Er selbst hat 95-mal für die deutsche Nationalmannschaft gespielt und 45 Tore erzielt, wurde 1982 und 1986 WM-Zweiter. Mit großem Interesse verfolgt Karl-Heinz Rummenigge natürlich den Auftritt der DFB-Auswahl in Südafrika. Vor dem Halbfinale gegen Spanien gibt sich der 54 Jahre alte Vorstandschef des FC Bayern optimistisch, was die Erfolgschancen der Mannschaft betrifft. Zudem sieht er den Verband in der Pflicht, den Vertrag mit Bundestrainer Joachim Löw zu verlängern.

Morgenpost Online: Herr, Rummenigge, wie sehr haben Sie die deutschen Spiele in den Bann gezogen?

Karl-Heinz Rummenigge: Es ist fantastisch, was die Mannschaft bisher geboten hat. Ich hoffe, dass Sie jetzt auch das Glück hat und das Finale erreicht. Denn verdient haben es die Spieler.

Morgenpost Online: Hätten Sie diese Leistungen für möglich gehalten? Immerhin gab es vor dem Turnier viele Zweifel?

Rummenigge: Ich glaube, dass es vielleicht sogar ein Vorteil für das Team war, etwas gehandicapt anzureisen. Dadurch ist die Mannschaft noch enger zusammen gewachsen und hatte weniger Druck.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Situation vor dem Halbfinale?

Rummenigge: Grundsätzlich muss ich sagen, dass Deutschland schon so etwas wie ein Favorit in diesem Spiel ist. Das ist ein Status, den sich die Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft erarbeitet hat. Sie hat jetzt viel Selbstvertrauen und kann mit breiter Brust auftreten. Allerdings wird die Aufgabe nicht leicht. Denn die Spanier gehen eine Sache beispielsweise etwas cleverer an als Argentinien.

Morgenpost Online: Was meinen Sie?

Rummenigge: Die Argentinier waren sich im Vorfeld des Viertelfinals etwas zu sicher. Wer ist denn Deutschland, haben Sie gefragt und sich quasi überhaupt keine Sorge darüber gemacht, möglicherweise zu scheitern. Die Spanier machen genau das Gegenteil. Sie sagen, dass Deutschland Favorit sei – sowohl die Spieler als auch der Trainer. Wie gesagt, es wird nicht einfach. Die Spanier sind viel homogener und taktisch besser als die Argentinier.

Morgenpost Online: Hat es Sie überrascht, wie modern Deutschland plötzlich spielt?

Rummenigge: Was heißt überrascht. Die Mannschaft macht das einfach hervorragend. Sie ist defensiv gut organisiert und spielt klug und diszipliniert. Es zeichnet sie aus, wie gut die Offensivkräfte mit nach hinten arbeiten, gleichzeitig aber überfallartig nach vorn gehen, wenn es Ballbesitz gibt. Was ein weiteres Plus ist: Sie braucht nicht viele Torchancen.

Morgenpost Online: Es war immer der Traum des FC Bayern München, möglichst viele deutsche Nationalspieler zu stellen. Vor allem Thomas Müller spielt eine glänzende Weltmeisterschaft.

Rummenigge: Seine Entwicklung ist phänomenal, wenn ich überlege, dass er vor einem Jahr noch in der Dritten Liga gespielt hat. Jetzt spielt er bei einer WM und ist einer der besten Spieler dort. Was mir nicht nur an ihm, sondern an allen deutschen Nationalspielern sehr positiv aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass sie alle sehr bescheiden und ohne Allüren in Südafrika auftreten. Das steht der ganzen Mannschaft gut zu Gesicht. Denn es könnte ja schon mal der eine oder andere in einem Interview voller Stolz behaupten, dass man Großes bei der WM leistet. Das haben sie zwar auch, aber sie reden nicht darüber, sondern konzentrieren sich auf die anstehenden Spiele. Das imponiert mir.

Morgenpost Online: Umso überraschender war es dann aber, dass Philipp Lahm ausgerechnet zwei Tage vor dem Halbfinale für etwas Aufregung gesorgt hat. Mit seiner Aussage, er wolle das Kapitänsamt von Michael Ballack nicht freiwillig hergeben.

Rummenigge: Philipp hat gesagt, dass ihm die Rolle Spaß macht. Ich darf ergänzen, dass er die Rolle als Kapitän glänzend ausfüllt. Aber das Thema sollte Joachim Löw erst nach der WM entscheiden.

Morgenpost Online: Neben Müller zählt vor allem auch Münchens Bastian Schweinsteiger zu den auffälligsten Spielern.

Rummenigge: Bastian ist die überragende Persönlichkeit bei der WM. Ich sehe momentan keinen Spieler, der besser ist. Was übrigens in der Kategorie Nachwuchsspieler auch auf Thomas Müller zutrifft. Wir von Bayern München sind jedenfalls glücklich über die Entwicklung der Spieler und auch sehr stolz. Schauen Sie sich doch nur mal Miroslav Klose an! Der spielt bislang ein fulminantes Turnier, obwohl er monatelang kritisiert worden war.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw?

Rummenigge: Er macht einen hervorragenden Job. In Bezug auf die Rolle des Trainers fällt mir immer mehr auf, dass ein Trainer einen Plan haben muss. Den hatte Louis van Gaal, als er beim FC Bayern angetreten ist. Er hat sich konsequent an ihn gehalten, obwohl es zu Beginn nicht so gut gelaufen ist. Auch Joachim Löw hat einen klaren Plan gehabt. Er hat sich in der Vorbereitung nicht von seiner Linie abbringen lassen. Er hatte eine klare Linie, was die Mannschaft betrifft, die ihm nun bedingungslos folgt. Die Spieler vertrauen ihm, das weiß ich.

Morgenpost Online: Löws Zukunft beim DFB ist noch ungeklärt.

Rummenigge: Ich kann dem Deutschen Fußball-Bund nur wünschen, dass er die Vertragsverlängerung mit Joachim Löw hinbekommt. Denn wenn es dem DFB nicht gelingt, steht er sehr, sehr blamabel da. In dieser Sache haben sich die Vorzeichen zu 100 Prozent zu Gunsten von Joachim Löw gewendet, das muss ich so klar und deutlich sagen. Es ist nicht zu übersehen, dass die Mannschaft und der Bundestrainer eine totale Einheit sind. Deshalb muss der DFB alles daran setzen, mit Joachim Löw zu verlängern. Alles andere wäre eine ziemlich schlechte Geschichte für den DFB.

Morgenpost Online: Im Halbfinale der Weltmeisterschaft ist die Bundesliga mit 28 Spielern vertreten. Was hat das für eine Aussagekraft?

Rummenigge: Ich glaube, dass die Bundesliga allein schon durch den Aufschwung bei der deutschen Nationalmannschaft neuen Mut schöpfen kann. Vor allem im Hinblick darauf, international in den kommenden Jahren Plätze gut zu machen. Es muss unser Ziel sein, nicht nur Italien in der Uefa-Rangliste von Platz drei zu verdrängen, sondern auch die Engländer und Spanier davor noch mehr zu bedrängen. Auf lange Sicht hin müssen wir sogar versuchen, irgendwann die beste Liga der Welt zu sein. Ich sehe diese Möglichkeit, wenn wir da weitermachen, wo die Nationalmannschaft in einer Woche aufhört.