Der Trost kam von oberster Stelle. Südafrikas ehemaliger Präsident Nelson Mandela hatte das sportliche und menschliche Drama, das sich im Johannesburger Soccer City Stadion abgespielt hatte, am Fernseher verfolgt. Und die Trauer, die sich am Freitag kurz vor Mitternacht über den gescheiterten Elfmeterschützen Asamoah Gyan, Ghana, den Kontinent legte, ergriff auch den 91-Jährigen.
Mandela steht wie kein Zweiter für die Hoffnung Afrikas. Er hatte dem ghanaischen Fußballteam seine guten Wünsche bereits vor dem Viertelfinale übermittelt. Es sei ihm „ein großes Vergnügen“ gewesen, Ghanas Weg ins Viertelfinale zu verfolgen – zumal es sich um die erste WM auf afrikanischem Boden handele. „Wir schließen uns allen auf diesem Kontinent und in der Diaspora an und wünschen euch viel Glück, die nächsten Runden in diesem Turnier zu erreichen.“
Doch als er nach dem tragischen Aus Ghanas sah, wie jede Energie aus dem Körper des jungen Stürmers Gyan schwand, wie sich der Schock nach der 3:5-Niederlage im Elfmeterschießen gegen Uruguay in ihn bohrte, übermittelte Mandela eine zweite Nachricht. „Er wollte Asamoah wissen lassen, dass er stolz auf ihn und seine Leistung sei“, sagte Kwesi Nyantakyi, der Präsident des ghanaischen Fußballverbands.
Mit seinem engagierten, erfrischenden Fußball hat Ghana die Hoffnung Afrikas am Leben gehalten. Doch zerschellt war die Mannschaft in der Nachspielzeit der Verlängerung an einer schmucklosen Realität im Profigeschäft: Uruguays Stürmer Luis Suarez hatte beim Stand von 1:1 auf der Torlinie die unsportlichste aller Entscheidungen getroffen: Suarez wehrte auf der eigenen Torlinie stehend einen Kopfball von Ghanas Dominic Adiyiah mit beiden Händen ab. Statt des Siegtreffers, der den Einzug von Ghana ins Halbfinale bedeutet hätte, griffen die Regularien: Rote Karte für Suarez, Elfmeter. Der Rest ist bekannt: Asamoah Gyan jagt den Strafstoß an die Latte, Abpfiff. Das folgende Elfmeterschießen verlor Ghana 2:4.
Prompt bejubelte Uruguay seinen „Handballer“ Suarez. Der sagte, in Anspielung auf die WM 1986 und Diego Maradona: „Das war es wert, hinausgestellt zu werden. Am Ende ist die Hand Gottes jetzt meine.“ Zu der Situation sagte Suarez: „Es gab keine andere Möglichkeit.“
Damit bewahrheitete sich jene Untersuchung, die der Physik-Professor der TU Dortmund, Metin Tolan, aktuell veröffentlicht hat. Eine Analyse, ab wann eine Mannschaft Rote Karten in Kauf nehmen muss, ergab: „Wenn jemand in der 89. Minute frei aufs Tor zuläuft, muss man foulen.“
Und es stellt sich die Frage bei dieser WM, wo schon so oft über Regeländerungen diskutiert worden ist: Ob die Schiedsrichter in solchen Fällen nicht einen Ermessensspielraum erhalten sollen. Mit dem Ziel, grob unsportliche Aktionen, wie die von Suarez dahingehend zu bestrafen, dass er auf Tor erkennt.
In anderen Sportarten hat der Unparteiische diese Möglichkeiten. Etwa beim Eishockey, wenn ein Verteidiger das Tor aus der Verankerung reißt, um einen Treffer zu verhindern. Oder beim Basketball, wo der Referee mit der Goaltending-Regel entscheiden kann, ob ein abgeblockter Ball, der nicht durch den Ring geflogen ist, dennoch mit zwei oder drei Punkten gewertet werden kann.
Die „Welt am Sonntag“ fragte die deutschen Regelhüter – doch deren Meinung ist eindeutig. „Ein solcher Ermessensspielraum für Schiedsrichter ist regeltechnisch nicht machbar“, sagte Lutz-Michael Fröhlich. Der ehemalige Bundesliga- und Fifa-Schiedsrichter ist heute Abteilungsleiter für die Unparteiischen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). „Es ist schlicht nicht möglich, dass die Schiedsrichter ein Tor anerkennen, wo der Ball nicht im vollen Umfang die Linie überschritten hat.“
Auch das Argument, dass so der Betrüger am Ende als Sieger dasteht, lässt Fröhlich nicht gelten. „Schiedsrichter haben nicht über Betrug zu befinden. Sie ahnden die Verhinderung einer klaren Torchance. Deshalb hat der Schiedsrichter aus Portugal zu Recht die Rote Karte gezogen und auf Elfmeter entschieden.“
So blieb Ghana nur die Trauer. Tragischer Held war Gyan. Der hatte noch nach seinem 2:1-Siegtor im Achtelfinale gegen die USA gesagt: „Ich widme mein Tor Afrika, ich bin der glücklichste Mann dieses Kontinents.“ Gegen Uruguay traf Gyan zunächst die Latte. Im Elfmeterschießen half sein perfekt verwandelter Schuss nicht, Ghana schied aus. Gyan musste auf dem Weg zur Kabine von Weinkrämpfen übermannt gestützt werden.
Er fühlte sich in diesem Moment wohl an den Afrika-Cup 2008 erinnert. Damals erhielt er nach schwachen Leistungen Morddrohungen. Gyan stand unter Polizeischutz – und kurz vor dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft.
In Südafrika bleibt Ghana der Trost, am längsten von allen Mannschaften Afrikas im Turnier geblieben zu sein. Sechs Teams hatte der Kontinent gestellt, so viele wie nie zuvor. Doch die hoch eingeschätzten Mannschaften scheiterten allesamt in der Vorrunde. Südafrika an der Bürde der hohen Erwartungen, Kamerun am mangelnden Einsatz, Nigeria an seinem eigenen Verband, Algerien am Pech, die Elfenbeinküste an einer starken Gruppe.
Übrig blieben die „Black Stars“ aus Ghana. 16 der 23 Spieler waren 25 Jahre oder jünger. Tausende Südafrikaner hatten sich mit Fahnen der Westafrikaner eingehüllt, die Gesichter in den fremden Landesfarben bemalt. Der Kontinent stand hinter seinem letzten Vertreter.
Doch letztlich war es die Nähe zu dem großen Ziel – das Halbfinale gegen die Niederlande – die den Schmerz über den Stolz stellte. Ghana war das bessere Team, ging durch einen Fernschuss von Mittelfeldmann Sulley Muntari verdient in Führung (45.+2), war auch nach dem Ausgleich durch Uruguays Stürmer Diego Forlan (54.) überlegen, spielte selbst in der Verlängerung begeisternden Fußball.
Nach dem Drama, in dem der Erfolg von Uruguay das Fair Play überholt hatte, zeigte Ghanas Trainer Milovan Rajevac Größe: „Das ist eine sportliche Ungerechtigkeit, aber ich gratuliere Uruguay. Sie hatten das Glück auf ihrer Seite.“ Es war ein Moment der Trauer, nicht der Wut: „Es gibt keine Worte für unsere Gefühle.“ Das Märchen habe sich für Ghana nicht erfüllt.
Und doch vereint das Team den Kontinent. „Heute sind wir alle 900 Millionen (Afrikaner)? Ghanaer“, titelte die Johannesburger Zeitung „Sunday Independent“. Es bleibt hinzuzufügen: Nicht nur die.
Mitarbeit Uwe Bremer
sid/gm




