Erst einmal schaute sich der Chef der südafrikanischen Fußball-Liga seine neue Welt an. Sie ist zusammengesetzt aus 16 Vereinen und funktioniert so ganz anders als die, die Kjetil Siem aus seiner Heimat Norwegen kannte und der er dort vorstand.

Siem (49) lief durch einige Stadien wie ein Junge bei seinem ersten Fußballspiel. Überwiegend waren die Arenen schon vor Fertigstellung der WM-Stadien recht modern, aber manchmal sah er vor dem Anpfiff Rauch aus den Kabinen kommen. Noch immer haben viele Profiteams ihren eigenen traditionellen Medizinmann, der die Mannschaft vor dem Anpfiff einstimmt und Kräuter verbrennt – und danach manchmal sogar festlegt, wer spielt und wer nicht. Bei anderen Vereinen durfte vor dem Anpfiff keine erwachsene Frau den Rasen betreten. Warum das so ist, hat ihm bis heute niemand erklärt.

„Am Anfang musste ich vor allem zuhören. Und lernen“, erzählt der Norweger. Irvin Khoza, Besitzer der mächtigen Orlando Pirates und Aufsichtsratvorsitzende der südafrikanischen „Premier Soccer League (PSL)“, hatte ihm am Rande der WM 2006 in Deutschland den Job schmackhaft gemacht.

Er solle die PSL professioneller und damit kommerzieller machen, die gewaltige Fußballbegeisterung endlich nutzen. Ein Job mit der Rückendeckung von Khoza, bestens vernetzt in Politik und Wirtschaft, ist ein Job mit allen Freiheiten. Siem sagte zu.

Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft, wie das heute in Leverkusen gegen Deutschland (20.45 Uhr/ZDF), lenken den Blick auf die gewaltige Vorfreude, mit der das Land die WM 2010 erwartet.

Die Spiele der heimischen Liga aber bleiben, wenn nicht gerade die Soweto-Rivalen Orlando Pirates oder Kaizer Chiefs spielen, oft erstaunlich leer. Bei 7000 Zuschauern lag der Schnitt bei Siems Amtsantritt.

Der Norweger sitzt in seinem Büro im edlen Johannesburger Stadtteil Parktown, Anzug, Krawatte, verbindliches Lächeln. Das Fußballherz Südafrikas schlägt in Townships wie Soweto, das Geld aber wird in solchen Bürobauten wie der PSL verdient. „Die Spieler hatten damals kein Profil“, erzählt der Manager, „die Kinder trugen Trikots von europäischen Stars wie David Beckham oder Cristiano Ronaldo. Das Gesicht der südafrikanischen Klubs aber waren die Besitzer.“ Einige Erstligisten sind sogar nach denen benannt: Jomo Cosmos nach dem ehemaligen Fußballstar Jomo Sono, die Kaizer Chiefs nach ihrem Gründer Kaizer Motaung. Die will nur keiner sehen.

Der Privatsender Supersport hatte 2007 die TV-Rechte für umgerechnet 27 Millionen Euro jährlich gekauft – das Vierfache des bisherigen Preises. Siem erkannte die „Jahrhundertchance“, wie er sagt. Er machte Fußball zum TV-Sport, damit die Preise nach der WM nicht einknicken. Ein geschwänztes Interview des Trainers nach dem Spiel kostet nun 9000 Euro Strafe, die Abläufe am Spieltag sind bis ins Detail festgelegt. Leistungsträger werden offensiver vermarktet. Mit Erfolg: Inzwischen sind Stars wie Teko Modise (Orlando Pirates) allgegenwärtige Werbeträger.

„Diese Präsenz hilft auch der Liga“, sagt Siem. Er hat seine Forderungen durchgesetzt – mit Fingerspitzengefühl. Die Liga setzt sich wie die Regenbogen-Nation selbst aus vielen ethnischen Gruppen zusammen. Manche der 16 Vereine wurden von Zulus und Xhosas gegründet, andere von griechischen und portugiesischen Einwanderern. „Es ist nicht immer einfach, einen gemeinsamen Nenner zu finden.“ Irgendwie gelingt es: Der Zuschauerschnitt ist um rund 40 Prozent auf 10.000 angestiegen. Weiterhin nur ein Bruchteil des Potenzials.

Ginge es nach Siem würde er noch viele Jahre an diesem Rohdiamanten schleifen. 2010 aber, kurz nach der WM, gibt er seinen Posten auf. Schweren Herzens.