Wer dieser Tage nach Johannesburg kommt, begegnet auf den ersten Blick der Liebe der Südafrikaner zu ihrer WM. Gleich auf dem Flughafen hat uns ein Plakat mit Herz und Gefühl empfangen: Nelson Mandela beim innigen Tete a Tete mit dem WM-Pokal. Auch Jacob Zuma, den amtierenden Präsidenten, sehen wir an allen Straßenecken zärtlich und erregt mit dem edlen Stück: Daheim gönnt er sich heißblütig einer Vielzahl von schönen Frauen – doch für die WM-Trophäe, wird gemunkelt, würde er sogar die Mona Lisa von der Bettkante stoßen.
Bis hierhin klingt alles perfekt, wenn nur nicht die Kehrseite wäre: Dieser Goldpokal ist höllisch viel wert, und nun ist das Objekt der Begierde auch noch in Johannesburg gelandet, wo einem schon die mittelmäßig Ängstlichen raten, an der Ampel bei Rot nicht zu halten, weil die Chance sonst groß ist, dass einem die Uhr vom Arm oder der gepiercte Klunker aus der Nase gerissen wird.
Wird der WM-Pokal beim Endspiel noch da sein? Wie sicher ist er? Wer passt auf ihn auf?
So leichtsinnig wie anno ’06 wird die Fifa diesmal nicht sein. Vor der damaligen deutschen WM ist der wertvolle Cup – 37 Zentimeter hoch, sechs Kilogramm schwer, aus massivem, 18-karätigem Gold – wochenlang arglos herumgereicht worden auf Ausstellungen, die Bundeskanzlerin hat ihn sogar kurz auf den Schoß nehmen dürfen, und die Fans durften sich scharenweise mit dem Pokal fotografieren. „50 Euro würde ich zahlen“, haben wir einen WM-Freak seinerzeit stöhnen hören, „wenn ich ihn anfassen dürfte.“
Das geht natürlich nicht. Auch jetzt nicht. Aus Paris ist das Luxusstück eingetroffen, mit begehrlichem Blick hat das Luxusmodel Naomi Campbell den Pokal dort in einem vom Luxusdesigner Louis Vuitton entworfenen Luxuskoffer verstaut, und seither ist er, behauptet Fifa-Chef Sepp Blatter, „auf sicherer Reise“.
Wenn er bei Riana und Arno versteckt wäre, so wie wir, hätten wir ein besseres Gefühl. In deren „Birdsong Guesthouse“ sind wir am Samstag eingezogen. Es gibt dort ein stählernes Gartentor, schwere Riegel, zwei Wachhunde und, falls die verschlafen, flankierend noch ein Dogge, und glaubhaft sagt Riana: „Ihr seid sicher.“
Aber wie sicher ist jetzt der WM-Pokal?
Fragen Sie seinen Vorgänger! Das heißt, wir können ihn nicht mehr befragen. Der Coupe Jules Rimet, erschaffen für das erste WM-Turnier 1930, ist verschollen. 1983 wurde die Statuette von Banditen aus einer Vitrine des brasilianischen Fußballverbandes gestohlen, vermutlich eingeschmolzen und in Form anoymer Barren verscherbelt – aber es war schon ein Wunder, dass die Trophäe überhaupt den Krieg überstanden hatte. Der italienische Fifa-Vizepräsident Ottorino Barassi verbarg sie jahrelang in einer Schuhschachtel unter seinem Bett.
Die Engländer wären 1966 froh gewesen über ein so sicheres Versteck. Kurz vor der WM wurde ihnen der Pokal bei einer Präsentation von lichtscheuen Gestalten gestohlen. Bei Scotland Yard ging eine hohe Lösegeldforderung ein, und die teuersten Detektive stocherten im Londoner Nebel – bis eine Woche später der Hafenarbeiter David Corbett mit seinem Hund Pickles, einer fragwürdigen Promenadenmischung, Gassi ging und die Spürnase in einem Vorgarten plötzlich zu scharren begann und den in Zeitungspapier eingewickelten Pokal ausbuddelte.
Der Hund wurde zum Ritter geschlagen, aber es hat mit Sir Pickles später kein gutes Ende genommen: Bei der Verfolgung einer Katze blieb er mit dem Halsband in einem Lattenzaun hängen und hat sich selbst stranguliert.
Wie die Engländer auf den ruchlosen Diebstahl des WM-Pokals damals reagiert haben? Clever. Heimlich ließen sie sich von einem Juwelier eine vergoldete Bronzekopie der Statue gießen, und beim Endspiel am 30. Juli 1966 kamen angeblich zwei Pokale zum Einsatz: Das Original überreichte die Queen nach dem Abpfiff an Kapitän Bobby Moore – doch im Getümmel der Freudentänze soll der echte Cup von einem Polizisten ausgetauscht worden sein gegen die Fälschung.
Und schon sind wir bei der Frage aller Fragen: Lässt sich auch der neue WM-Pokal in Johannesburg von einem Double vertreten – oder verstaut ihn Sepp Blatter in einer Schuhschachtel unter seinem Bett, bevor sich ein Unwürdiger das edle Stück mit dem Halbedelstein im Sockel unter den Nagel reißt oder Jacob Zuma es womöglich heimlich seinen Lieblingsfrauen schenkt? Der kennt schließlich seine Mädels, wie hat schon Marilyn Monroe gesungen: „Diamonds are a girls best friends.“
Das wird jedenfalls noch ein langes Zittern, bis das edle Goldstück am 11. Juli endlich in die richtigen Hände gerät – die von Philipp Lahm.





