Der erste spektakuläre Transfer strapazierte die Infrastruktur des Vereins. Weil am Morgen bereits der Wechsel Timo Hildebrands zur TSG 1899 Hoffenheim publik geworden war, musste der forsche Aufsteiger am Nachmittag eilends eine Pressekonferenz im Container am alten Trainingsplatz einberufen, wo der neue Torhüter der Vereins schließlich vorgestellt wurde.

Dabei ist Hildebrand weit mehr als nur eine namhafte Verstärkung für den Tabellenführer, der Einkauf könnte einen Paradigmenwechsel bei den Hoffenheimern einläuten. Erstmals läuft nun ein fertiger Star für den Klub aus dem Kraichgau auf.

Die Ankunft verlief jedenfalls schon einmal standesgemäß. Am Mittag hatte Hildebrand in Stuttgart noch den Leasingwagen eines ortsansässigen Autobauers in Empfang genommen und war die 80 Kilometer in seine neue Wahlheimat herüber gefahren. Er kennt sich aus in der Gegend, im nur 65 Kilometer von Hoffenheim entfernt gelegenen Hofheim bei Worms wuchs er auf. Als er am Mittwoch bei der improvisierten Vorstellung Platz nahm, grinste er vielleicht auch deshalb wie ein Bube bei der Einschulung. „Ich will in Hoffenheim einen Neuanfang machen und zu meiner alten Topform zurückfinden“, sagte er. „Das gesamte Modell Hoffenheim hat mich überzeugt. Ich habe im Fernsehen verfolgt, welch super Fußball hier gespielt wird.“

Ablösefreie Flucht aus Valencia

Hildebrand, siebenmaliger Nationaltorwart, in 221 Bundesligaspielen erprobt und im Sommer 2007 Meister mit dem VfB Stuttgart, hatte vor sieben Tagen erst seinen Vertrag beim spanischen Pokalsieger FC Valencia aufgelöst. Der mit knapp 650 Millionen Euro verschuldete Verein wollte einen seiner Topverdiener von der Gehaltsliste bekommen und gestattete dem Prominenten die ablösefreie Flucht. Zuletzt hatte Hildebrand in Valencia zwar knapp drei Millionen Euro per annum verdient, aber nicht einmal mehr auf der Bank Platz nehmen dürfen, nachdem er in rekordverdächtig schneller Ausbootung dem Brasilianer Renan Brito und Nachwuchstorwart Vicente Guaita gewichen war. Die Supercup-Partie am 24. August gegen Real Madrid war sein letztes Spiel für den spanischen Verein.

In Hoffenheim, wo Hildebrand bis Sommer 2010 rund zwei Millionen Euro jährlich verdienen soll, ist sein Status hingegen zunächst unantastbar. Schließlich gilt die mit Ramazan Özcan (sechs Ligaspiele) und Daniel Haas (zehn Einsätze) besetzte Position als letzte Schwachstelle beim Spitzenreiter. Dem Neuen trauen sie auf Anhieb eine Führungsrolle zu.

Hildebrand (29) bringt zwar jede Menge Erfahrung mit, dürfte aber kaum als satter Routinier in Hoffenheim von der Rückrunde an den Kasten hüten – vielmehr gilt sein Wechsel für ihn als letzte Chance auf eine Rückkehr ins Nationalteam. Sollte er bei der TSG ähnlich stark halten wie zu seiner Stuttgarter Zeit, das räumte Bundestrainer Joachim Löw bereits unlängst ein, könnte er den Sprung zurück in die deutsche Auswahl schaffen und als Herausforderer René Adlers (Leverkusen), Manuel Neuers (Schalke) sowie des derzeit noch verletzten Robert Enke (Hannover) gelten. „Ich freue mich für Timo, dass er durch seinen Wechsel wieder Planungssicherheit hat“, sagte Löw, der Hildebrand im Sommer aus dem EM-Kader gestrichen hatte.

Verbindung nie abgebrochen

Jene prognostizierte Sicherheit dürfte auch Hoffenheims Macher zu einem Umdenken bewogen haben. Bereits im Sommer machte sich Trainer Ralf Rangnick für einen Verpflichtung stark, zweifelte aber an Hildebrands Beraterstamm, der den wechselwilligen Schlussmann einem Dutzend Klubs angeboten hatte.

Die Verbindung war nie abgebrochen, nachdem Rangnick als Trainer des VfB Stuttgart Hildebrand am 26. November 1999 beim Auswärtsspiel in Freiburg den Einstieg in der Bundesliga ermöglicht hatte. Nun holt der Ziehvater den Abtrünnigen abermals aus der Versenkung. „Er ist eine Art Idealbild von Torwart. Er hat Persönlichkeit, und für mich ist er der beste Torwart, der mit dem Ball umgehen kann“, sagte Rangnick.

Ins selbst entworfene Anforderungsprofil der Hoffenheimer passt der Zugang vorzüglich. Für die TSG, die bereits im vergangenen Jahr mit dem Zweitliga-Rekordtransfer von Carlos Eduardo (8,5 Millionen Euro) für Furore sorgte, ist der Coup der nächste Schritt. Zwar schafften Tobias Weis und Marvin Compper in dieser Hinserie den Sprung zu Löw, aber nur mit unverbrauchten Talenten geht es selbst beim „Projekt Hoffenheim“ (Manager Jan Schindelmeiser) nicht. Weitere Größen dürften im Sommer folgen, zumal sie sich in Hoffenheim bereits intensiv mit einer Champions-League-Teilnahme auseinandersetzen. Hildebrand dürfte da nur ein weiteres, kleines Mosaiksteinchen sein.