Angst hat Serbien bei den deutschen Fußball-Fans am Sonntag nicht verbreitet. Im ersten Spiel der Gruppe D verlor die Mannschaft gegen Ghana durch einen Elfmeter von Asamoah Gyan (85.) 0:1 (0:0). Der eingewechselte Zdravko Kuzmanovic hatte im Strafraum den Ball mit dem Arm berührt. „Das ist unverzeihlich und tut mir unglaublich leid“, sagte der 22-Jährige vom VfB Stuttgart.
Es war eine äußerst niveauarme Partie. Am Freitag (13.30 Uhr) treffen die Serben in Port Elizabeth auf die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw und haben sich vorgenommen, sich zu steigern. In der Qualifikation für das Turnier bewiesen sie, was sie können und wurden vor Frankreich Gruppenerster.
Morgenpost Online analysiert nach ihrem ersten Spiel bei der WM die Mannschaft.
Die Stärken
Serbien verfügt in Nemanja Vidic über einen der besten Innenverteidiger der Welt. Der 28-Jährige von Manchester United ist robust und enorm kopfballstark. Er und die Mittelfeldspieler suchen im Aufbauspiel meist Marko Pantelic. Der Stürmer könnte Deutschland gefährlich werden, vor allem weil er die Spieler der Bundesliga und damit die Schwächen der Verteidigung der DFB-Elf kennt. Er spielte von 2005 bis 2009 für Hertha BSC und erzielte in 114 Liga-Spielen 45 Tore. Das Duell mit seinem ehemaligen Hertha-Mitspieler motiviert den Profi von Ajax Amsterdam: „Das Spiel gegen Deutschland ist für mich wie ein Derby.“ Er strotzt vor Selbstvertrauen und bewegt sich stets an der Grenze zum Abseits. Das erfordert von den Abwehrspielern viel Bewegung und ein gutes Auge. Mit einer Flanke sorgte er in der 59. Minute für eine der wenigen Chancen der Serben, doch Nikola Zigic verpasste knapp.
Besonders achten müssen die Deutschen auch auf Milan Jovanovic: Er ist schnell, bleibt über weite Strecken völlig unauffällig, um sich dann plötzlich mit Sprints in den Angriff einzuschalten. Zigic setzt auf das Überraschungsmoment und hätte gegen Ghana beinahe die Führung erzielt.
In der WM-Vorbereitung haben die Serben intensiv Standardsituationen geübt. Mit einigen einstudierten Varianten sorgten sie bei der ghanaischen Abwehr für Verwirrung. Sie können es aber auch direkt: Alexsandar Kolarov schoss aus 20 Metern nur knapp vorbei.
Der Zusammenhalt
Die Spieler betonen immer wieder, dass die Reisen mit der Nationalmannschaft einem Familientreffen gleichen. „Wir sind wie Brüder“, sagt Pantelic. Weilen sie bei ihren Klubs, telefonieren sie regelmäßig. Auch einige Spielerfrauen sind befreundet. „Der Zusammenhalt macht uns stark“, sagt Gojko Kacar, und Pantelic nimmt Pechvogel Kuzmanovic in Schutz: „Wir verlieren zusammen und gewinnen zusammen. Es gibt keine Schuldzuweisungen.“
Die Schwächen
Torhüter Vladimir Stojkovic ist beim englischen Klub Wigan Athletic nur zweiter Mann. Im ersten Gruppenspiel musste er kaum etwas halten und konnte sich nicht auszeichnen. Ihm fehlt die Spielpraxis.
Und Lukovic, Vidics Partner in der Innenverteidigung, ist nach seiner Gelb-Roten Karte gegen Ghana für das Deutschland-Spiel gesperrt. Serbien muss also umstellen, möglicherweise wird Neven Subotic von Borussia Dortmund für ihn spielen. In der Endphase der Partie wechselte Trainer Radomir Antic ihn bereits ein, um nach dem Platzverweis die Defensive zu stärken.
Zudem haben die Serben Probleme beim Umschalten von Offensive auf Defensive. Spielt der Gegner schnell, ist das Mittelfeld oft ungeordnet, vor der Abwehr entstehen Räume, die Deutschland nutzen muss. Serbiens Schwachstelle gegen Ghana war die rechte Seite. Milos Krasic offenbarte Defizite in der Rückwärtsbewegung, konnte nicht die von ihm erwarteten Akzente in der Offensive setzen und vergab in der Schlussphase eine gute Möglichkeit. Er und seine Kollegen spielen oft zu langsam und verschleppen das Spiel. Sie ließen die Zielstrebigkeit vermissen. Die Körpersprache drückte keine Entschlossenheit aus. Ihren Rhythmus haben die Serben bei diesem Turnier noch nicht gefunden. Viele Fehlpässe und halbherzige Aktionen prägten die Partie gegen die Westafrikaner.
Der Kader
Serbien ist eine ausgeglichene Mannschaft. Auch die meisten Ersatzspieler stehen bei großen Klubs unter Vertrag, das Leistungsgefälle ist gering. Subotic ist eine verlässliche Alternative für die Verteidigung, Herthas Gojko Kacar für das Mittelfeld. Zoran Tosic (1. FC Köln), und Stürmer Danko Lazovic (Zenit St. Petersburg, wurde eingewechselt) können sich berechtigte Hoffnungen auf einen Einsatz in den nächsten Spielen machen.
Der Trainer
Radomir Antic gehört in Serbien zu den angesehensten Persönlichkeiten im Sport. Der 61-Jährige ist der einzige Trainer, der für den FC Barcelona, Real Madrid und Atletico Madrid gearbeitet hat. Er legt großen Wert auf Disziplin und hat es geschafft, aus einer bis vor zwei Jahren zerrüttelten Mannschaft eine Einheit zu formen. Dafür hat er viele Spieler schon mehrfach für mehrere Tage bei ihren Vereinen besucht. Die stolzen Serben betrachten dies als große Respekt-Bekundung. Wie Joachim Löw setzt er in der Südafrika wegen der Vuvuzelas auf Zeichensprache, gab seiner Mannschaft gegen Ghana immer wieder mit Handbewegungen Anweisungen. Er genießt den Ruf eines weltmännischen Gentleman und verhält sich an der Seitenlinie insgesamt ruhig.
Die Taktik
Antic lässt ein 4-4-2 spielen. Vor der Abwehr verteilt Dejan Stankovic von Inter Mailand die Bälle. Der Kapitän und Trauzeuge Pantelics ist der einzige Spieler der Serben, der schon 1998 bei der WM in Frankreich dabei war. Angreifer Nikola Zigic von Birmingham City lässt sich oft ins Mittelfeld zurückfallen, um sich Bälle zu holen.
Die Fans
Für die Anhänger ist es ein besonderes Turnier: Erstmals tritt Serbien bei einer WM als eigenständiges Land an. Eine Reise nach Südafrika ist für viele aber schlicht nicht finanzierbar. Ghanas Fans waren deshalb auch deutlich in der Überzahl und lauter, im Stadion Loftus Versfeld blieben mehrere hundert Plätze leer. Deutschland dürfte – auch wegen der Sympathien der Südafrikaner – am Freitag eine Art Heimspiel haben.





