Das Küchenpersonal im Stadionrestaurant „Die Raute“ muss Montagabend Überstunden einlegen. Um 18 Uhr treffen sich die elf Aufsichtsräte des HSV, um die Vorkommnisse rund um die Sportchefsuche aufzuarbeiten. Eine mehr als hitzige und dazu sehr lange Diskussion wird erwartet. Im Mittelpunkt steht der Vorsitzende des Gremiums, Horst Becker. „Ich kann noch nicht sagen, ob ich zurücktreten werde. Das hängt auch vom Verlauf der Sitzung ab“, sagt Becker seit der Wahl des neuen Sportvorstands Bastian Reinhardt am Pfingstmontag.
Ein Rücktritt des enttäuschten Becker oder ein kräftiger Gegenschlag des 69 Jahre alten ehemaligen Bankiers – das sind die Optionen. Die Hintergründe: Einen Tag nach dem Bundesliga-Finale in Bremen, das den enttäuschenden siebten Platz bestätigte, kündigte Becker Konsequenzen an. „Das Modell Hoffmann und Kraus ist gescheitert“, sagte er zur sportlichen Kompetenzverteilung im Vorstand.
Variante eins, den Schweizer Urs Siegenthaler in den Vorstand zu befördern, fand keine Mehrheit. Also kam Variante zwei ins Spiel, nämlich einen zusätzlichen Sportvorstand zu suchen. Der Wunschkandidat war schnell gefunden: Nico-Jan Hoogma, ehemaliger HSV-Kapitän mit vier Jahren Managererfahrung in den Niederlanden. Am Sonntag, dem 16. Mai, präsentierte sich Hoogma einem Aufsichtsratsquartett. Chef Becker sowie Jürgen Debatin, Bernd Enge und Gerd Krug nahmen Hoogma unter die Lupe. Der Kandidat überzeugte, aber es gab Differenzen beim Jahresgehalt. 400.000 Euro bot der Aufsichtsrat – ein in der Branche vergleichsweise geringer Betrag. Hoogma wollte 470.000 Euro, darin enthalten Zuschüsse zum aufwendigen Umzug der fünfköpfigen Familie.
Schon in diesem Punkt fand man nicht zusammen, Hoogma war irritiert, und das Ganze steigerte sich noch, als er am Ende des Gesprächs hörte, mit Sergej Barbarez sei noch ein weiterer Kandidat im Rennen. Zwei Tage später teilte Hoogma Horst Becker seine Absage mit. „Die Art und Weise, wie die Verhandlungen liefen, hat mir nicht gefallen“, sagte Hoogma. Es war ein Schock für den HSV, Becker bat den Niederländer um zwei Tage öffentliches Stillschweigen, um weitere Schritte mit dem Aufsichtsrat abzustimmen. Hoogma willigte ein und war umso überraschter, als er noch an jenem Dienstag von Hamburger Journalisten mit seinem Nein zum HSV konfrontiert wurde.
Becker vermutet einen Maulwurf im Aufsichtsrat oder Vorstand und wurde tags darauf erneut kalt erwischt. Ohne Beckers Wissen hatten andere Aufsichtsräte versucht, Hoogma umzustimmen. Viele im Gremium sind entsetzt über Beckers Verhandlungsführung. Becker selbst bemängelt Indiskretionen, seine Kritiker das Platzen des Hoogma-Deals. Damit nicht genug. Am Montag, dem 17. Mai, hatte der Aufsichtsrat sein angekündigtes Treffen mit Barbarez. Becker und seine Kollegen waren angetan von dem Bosnier und unterrichteten den Rest des Gremiums. Dennoch: In internen Gesprächen zeichnete sich ab, dass eine Mehrheit für Barbarez nicht zustande kommen würde. Seine Passivität in 16 Monaten Aufsichtsratsarbeit hatte Spuren hinterlassen.
Jörg Debatin, längst der starke Mann im HSV-Aufsichtsrat, erhielt den Auftrag, Barbarez von dieser Stimmungslage zu unterrichten. „Wir wollten ihn nicht in eine Abstimmungsniederlage rasseln lassen“, erklärt Horst Becker. Barbarez versteht die Andeutungen Debatins nicht und ist umso erschütterter, als ihm Becker Tage später, als längst mit Bastian Reinhardt eine konsensfähige Notlösung gefunden worden ist, seine Chancenlosigkeit verdeutlicht. Mittlerweile sind es noch fünf Minuten bis zur entscheidenden Sitzung des Gremiums.
Reinhardt, der am Donnerstag, dem 20. Mai, bei den Herren Becker, Debatin und Enge vorstellig wurde, freut sich schon auf seine Beförderung. Er wird nicht enttäuscht, neun Aufsichtsräte, unter ihnen der paralysierte Barbarez, votieren für ihn. Zwei Enthaltungen – von gewählten Aufsichtsratsmitgliedern – und eine Gegenstimme – von einem Delegierten – ändern nichts an der Inthronisierung des x-ten Kandidaten.
Bislang schreibt diese Geschichte nur Verlierer. Bastian Reinhardt, dessen Amt beschädigt ist. Horst Becker, dessen Autorität untergraben wurde. Sergej Barbarez, der entnervt aus dem Aufsichtsrat zurücktrat. Der Aufsichtsrat als Ganzes, der sich gewohnt zerstritten zeigte. Spötter sehen nur Nico-Jan Hoogma als Gewinner – weil er diesem Theater entkommen ist.
Unterdessen ist die letzte offene Entscheidung in der Besetzung des Trainerstabs offenbar gefallen. Als neuer Torwarttrainer gilt Ronny Teuber, der schon unter Thomas Doll diesen Posten innehatte, als klarer Favorit.





