Morgenpost Online: Joachim Löw, nach EM-Titels der U19 und U17 hat nun auch die deutsche U21-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft triumphiert. Entsteht gerade eine goldene Generation?

Joachim Löw : Das kann gut sein, die U21 hat in Schweden ein tolles Turnier gespielt. Das gibt für die Jungs und den gesamten Fußball einen Auftrieb. Solche Erfahrungen bei so einem Turnier zu gewinnen, ist schon wichtig für das Selbstbewusstsein. Das wird ihnen in den nächsten Jahren helfen.

Morgenpost Online: Haben Sie im Turnierverlauf denn einige Spieler gesehen, die wir bald im A-Team wieder sehen werden?

Löw : Das kann sein, hat aber weniger mit diesem Turnier zu tun. Einige waren ja schon bei uns und standen schon lange für die A-Nationalmannschaft unter Beobachtung. Individuell gesehen ist das seit langem die beste U21-Mannschaft Deutschlands. Ich war ja ein paar Tage vor Ort. Alle waren sehr konzentriert und fokussiert auf den Erfolg. Das gilt für Trainer und Spieler. Da hatte ich gleich ein gutes Gefühl. Zumal sie sich gesteigert haben. Spielerisch waren die ersten Partien außer dem Match gegen Spanien nicht unbedingt das Maß aller Dinge. Aber sie waren immer gut organisiert und sind diszipliniert in der Abwehr aufgetreten. Im Finale haben sie die Dominanz einer großen Mannschaft gezeigt. England war stark, aber im Laufe des Spieles haben wir sie niedergekämpft.

Morgenpost Online: Ihr Trainerkollege hat nach der U19-EM den zweiten großen Titel binnen von elf Monaten geholt. Geht noch mehr?

Löw (lacht): Natürlich, er bestreitet ja im September schon wieder die U20-WM. Die Erwartungen steigen immer mehr. Im Ernst: Es ist fantastisch, was er aus der Mannschaft gemacht hat, die er vor einem Dreivierteljahr mit allen ihren Problemen übernommen hat.

Morgenpost Online: Was zeichnet Hrubesch denn aus?

Löw : Wie ich Horst Hrubesch kenne, hat er eine sehr gute Ansprache, sagt klar und deutlich, was er will. Er schafft es, diszipliniert voranzugehen und der Mannschaft die Siegermentalität einzuimpfen. Das ist das Werk von Hrubesch, er vermittelt den Glauben an den Erfolg und geht beharrlich seinen Weg.

Morgenpost Online: Mesut Özil hat im Finale überragend gespielt, welche Perspektive hat er bei Ihnen?

Löw : Wenn Mesut sein Potenzial ausschöpft, dann ist er ganz einfach genial. Er hat etwas, das nur wenige Spieler beherrschen: Er ist effizient und zwar bei allen Aktionen. Jeder Pass von ihm in die Tiefe war sehr genau, nicht nur bei den Toren. Das schaffen nicht so viele Spieler in dieser Präzision. Er ist noch ein junger Spieler, da hat man es nie ganz so einfach. Aber wenn er so weitermacht, dann wird er mal ein internationaler Topspieler.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich in der Maßnahme bestätigt, alle U21-Spieler abzustellen, die bereits im A-Team aufgelaufen sind?

Löw : Das war für mich keine Frage, dieses Turnier hatte eine höhere Priorität als die Asienreise. Ich wusste, dass wir da Probleme bekommen und möglicherweise Kritik ernten. Aber für die jungen Spieler war die U21-EM viel wertvoller, als bei uns eine Reise mitzumachen, die natürlich einen gewissen Wert besitzt, aber nicht so einen so hohen wie das Turnier in Schweden.

Morgenpost Online: Torwart Manuel Neuer spielte eine famose EM. In wie weit haben Sie ihn auf der Rechnung für die WM 2010?

Löw : Er hat ja schon in der A-Nationalmannschaft gespielt und wir haben bereits vor Monaten gesagt, dass Manuel Neuer die Nummer vier ist. Er hat in den letzten beiden Monaten aber noch mal an Wert und an Vertrauen bei uns gewonnen. Bei ihm hat man auch von außen das Gefühl, dass er eine starke Führungspersönlichkeit ist. Er strahlt Ruhe und Kraft auf andere aus. Was er gehalten hat, war schon phänomenal. Seine Energie hat sich auf die Abwehr übertragen.

Morgenpost Online: Wann machen sich die drei Junioren-Titel in der A-Nationalmannschaft bemerkbar?

Löw : Die Spieler brauchen natürlich schon noch etwas Entwicklung, damit sie bei den großen Turnieren entscheidende Rollen spielen können. Die eine oder andere Problemstellung gibt es zudem. Die Mannschaft hat fast ohne Stürmer das Turnier bestritten. In der U20 und U19 haben wir auch nicht so viel Quantität und Qualität im Sturm. Sandro Wagner war in der U21 der einzige Stürmer. Daran müssen wir in der Ausbildung weiter arbeiten.

Aufgezeichnet von Roland Leroi