Wer gerade keine aktuelle Bundesligatabelle zur Hand hat, muss denken, dass in Hamburg derzeit gegen den Abstieg gespielt wird. Zumindest verhalten sie sich dort so: Spieler zetern gegen den Klub, der Trainer geht auf Kritiker los, der Vereinsboss spricht Machtwörter und über allem dröhnt das Mahnen des Vereinsidols. Beim Hamburger SV herrschen derzeit Manieren wie auf dem Fischmarkt.
Das Getöse im Schnelldurchlauf: Mittelfeldspieler Eljero Elia wurde mit einer Geldstrafe belegt, weil er sich nach einer Operation vom Verein nicht genug bemuttert fühlte. Sein Trainer Bruno Labbadia mokierte derweil, dass die Kritik an seiner Arbeit von anonymen Internetschreibern stamme, die ohnehin „Hosenscheißer“ seien. Der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann bemerkte, dass offenbar „nicht jeder freiwillig alles“ geben würde für den Verein und sah sich bemüßigt, ob des Gezankes zur Ruhe zu mahnen – schließlich gäbe es „noch eine ganze Menge zu gewinnen“. Und natürlich wäre eine Krise beim HSV nicht vollkommen, würde nicht auch Uwe Seeler seinen Sermon dazu abgeben. „Die Spieler schöpfen ihr Potenzial nicht aus“, schimpfte der Altinternationale.
Allerdings täuscht der Eindruck, dass die Hanseaten kurz vor dem Sturz in die Zweite Liga stehen. Einen Punkt beträgt der Abstand auf einen Europapokalplatz, in der Europa League sind die Norddeutschen gerade in das Viertelfinale eingezogen. Es sind die schlechten Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, die den Hanseaten die Sorgenfalten in die Stirn meißeln. Im vergangenen Winter lauerten die Hamburger noch zwei Punkte hinter dem Überraschungs-Tabellenführer aus Hoffenheim, am Ende sicherte erst ein zu Unrecht anerkannter Abseitstreffer in der letzten Minute des letzten Spiels die Teilnahme am internationalen Geschäft. Und in der Saison zuvor hatte sich der Rückstand zu Rang eins in der Rückrunde sogar von vier auf 22 Punkte vergrößert.
Das ist allerdings nichts gegen die Bruchlandung, die Bruno Labbadia im vergangenen Jahr hinlegte. Der holte mit Bayer Leverkusen in der zweiten Saisonhälfte aus 17 Spielen nur 18 Punkte und stürzte auf Rang neun ab. Die Chance, das verkorkste Jahr im Endspiel des DFB-Pokals zu retten, vergab das Werksteam mit einer Niederlage gegen Werder Bremen. Daran nicht ganz unschuldig war Labbadia: Er hatte einen Tag vor dem Finale in einem Zeitungsinterview scharfe Kritik an seinem Arbeitgeber geübt, der dem Trainer daraufhin die Papiere aushändigte.
Nun droht auch die Allianz zwischen Labbadia und dem HSV nicht im gewünschten Erfolg zu enden. Nur zwei der vergangenen neun Bundesligaspiele hat der Traditionsverein gewonnen, und ausgerechnet der Erzrivale Werder Bremen nutzte die Schwächephase aus, um sechs Punkte Rückstand zu egalisieren und die Hamburger aus den Europapokalrängen zu drängen. Labbadia reagiert wie in Leverkusen zunehmend gereizt auf Kritik an seiner Arbeit, und sogar der sonst so besonnene Kapitän David Jarolim ist genervt: „Das Letzte, was wir derzeit brauchen, ist Theater. Mich stört das Bild, das derzeit in der Öffentlichkeit entsteht.“
Weitere Zersetzungserscheinungen gehen mit dem sportlichen Misserfolg einher: Eljero Elia soll bei Bayern München als Verstärkung für die neue Saison im Gespräch sein, Jerome Boateng bei Manchester City, und als Krönung geistert gar das Gerücht rund um den Hamburger Michel, dass nach der Weltmeisterschaft Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff an der Elbe anheuern sollen.
„Und Franz Beckenbauer ist als Ehrenpräsident bei uns im Gespräch“, konterte Bernd Hoffmann und lächelte dabei, als habe er in eine Zitrone gebissen. Sieben Spiele bleiben seinen Angestellten noch, um zu beweisen, dass sie doch Endspurtqualitäten haben. Am Sonntag bei Borussia Mönchengladbach könnte ein Sieg die Gemüter beruhigen – zumindest vorübergehend.





