwartete Aufwertung des Liga-total-Cups: Während Bayern München nur mit einer besseren Drittliga-Mannschaft angereist war, waren die auf Raul gerichtet. In den 57 Minuten gegen den HSV, in denen der Spanier die zweite Angriffsspitze bildete, war der Unterhaltungswert dieses Vorbereitungsturniers am höchsten. Raul ließ trotz der erst drei Trainingseinheiten sein Können aufblitzen. „Wenn du ihm den Ball zuspielst, ist es so, als wenn du dein Geld einer Schweizer Bank gibst“, sagte Ivan Rakitic. Als Raul nach 42 Minuten dann Jefferson Farfan mit einem Steilpass in Szene setzte, der Peruaner den Ball dann zu Edu weiterleitete und der Brasilianer zum zwischenzeitlichen 1:1 traf, gab es von der Nordtribüne „Raul“-Rufe. „Der Pass war genial“, schwärmte Magath.

Der Schalker Coach arbeitet daran, das Spielsystem auf seinen Neuen zuzuschneiden. Wie weit er dabei mit dem vorhandenen Kader kommt, bleibt abzuwarten. Am Samstag wurde auffällig, dass Raul seine Stärken im Torabschluss und beim Vorbereiten nur einbringen kann, wenn er den Ball in den Fuß gespielt bekommt – mit langen Bällen, so wie sie in den vergangenen Jahren auf Kevin Kuranyi geschlagen worden sind, kann er wenig anfangen. „Wir können nicht den Fußball der vergangenen Saison spielen, dann würde er sich nicht zurechtfinden“, sagt Magath, der deshalb die Suche nach einem Spielgestalter und einem zweiten Stürmer forcieren will.

Dabei schweben ihm und dem neuen Manager Horst Heldt höchst unterschiedliche Spielertypen vor: Ein selbstloser Passgeber für das Mittelfeld wie Zvjezdan Misimovic vom VfL Wolfsburg und ein physisch starker Stoßstürmer für die zweite Angriffsposition. Magath und Heldt halten viel von Mario Gomez aus gemeinsamen Zeiten in Stuttgart und lassen das auch durchblicken. Sehr zum Ärger von dessen Arbeitgeber FC Bayern. „Dass über Gomez so viel geredet wird, gefällt mir gar nicht“, sagte Münchens Sportdirektor Christian Nerlinger, auch wenn sie in den vergangenen Tagen nicht müde wurden zu betonen, dass sie zuviel Offensivpersonal im Kader hätten.

In Gelsenkirchen jedenfalls sind die Spekulationen um Gomez und die Aufbruchstimmung, die Raul erzeugt hat, Bestandteile der Magath’schen Strategie, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Er weiß, dass er in anbetracht der Doppelbelastung in Meisterschaft und Champions League nur dann einen Leistungsabfall verhindern kann, wenn er auf dem Transfermarkt und auch psychologisch alle Register ziehen wird. Genau das versucht er.