Nationalmannschaft

Diese Spieler profitieren von Kuranyis WM-Aus

Joachim Löw hat eine Rückkehr von Kevin Kuranyi in die Nationalmannschaft aus sportlichen Gründen ausgeschlossen. Das klingt bei 18 Saisontoren des Schalkers absurd, doch ein Blick auf Kuranyis Konkurrenz zeigt, dass der Bundestrainer durchaus Alternativen hat. Profitieren könnte ein Leverkusener.

Was er im Sommer tun wird, weiß Kevin Kuranyi noch nicht. Denn bis gestern Vormittag hatte er sich hartnäckig geweigert, überhaupt irgendwelche Urlaubspläne zu machen. „Ich hatte immer noch Hoffnungen, dass ich mir doch noch meinen Traum erfüllen kann“, sagte er. Doch dann meldete sich Bundestrainer Joachim Löw telefonisch bei ihm und erklärte ihm, dass er ihn definitiv nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) nehmen wird.

Für Kuranyi war dies wie ein Keulenschlag. „Das macht mich sehr traurig“, sagte er: „Wie jeder Fußballspieler habe ich schon als kleines Kind davon geträumt, an einer WM teilnehmen zu können. Für mich ist dieser Traum jetzt schon zum zweiten Mal geplatzt.“

Vor der WM 2006 war er überraschend von Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann ausgebootet worden, nun entschied sich auch Löw gegen den 28-jährigen Stürmer. „Es ist genauso hart wie vor vier Jahren, es tut genauso weh“, kommentierte Kuranyi die Entscheidung des Bundestrainers am Ende einer seit Wochen anhaltenden Diskussion über die Frage: Soll Löw Kuranyi nominieren oder nicht?

Die Antwort gab es gestern. Und trotz der Fürsprache vieler Experten – Franz Beckenbauer, Stefan Effenberg und Uwe Seeler hatten zum Beispiel für die Rückkehr Kuranyis plädiert – verzichtet Löw auf den Stürmer von Schalke 04. Dass er diesmal wieder nicht dabei ist, schmerzt vielleicht sogar noch etwas mehr. Denn Kuranyi muss sich den Vorwurf gefallen lassen, seine Chance selbst leichtfertig aufs Spiel gesetzt zu haben.

Im Oktober 2008 war er während des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland in Dortmund von der Nationalmannschaft geflohen. Er hatte es nicht ertragen können, dass er nicht einmal für die Ersatzbank nominiert worden war. Als er sich dann auf der Tribüne auch noch dumme Sprüche von Zuschauern anhören musste, verließ er in einer spektakulären Spontanaktion das Dortmunder Stadion.

Löw erklärte tags darauf, dass Kuranyi unter seiner Führung nie mehr für Deutschland spielen werde – zumal er Kuranyi vor dem Spiel gesagt habe, es als Schlag gegen den Teamgeist zu werten, wenn dieser flüchten sollte. Dass er dies überlege zu tun, hatte Kuranyi dem Bundestrainer unter vier Augen mitgeteilt.

Löw wies am Montag jedoch deutlich daraufhin, dass „der disziplinarische Vorfall“ keine Rolle bei der Entscheidungsfindung gespielt habe. Es wäre für ihn „kein Problem“ gewesen, Kuranyi trotzdem eine zweite Chance zu geben. Es seien vielmehr „taktische und personelle Überlegungen“ gewesen, sich so zu entscheiden, erklärte Löw: „Dies habe ich gestern mit Kevin, der eine starke Saison gespielt hat und den ich für einen charakterlich einwandfreien Profi halte, in aller Offenheit erörtert.“

Die Entscheidung gegen Kurayni ist offenbar eine Entscheidung für Stefan Kießling. Der Leverkusener hat wie der Schalker eine überzeugende Spielzeit aufzuweisen und sogar drei Tore mehr erzielt als Kuranyi (21). Kießlings Spielweise ähnelt der Kuranyis, der Leverkusener ist ähnlich lauf- und kopfballstark. Neben den gesetzten Mario Gomez, Lukas Podolski und Miroslav Klose plant Löw offenbar noch mit zwei weiteren Stürmern: Mit einem spielstarken Mann wie dem Stuttgarter Cacau und mit Kämpfer Kießling.

Am Donnerstag wird Löw in Stuttgart den vorläufigen Kader benennen. Aus den 30 Spielern sollen dann während des Vorbereitungstrainingslagers in Südtirol (21. Mai bis 2. Juni) die 23 WM-Fahrer rekrutiert werden. Gut möglich, dass mit Ablauf der Meldefrist des Weltverbandes Fifa am 1. Juni auch nur vier gelernte Angreifer nominiert werden – schließlich verfügt Löw auch noch über eine weitere torgefährliche Alternative, Offensivallrounder Thomas Müller vom FC Bayern München.

Aus rein sportlichen Erwägungen heraus gibt es also durchaus Gründe, auf Kuranyi zu verzichten. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack, weil Löw dem Schalker noch vor wenigen Wochen Hoffnungen machte, als er erklärt hatte, sich nach dem 30.?Bundesligaspieltag mit seinem Trainerteam auf einer Klausurtagung im Schwarzwald mit der Personalie Kuranyi befassen zu wollen.

„Es war doch im Grunde klar, dass er sich so entscheiden wird“, sagte Felix Magath, der von Anfang an daran gezweifelt hatte, dass Löw seinem Torjäger eine zweite Chance geben wolle. „Warum hätte man sich sonst nach 30 Spieltagen zusammen gesetzt und darüber diskutiert, ihn mitzunehmen, und sich dann doch wieder auf das Saisonende vertagt?“, sagte der Schalker Trainer gestern Morgenpost Online.

Die Schalker vermuten, dass Löw in den vergangenen Wochen lediglich taktiert hat. Und es wäre durchaus nachvollziehbar, dass Löw ein Kuranyi-Comeback lediglich in Aussicht gestellt hat, um den Druck zu reduzieren.„Ich bedanke mich für all die Unterstützung, die ich in den vergangenen Monaten erfahren habe“, sagte Kuranyi gestern: „Das hat mir extrem gut getan.“

Nur genutzt hat es ihm nichts mehr. Der 52-malige Nationalspieler muss damit leben, dass er seine Nationalmannschaftskarriere frühestens nach der Weltmeisterschaft fortsetzen kann, dann möglicherweise unter einem neuen Bundestrainer.

Kevin Kuranyis Leben ist derzeit im Umbruch. Sein Vertrag mit dem FC Schalke 04 läuft zum Saisonende aus. Täglich wird damit gerechnet, dass er nach fünf Jahren beim aktuellen Bundesliga-Tabellenzweiten seinen Abschied bekannt gibt. „Noch ist nichts entschieden“, sagte er.

Doch sein Berater Roger Wittmann erklärte bereits, dass der Angreifer „mit großer Sicherheit“ ins Ausland wechseln wird und dass er sich „sehr wundern würde“, wenn Kuranyi mit Schalke verlängern sollte. Es sollen unterschriftsreife Angebote von Dynamo Moskau, Besiktas Istanbul, Fenerbahce Istanbul und Manchester City vorliegen.

Erst wenn Kuranyi seine Zukunft geklärt hat, kann er an sich um die Urlaubsplanung kümmern. Vor vier Jahren, als Jürgen Klinsmann seinen WM-Traum zerstört hatte, war er spontan nach Panama geflogen.