Es war eine zuversichtliche Reisegruppe, die am frühen Donnerstagnachmittag den Zug am Berliner Ostbahnhof bestieg und sich auf den Weg machte. In Richtung Oberhausen, zum ersten Spiel in der Zweiten Liga, die heute in ihre 36. Saison startet. In eine neue Spielzeit, an deren Ende für den 1. FC Union der Klassenerhalt stehen soll. Und in eine Zukunft, die besser werden soll als die vergangenen fünf Jahre, in denen der Köpenicker Fußball-Klub nach dem Abstieg 2004 zunächst am Boden lag, sich erholte und schließlich aufmachte zurück in die Zukunft.

Es ist ein wenig auch eine Reise ins Unbekannte. Für Union im Speziellen, für die Liga - wie eigentlich vor jeder Spielzeit - im Allgemeinen. Kein Wunder, wenn sich gleich ein Drittel der Belegschaft verändert. Mit Energie Cottbus, Arminia Bielefeld und dem Karlsruher SC streben drei Klubs die sofortige Rückkehr in die Bundesliga an, mit Fortuna Düsseldorf, dem SC Paderborn und eben Union hoffen drei Vereine auf ein längerfristiges Gastspiel. Mittendrin ein Dutzend Mitbewerber um Aufstieg und Ligaverbleib. Eine alle anderen Teams überragende Mannschaft fehlt. "Kein Spiel wird von vornherein entschieden sein", glaubt Uwe Neuhaus, Unions Trainer. Die Tagesform, oft zitierte Standardsituationen oder das berühmte Quäntchen Glück werden über Sieg oder Niederlage entscheiden.

So gleicht es mitnichten Tiefstapelei, wenn Neuhaus verkündet: "Unser Ziel ist der Klassenerhalt." Für die Berliner gilt es, 1902 Tage nach dem bislang letzten Auftritt im Unterhaus des deutschen Fußballs ein erstes Ausrufezeichen zu setzen. Bei Rot-Weiß Oberhausen, jener Mannschaft, die vor zwei Jahren an der Alten Försterei selbst den Sprung in die Zweite Liga geschafft hatte - mit einem 3:0 gegen den 1. FC Union. Es mag ein gutes Omen sein, dass Union zu den sechs Mannschaften zählt, die die Saison um 18 Uhr eröffnen dürfen. Der Pay-TV-Sender Sky überträgt die Partie live.

Für die Köpenicker ist es die Chance, sich nach dem ersten Gastspiel von 2001 bis 2004 dauerhaft in der Liga zu etablieren. Die Voraussetzungen könnten kaum besser sein. Der Klub ist wirtschaftlich so gefestigt wie schon seit Jahren nicht mehr, vielleicht sogar wie noch nie seit der Wende. Der Etat von 12,2 Millionen Euro ist gedeckt und so hoch wie noch nie in der Vereinsgeschichte, mit dem neuen Hauptsponsor International Sport Promotion (ISP) steht ein strategischer Partner zur Seite, der jährlich zwei Millionen Euro zahlt, und das bis 2014.

Die Lizenz für Liga zwei gab es ohne Bedingungen. Nicht zu vergessen das von den treuen Fans über ein Jahr lang modernisierte und nun komplett überdachte Stadion an der Alten Försterei mit seinen 18 944 Plätzen. Auf einem Gelände, das durch einen Erbbaurechtsvertrag mit einer Laufzeit von 65 Jahren Union in die Position gebracht hat, die Infrastruktur nach eigenem Ermessen weiter zu entwickeln. Schon jetzt, ohne die geplante neue Haupttribüne (voraussichtlicher Baubeginn: Frühjahr 2010), ist das Stadion ein Schmuckkästchen, wie es in Berlin seinesgleichen sucht, mit einer einzigartigen Atmosphäre.

Dass die Stimmung im Lager der Rot-Weißen allgemein nicht die schlechteste ist, liegt nicht zuletzt an der sportlichen Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren. Trainer Neuhaus formte eine Mannschaft, die ein echtes Team ist. Zusammen mit Sportdirektor Christian Beeck wird nicht nur auf sportliche, sondern auch auf menschliche Qualität geachtet. Der Erfolg der Mannschaft ist das oberste Ziel. Dafür verlangt der Trainer von jedem einzelnen jene Professionalität, die er selbst an den Tag legt. Und die auch die Deutsche Fußball-Liga von allen Zweitligisten fordert.

"Die Mannschaft weiß, was auf sie zukommt", sagt Uwe Neuhaus. Einen ersten Vorgeschmack gab der Trainer in den vergangenen knapp sechs Wochen Vorbereitung auf die "Knochenmühle" (Neuhaus). Zwei Trainingseinheiten pro Tag, sieben Testspiele, von denen fünf gewonnen wurden, darunter das 2:1 gegen Bundesligist Schalke 04. Doch Neuhaus weiß: "Testspiele sind das eine, Pflichtspiele das andere."

Wie groß der Unterschied sein kann, zeigte sich beim Debakel in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Werder Bremen. Das 0:5 gegen den Titelverteidiger - es war ein deutlicher Warnschuss zur rechten Zeit für die Berliner. "Auch in Oberhausen oder Aachen wird es sicherlich heiß hergehen", warnt Neuhaus, "darauf müssen wir vorbereitet sein."

Auf Union warten 34 Partien, die die Mannschaft in jeder Minute fordern werden. Zu großer Respekt ist jedoch Fehl am Platze. Neuhaus erklärt: "Die Dritte Liga trägt dazu bei, dass die Zweitliga-Aufsteiger besser gerüstet sind als noch in den Jahren davor." Auch die in der vergangenen Saison wieder eingeführten Relegationsspiele würden helfen, "dass es etwas leichter wird", so Neuhaus. Statt vier Absteiger, wie es bis 2008 der Fall gewesen ist, gebe es nun nur noch zweieinhalb Absteiger. Wobei sich alle Beteiligten einig sind, dass die Entscheidungsspiele um den Ligaverbleib gegen den Drittliga-Dritten unbedingt zu vermeiden sind. Gerade Union sollte gewarnt sein: Im Jahr 2000 scheiterte man gleich doppelt.

Einen Vorteil verspricht außerdem das sportliche Personal. Neuhaus vertraut hauptsächlich jenen Akteuren, die im Mai den Aufstieg geschafft haben. Mit Björn Brunnemann (Mittelfeld), Bernd Rauw und Dominic Peitz (beide für die Defensive) wurden gezielt Spieler geholt, hinzu kommt John Jairo Mosquera ein Stürmer, der von Werder Bremen ausgeliehen wurde. Bislang haben alle vier Spieler - Peitz, der für das Oberhausen-Spiel von Neuhaus aus dem Kader gestrichen wurde, mit Abstrichen - bereits gezeigt, dass sie dem 1. FC Union auf dem Weg zum Klassenerhalt weiterhelfen können. Neuhaus selbst spricht von "Aggressivität und Leidenschaft", wenn er an den Auftakt heute in Oberhausen denkt. Und damit auch an die komplette Spielzeit.