Die deutsche Nationalmannschaft möge es mir bitte nachträglich verzeihen. Als ich sie neulich gegen Ungarn habe spielen sehen, musste ich nach 45 Minuten den Fernsehkanal wechseln. An ihrer Performance lag es nicht. Die war sogar ganz gut. Aber wir hatten an jenem Abend Besuch und der wollte nicht wissen, wie das Spiel zu Ende geht. Der wollte schauen, ob es die 19 Jahre alte Lena aus Hannover schafft, in Oslo den Grand Prix zu gewinnen.

Ich, der Fußball-Trainer, gab also klein bei und fand es nach Mitternacht faszinierend, wie groß in unserem Haus die Freude über Lenas Sieg war. „Wir haben gewonnen“, sagte einer unserer Gäste. Und da war es plötzlich wieder: dieses Wir. Es war nicht vom Sieg der jungen Frau aus Hannover die Rede. Sondern einem Sieg der Deutschen. Wir Deutschen.

In Zeiten, in denen sich viele Menschen Sorgen um einen schwachen Euro machen, eine teils wenig souveräne Regierungspolitik beklagen oder die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche infrage steht, hat Lena für ein Highlight gesorgt – und für das Gefühl: Wir sind wer. Wir können aus eigener Kraft etwas bewegen und immer wieder an die Spitze kommen.


Ich sehe das auch als ein Signal an die deutsche Nationalmannschaft. Sie steht in Südafrika vor einer großen Herausforderung, aber wenn die Spieler an sich glauben und sich mit jeder Faser ihres Körpers für die Sache einbringen, wird sich auch der Erfolg einstellen. 2006 hat es die Mannschaft mit ihrem Fußball geschafft, bei ihren Mitmenschen den Stolz auf das eigene Land zu entfachen. Die Leute haben sich wieder getraut, Flagge zu zeigen. Ich glaube, dass auch diese Weltmeisterschaft der deutschen Mannschaft wieder eine große Möglichkeit bietet, etwas zu bewegen.

Jeder weiß, dass das Team von Bundestrainer Joachim Löw nicht zu den Titel-Favoriten gehört. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, kann diese junge Mannschaft in Südafrika eigentlich nur gewinnen. Wenn ich zuletzt mit Freunden und Bekannten gesprochen habe, habe ich immer wieder gehört, dass die Menschen in Deutschland vor allem wollen, dass diese Truppe ihre beste Leistung zeigt. Dass sie sich für ihr Land einsetzt und zerreißt. Wenn diese Mannschaft alles gibt und der Zuschauer erkennt, dass sie vielleicht nur auf Grund von fehlendem Glück oder der einen oder anderen individuellen Schwäche womöglich im Viertelfinale scheitert, ist alles gut. Dann wird es heißen: „Siehst du, selbst in einer schwierigen Situation mit dem Ausfall des Kapitäns und vier weiteren Spielern haben sie Außergewöhnliches geleistet.“ Das wäre ein erfolgreicher Kraftakt, der meiner Meinung nach auch ein wenig Mut für den Alltag in Deutschland machen könnte.

Die letzten beiden Tests haben mich zuversichtlich gestimmt. Zumal sich die Nationalmannschaft ja wieder generalstabsmäßig vorbereitet hat. Das ist ohnehin eine Maschinerie, die mittlerweile beim DFB so perfekt funktioniert wie kaum woanders.

Natürlich ist zuletzt oft darüber debattiert worden, ob diese Mannschaft nicht etwas zu jung und unerfahren für so eine große Aufgabe sei. Aber da bitte ich zu differenzieren. Natürlich ist ein Bastian Schweinsteiger mit 25 Jahren noch jung. Aber ist er unerfahren? Nein. Denn er hat schon 74-mal für Deutschland gespielt. Ist ein Lukas Podolski jung? Ja, er ist mit 25 noch jung. Aber ist er deshalb unerfahren? Nein, denn auch er hat schon 73-mal das Trikot mit dem Bundesadler getragen.

Beide gehen sie in ihr nun schon viertes großes Turnier. Ein Turnier, bei dem viel taktiert wird und wo man erfahren sein muss, wenn man auf höchstem Niveau bestehen will. Da musst du als Spieler wissen, wann du mal wegbleibst oder wann du draufgehen kannst. Bei einer Weltmeisterschaft braucht man Spieler, die erkennen, wann ein Gegner wackelt und wann sie nachsetzen müssen. Du brauchst Spieler, die ein Spiel lesen können und dadurch Taktik und Tempo bestimmen. Das sind die Jungs, die den Rhythmus vorgeben und die Balance auf dem Platz halten müssen.

Nun ist Michael Ballack eigentlich dafür genau prädestiniert. Aber es hilft nichts zu jammern. Ich denke, Bastian Schweinsteiger könnte auf Grund seiner Fähigkeiten und vor allem der Erfahrungen, die er in der vergangenen Saison beim FC Bayern gemacht hat, die Ballack-Rolle ausfüllen. Er ist ein Typ, der sich zu wehren weiß und taktisch unter Louis van Gaal noch mehr gereift ist. Im deutschen Spiel wird viel von Schweinsteiger abhängen.

Vom Alter und der Erfahrung her wäre Miroslav Klose normalerweise die zweite Stütze. Doch er muss erst einmal zusehen, in Form zu kommen. Wenn er das packt, wäre es ein großes Plus für Deutschland. Denn vor Klose hat die Konkurrenz Respekt. Mag sein, dass ich dafür von einigen belächelt werde. Das sollen sie gern tun. Aber ich sage es ganz deutlich: Klose in Top-Form ist im Spiel eine richtig gute Waffe.

Und Joachim Löw würde nicht derart konsequent an ihm festhalten, wenn er nicht von ihm überzeugt wäre. Er weiß doch als Bundestrainer nur allzu genau, dass er sich ins eigene Fleisch schneidet, wenn er auf die Falschen setzt.

Vielleicht zündet Klose ja jetzt gegen Australien. In einem Spiel, das die deutsche Mannschaft nicht verlieren darf. Ein Sieg wäre wichtig für den Turnierverlauf – und ein erstes, starkes Signal