Sepp Herberger war ein Pragmatiker. Große Emotionen waren dem legendären Fußball-Bundestrainer fremd, und er war unverdächtig, seine Spieler zu verhätscheln. So beschränkte sich das Unterhaltungsprogramm im „Hotel Belvedere“ in Spiez (Schweiz), wo seine Mannschaft während der Weltmeisterschaft 1954 untergebracht war, auf Kartenspiele, Tretbootfahren und Spaziergänge.

Die Erben von Fritz Walter und Co. können über ein solches Freizeitangebot nur schmunzeln. Auf die aktuellen Elitekicker wartete in Südafrika im Mannschaftshotel „Velmore Grande“ ein eigens für sie eingerichteter „Funpark“ mit Billardtischen, Dartscheiben, Tischtennisplatten und weiteren Unterhaltungsgeräten, die ein Berliner Unternehmen installiert hat. Die „Generation Playstation“ wird verwöhnt. Auch sonst erinnert wenig an die gute alte Zeit.

Jüngstes deutsches WM-Team seit 1934

Die Mannschaft um Bundestrainer Joachim Löw wird die jüngste seit dem ersten Auftritt einer deutschen Elf bei dem Weltturnier im Jahre 1934 sein. Fast könnte man meinen, am 13. Juni beim Auftaktspiel der Deutschen gegen Australien beginnen die Bundesjugendspiele. Das Durchschnittsalter der 23 Spieler liegt bei 24,9 Jahren – kein Wunder, dass das Hotel zu einer Art Disneyland wurde. 14 Akteure haben ihr 25. Lebensjahr noch nicht vollendet, zwölf haben bislang zehn Länderspiele oder weniger absolviert.

Doch das muss kein Nachteil sein. Glänzte Deutschland bislang zumeist mit gestandenen Haudegen, die mit deutschen Tugenden den Gegnern das Fürchten lehrten, wird nun jugendliche Frische einziehen in das traditionell eher biedere Spiel. Das letzte Testspiel gegen Bosnien, das Deutschland 3:1 gewann, war ein erster Vorgeschmack. Die WM 2006 in Deutschland zog ihren Reiz vor allem aus der Euphorie im Land – weniger aus der spielerischen Qualität. Jetzt könnte es die Unbekümmertheit und Spielfreude der Mannschaft sein. Ein ganz neues WM-Gefühl.

Gleichwohl wird es die experimentellste Weltmeisterschaft der deutschen Fußballgeschichte. Neuer Spielführer nach dem Ausfall von Mannschaftskapitän und Leitfigur Michael Ballack, der sich einen Syndesmosebandriss zuzog, wurde Philipp Lahm (26). Die Hoffnungen ruhen auch auf Bastian Schweinsteiger (25) und Lukas Podolski (24). Und wenn es optimal läuft, werden junge Wilde wie Toni Kroos (20), Marko Marin (21), Mesut Özil (21) und Jerome Boateng (21) einspringen.

"Kaiser" Franz lag falsch

Bundestrainer Löw vertraut den Jungen – und er wird ihnen vertrauen müssen. Was bleibt ihm auch anderes übrig, er hat keine Alternativen. Routiniers wie Thorsten Frings oder Bernd Schneider wurden entweder aussortiert oder beendeten ihre Karriere. Viel mehr ist derzeit an erfahrenen Spielern jenseits der 30 nicht auf dem Markt. Die Gründe für Löws aktuelles Dilemma liegen 20 Jahre zurück. Damals wähnte sich der deutsche Fußball unverwundbar, und Teamchef Franz Beckenbauer sprach nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 einen ebenso legendären wie falschen Satz: „Durch die Wiedervereinigung und die Spieler aus der DDR wird Deutschland auf Jahre unschlagbar sein.“

Es kam anders: Die Granden des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) berauschten sich an der vermeintlichen Unschlagbarkeit und vernachlässigten die Jugendarbeit. Erst als das deutsche Flaggschiff bei der Europameisterschaft 2000 in der Vorrunde ausgeschieden war, wurde gehandelt. Mittlerweile läuft das eilig aufgelegte Förderprogramm auf vollen Touren. Was fehlt, sind die 30-Jährigen, die in den bräsigen 90er-Jahren um ihre Grundausbildung gebracht wurden.

Nun wird es spannend: Gelingt es der deutschen Mannschaft, aus der Not eine Tugend zu machen? „Jetzt sind alle gefragt, diesen Ausfall zu kompensieren“, hatte Löw das Team nach der Ballack-Absage in die Pflicht genommen. Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger berief sich auf das alte Musketiermotto „Einer für alle, alle für einen“: „Das Team ist es seinem Kapitän schuldig, eine gute WM zu spielen.“ Objektiv gesehen kommt die WM zu früh: Löws Mannschaft bräuchte eigentlich noch ein, zwei Jahre, um Erfahrung zu sammeln. Schließlich stehen sechs Spieler im Kader, die im vergangenen Jahr Europameister der unter 21-Jährigen wurden.

Junge Menschen in verantwortungsvollen Positionen sind jedoch im Trend. Vor zwei Wochen verzauberte eine gerade 19-Jährige Nation und Kontinent beim Eurovision Song Contest in Oslo mit ihrem Charme. Unbekümmert, aber erfolgsorientiert. Die „Bild“-Zeitung verpasste sofort Löws Elf in einer Fotomontage Lenas Haarschnitt, nach dem Motto: „Elf Lenas müsst ihr sein.“

Jugendliches Alter karrierefördernd

„Es gibt bei den Jugendlichen eine unheimlich hohe Bereitschaft, in die eigene Bildung zu investieren. Man kann von einer auffallend hohen Karriereorientiertheit sprechen“, sagt Klaus Hurrelmann, Jugendforscher und Leiter der Shell-Studie, die die Befindlichkeiten der Teens und Twens beschäftigt. Nichts ist es mehr mit „null Bock“ und „No Future“. Stimmen die Studien, drängt nicht nur in der Nationalmannschaft der Nachwuchs nach vorn. Lena, die neben dem Gesangsauftritt auch noch mitten im Abiturstress steckte, ist das beste Beispiel.

Dass ein (verhältnismäßig) jugendliches Alter auch in der Politik nicht nur Hindernis, sondern sogar karrierefördernd sein kann, zeigt ein Blick auf die aktuelle Bundesregierung. Das ist die prinzipienfeste Familienministerin Kristina Schröder (32) von der CDU, die sich nach unsicherem Auftreten zu Beginn inzwischen sicher in ihrem Ressort bewegt. Da ist Gesundheitsminister Philipp Rösler (37) von der FDP, der einen Posten übernommen hat, den seine Vorgänger nach kurzer Zeit verfluchten, der als Arzt aber weiß, wovon die Rede ist – auch wenn seine Reformpläne bislang rüde zerrissen wurden. Und da ist der Jungstar der CSU, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (38), der schon als neuer Wirtschaftsminister durch beherztes Auftreten und unkonventionelle Haltungen in der Opel-Krise Schlagzeilen machte.

Alle drei haben es – wie auch FDP-Generalsekretär Christian Lindner (31) – sehr schnell in höchste Ämter geschafft, erfrischen die Politik mit ihrer relativen Jugend und trotzen – bislang erfolgreich – allen Anfeindungen. Ähnliches trifft auf weitere Bereiche zu. Das Bundesverfassungsgericht bekam mit Andreas Voßkuhle (46) gerade den jüngsten Präsidenten aller Zeiten. Und im Dezember trat Anglistikprofessor Joybrato Mukherjee (36) das Präsidentenamt an der Justus-Liebig-Universität Gießen an – ebenfalls als jüngster Vertreter seiner Gilde.

Gesucht werden neue Effenbergs und Kahns

Pragmatische, andererseits auch unangepasste junge Generation hat Forscher Hurrelmann in seinen Studien ausgelotet. Matthias Sammer würde das sofort unterschreiben. Jung, forsch, furchtlos, so stellt sich der Verantwortliche für die Jugendförderung beim DFB auch den kickenden Nachwuchs vor. Der deutsche Fußball habe über Jahre nur angepasste und sympathische Spieler hervorgebracht, sagt er, und spuckt das Wort „sympathisch“ dabei verächtlich wie einen alten Kaugummi aus. Für ihn, der 74 Länderspiele für die DDR und Bundesrepublik absolvierte, sind solche Fußballer ein Graus.


Sammer galt zu seiner aktiven Zeit als „harter Hund“. Platzwunden ließ er sich an der Seitenlinie tackern, ehe er weiterspielte. Seit er beim DFB 2006 die Nachwuchskoordination übernahm, propagiert er die Leistungsgesellschaft. „Unser Ziel ist die Weltspitze. Doch dafür brauchen wir unangepasste Spieler, die kompromisslos an Herausforderungen herangehen“, betont der 42-Jährige. Gesucht werden die neuen Effenbergs und Kahns – kernige Kerle voller Erfolgshunger und Siegermentalität. Wer hätte die nicht gern in einer Zeit, in der es Jugendliche noch immer vor allem in die Negativschlagzeilen schaffen, wenn sie prügeln, saufen oder sich anderweitig daneben benehmen.

Sammers Wünsche und Hurrelmanns Untersuchungen decken sich mit den Erkenntnissen von Bundestrainer Joachim Löw. Dessen Führungskräfte sind Mitte 20, haben aber schon die Erfahrung der Alten. Lukas Podolski holte bei seinem Einsatz gegen Ungarn am vergangenen Samstag Uwe Seeler ein, der sein 72. und letztes Länderspiel vier Tage nach seinem 34. Geburtstag machte. Podolski wurde am 4. Juni 25 Jahre alt. Auch andere haben bereits Einsatzzeiten absolviert, die man früher nur in der Endphase der Karriere erreichen konnte. Eine Garantie für Erfolg ist das nicht. Wenn es mit dem Titel klappt, wäre es der größte Coup seit 1954.