Für Momente trug der herbstliche Wind den Klang der großen Fußballwelt über das Vereinsgelände. Im Amateurstadion von Hertha BSC ermittelte der DFB gestern den Deutschen Meister der Altersklasse Ü40, da ertönte auf einmal die Hymne der Champions League – von der Königsklasse des europäischen Fußballs haben sie in Berlin vor gar nicht allzu langer Zeit noch geträumt. Vier Monate ist es jetzt her, dass Hertha im Schlussspurt der vergangenen Saison die Champions-League-Teilnahme noch verspielte – vier Monate, die vor dem Hintergrund der aktuellen Ergebniskrise des Hauptstadtklubs wie eine Ewigkeit erscheinen.

Parallel zu den Klängen von „Zadok the Priest“ saßen Geschäftsführer Michael Preetz und Trainer Lucien Favre mit den Profis Arne Friedrich, Jaroslav Drobny und Pal Dardai zusammen. Es galt, das 1:2 (0:0) gegen Aufsteiger Mainz 05 aufzuarbeiten, und nicht nur das, sondern insgesamt nun schon vier Niederlagen aus den ersten fünf Punktspielen der neuen Saison. Drei Punkte holte der Vierte der Vorsaison nur, „natürlich sind wir damit nicht zufrieden“, sagte Preetz. Nach einem 1:0 gegen Hannover 96 zum Start verloren die Blau-Weißen alle folgenden Partien – aber nicht nur das: Mönchengladbach (1:2), Bochum (0:1) und nun Mainz gehören allesamt zu der Kategorie von Mannschaften, die Berlin in der Abschlusstabelle diskussionslos hinter sich lassen will.

Dass das nun schwer wird, hat sich die Mannschaft selbst zuzuschreiben. Der Defensive fehlt es im Jahr eins nach Josip Simunic am Vermögen, über volle 90 Minuten konzentriert zu bleiben. Gegen Mainz hatten die Verteidiger das Geschehen 80 Minuten gut im Griff, ehe es zum kollektiven Zusammenbruch kam, der dem Gegner noch die zwei Tore zum Sieg gestattete.

Der Offensive fehlt es schlichtweg an Qualität. Der auch nach acht Pflichtspielen noch torlose Artur Wichniarek verbreitet beim Gegner ebenso wenig Furcht und Schrecken wie sein polnischer Landsmann Lukasz Piszczek und der Bulgare Waleri Domowschiski. Nach dem Abschied der Torjäger Marko Pantelic und Andrey Voronin ruht alle Hoffnung in diesem Mannschaftsteil auf der Rückkehr des verletzten Raffael (Ellenbogenbruch) und der raschen Eingewöhnung des Ende August verpflichteten Kolumbianers Adrian Ramos. Er wird wohl schon am Donnerstag erstmals in der Startelf stehen, wenn Hertha zum Auftakt der Gruppenphase in der Europa League den lettischen Klub FK Ventspils empfängt.

Zum Mangel an Klasse kommt Pech. Ebenfalls am letzten Tag der Wechselfrist hatte sich Hertha mit Florian Kringe von Borussia Dortmund verstärkt. Gegen Mainz stand der vom Ligarivalen ausgeliehene Mittelfeldspieler erstmals in der Startelf – und humpelte nach nur 13 Minuten vom Feld. Diagnose: Mittelfußbruch. „Er fällt acht Wochen aus, mindestens“, klagt Favre.

Bei ihrer Tagung nahm Preetz die erfahrenen Spieler in die Pflicht, „unsere junge Mannschaft zu führen“. Alle müssten nun „eng zusammenstehen“ und „mit aller Macht und Nachhaltigkeit die Negativdynamik durchbrechen“. Gegen Ventspils soll der Anfang gemacht werden. Wirklich wichtig wird es aber erst am Sonntag darauf im Heimspiel gegen Freiburg, einen weiteren Aufsteiger. Denn danach warten ungleich schwerere Gegner: Hoffenheim und der HSV.