Die Angriffslust war Franz Beckenbauer (64) regelrecht anzusehen, als er am Montagmittag das Hauptquartier seines Werbepartners Adidas im Sandton Convention Center in Johannesburg betrat. Im Poloshirt sprang der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf die Bühne und sprach enthusiastisch über seine persönlichen WM-Eindrücke. Beckenbauer über…
…die bevorstehenden Halbfinalspiele Niederlande gegen Uruguay und Deutschland gegen Spanien:
„In dieser Phase des Turniers ist alles möglich, da gibt es keine Favoriten und Außenseiter mehr. Bei allem Respekt vor den Uruguayern und Spaniern, ich wünsche mir ein Finale zwischen unserer Mannschaft und den Niederländern. Das wäre wunderbar, allein schon wegen der Erinnerungen an 1974, als wir gegen sie den Titel holten.“
…die bisherigen Leistungen der deutschen Nationalelf:
„Da geht es mir wie jedem anderen deutschen Fußballfan. Ich bin begeistert – und ich hätte nie gedacht, dass die Mannschaft so beeindruckend auftreten würde. Es macht unheimlich viel Spaß, ihr zuzusehen. Jeder ist ständig in Bewegung, jeder fordert den Ball, übernimmt Verantwortung und einer ist für den anderen da. Einfach schön.“
…das Geheimnis des Erfolgs:
„Ich kenne es nicht. Die Frage sollte Bundestrainer Joachim Löw gestellt werden. Wobei ich vermute, dass er es auch nicht weiß, denn die Mannschaft ist zuvor nie so aufgetreten. Dieses Team prägt einen Stil, den wir lange nicht mehr gesehen haben. Zuletzt vor 20 Jahren in Italien, als wir ebenso dominant aufgetreten sind und auch das nötige Glück hatten, um Weltmeister zu werden. Das traue ich der aktuellen Generation wieder zu.“
…Bundestrainer Löw, dessen Zukunft nach der WM weiterhin ungewiss ist:
„Unsere Mannschaft, die jeden Fußballfan auf der Welt begeistert, trägt seine Handschrift. Löw hat sie in den zurückliegenden Jahren geformt, er war mutig genug, junge Spieler wie Thomas Müller oder Mesut Özil einzubauen und ihnen das Vertrauen zu schenken. Daher ist es schade, dass wir uns überhaupt die Frage stellen müssen, ob Löw bleibt oder nicht. Ich bin sicher, jeder will, dass er weitermacht. Deshalb wäre es wundervoll, wenn unser Bundestrainer seine Arbeit fortsetzen würde.“
…die Leistungen von Mittelfeldchef Bastian Schweinsteiger:
„In dieser Saison hat er einen Riesensprung hingelegt. Von der linken Außenbahn ist Schweinsteiger ins Zentrum gerückt – und als Superstar neu geboren. Schon beim FC Bayern hat er exzellent gespielt, bei der WM aber noch zugelegt. In allen fünf Spielen war er aus meiner Sicht der Stärkste. Unabhängig davon, ob die deutsche Mannschaft das Finale erreicht oder sogar den Titel holt, ist Schweinsteiger für mich ein Kandidat auf den Goldenen Ball, also für die Wahl zum besten Spieler dieses Turniers.“
…Mesut Özil, der das Interesse des FC Barcelona geweckt hat:
„Özil ist ein außergewöhnliches Talent, ein junger Spieler, der alles noch vor sich hat. Ich will ihn weiter in der Bundesliga sehen. Die Vereine sollten nicht nur alles dafür tun, Superstars wie Arjen Robben oder Franck Ribery zu halten, sondern auch die eigenen Spieler halten. Das ist sehr wichtig.“
…den Ruf des deutschen Fußballs:
„Vor vier Jahren, bei der WM im eigenen Land, ist es uns gelungen, so viel für das Image unserer ganzen Nation zu tun. Und daran knüpft die Mannschaft in Südafrika sportlich an. Dazu tragen sicherlich gerade Spieler wie Özil, Sami Khedira oder Jerome Boateng bei, die allesamt einen deutschen Pass besitzen, aber auch ihre eigene Mentalität in das Team einbringen. Zu den bekannten Tugenden, wie Disziplin, Kampfgeist, gute Organisation und die Fähigkeit, sich absolut auf das Ziel zu konzentrieren, die deutsche Mannschaften immer auszeichnen, kommt der nötige Schuss Individualität hinzu.“
…die Begeisterung in Deutschland:
„Zu WM-Beginn war ich in Südafrika, die vergangenen drei Wochen habe ich aber zu Hause verbracht und daher ganz genau mitbekommen, welch herrliche Stimmung in Deutschland herrscht. Das ganze Land lebt gerade in einem schwarz-rot-goldenen Traum. Ich weiß, dass unsere Spieler trotz der Entfernung spüren, wie alle geschlossen hinter ihnen stehen. Das gibt Kraft.“
…die erste WM auf dem afrikanischen Kontinent:
„Es ist ein tolles Turnier, und das sage ich nicht nur, weil es für die Deutschen bislang so rund gelaufen ist. Wir haben gute und spannende Spiele gesehen, die Stadien sind herrlich, die Organisation ist hervorragend. Südafrika kann stolz darauf sein, für die Fußballwelt ein wunderbarer Gastgeber zu sein.“




