Zwei verschiedene Welten scheinen es für Lukas Podolski zu sein: Im Verein, beim Bundesligisten 1. FC Köln, spielt er glücklos – lediglich zwei Treffer gelangen ihm in der vergangenen Saison. In der deutschen Nationalmannschaft blüht der 25-Jährige jedes Mal auf und ist bei Bundestrainer Joachim Löw auch für die WM gesetzt. Am Sonntag gegen Australien bestreitet Podolski bereits sein 74. Länderspiel.
Morgenpost Online: Herr Podolski, ist die deutsche Mannschaft bereit für die Weltmeisterschaft?
Lukas Podolski: Ja. Wir haben gut trainiert, uns die Stärken und Schwächen des ersten Gegners angeschaut. In der Mannschaft ist Freude zu spüren, jeder zieht mit und kämpft für den anderen. Es kann losgehen.
Morgenpost Online: Alle loben die Stimmung im Team. Ist die wirklich so gut?
Podolski: Ja, die ist so gut. Aber die nützt uns nur etwas, wenn wir sie in den Spielen auch umsetzen. Die letzten Testspiele waren schon gut, aber Australien wird ein anderes Kaliber.
Morgenpost Online: Kein dankbarer Auftaktgegner?
Podolski: Wir sind Favorit, das ist klar. Aber wir wissen, dass sie eine relativ souveräne Qualifikation gespielt und Japan hinter sich gelassen haben. Sie bekommen nicht viele Gegentore und stehen defensiv sehr kompakt.
Morgenpost Online: Wird die junge deutsche Mannschaft den Ausfall ihres Kapitäns Michael Ballack kompensieren können?
Podolski: Wir beschäftigen uns nicht mehr damit, wie sehr er uns fehlen könnte, sondern wollen die Lücke schließen, die er hinterlassen hat. Dass uns ohne ihn eine Persönlichkeit fehlt, die die Gegner beeindruckt hat, ist doch klar. Aber jetzt fehlt er, und wir werden damit leben müssen.
Morgenpost Online: Manchmal gibt es ja das Phänomen, dass andere aufdrehen, wenn der Führungsspieler weg ist.
Podolski: Von uns hat sich keiner hinter Michael versteckt. Er war ein wichtiger Spieler, hat den Jungen viel geholfen. Sein Ausfall ist kein Vorteil für uns. Aber es ist auch nicht der Weltuntergang. Wir haben genug Spieler mit internationaler Erfahrung, die in die Bresche springen können.
Morgenpost Online: Ist Deutschland noch Favorit?
Podolski: So richtig als Favorit werden wir ja nicht gehandelt. Aber das wurden wir bei den vergangenen Turnieren auch nicht, und wir hatten trotzdem Erfolg. Ich glaube, die anderen Mannschaften können uns nicht so richtig einschätzen. Das kann ein Vorteil sein. Wir haben vielleicht nicht die Superstars wie Argentinien oder Spanien in unseren Reihen, sondern müssen andere Dinge in die Waagschale werfen.
Morgenpost Online: Die berühmten „deutschen Tugenden“?
Podolski: Kämpfen und Laufen gehört immer dazu. Aber wir können mittlerweile mehr. Jetzt haben wir Spieler wie Mesut Özil, Marko Marin oder Bastian Schweinsteiger, die einen eleganten Ball spielen können. Dass man mitspielt und Tempo macht, statt nur auf Kampf zu setzen, ist mittlerweile enorm wichtig. Wir trainieren viel im technischen und taktischen Bereich. Kampf- und Siegeswille haben wir allerdings immer noch.
Morgenpost Online: Sie sagten unter der Woche, Deutschland sei reif für den Titel.
Podolski: Ich wollte damit sagen, dass unsere Klasse nichts mit dem geringen Durchschnittsalter zu tun hat. Wir haben erfahrene Spieler. Die sind vielleicht nicht über dreißig, aber Leute wie Schweinsteiger, Lahm, Mertesacker oder ich haben nun mal schon viele Länderspiele absolviert. Es geht nicht ums Alter beim Fußball, nur um die Frage: Ist einer gut oder ist er es nicht?
Morgenpost Online: Also ist tatsächlich der Titel das Ziel?
Podolski: Ja. Wir sind hier hingekommen, um das Bestmögliche zu erreichen. Und das ist nun mal der Titelgewinn. Alles andere wäre doch halbherzig.
Morgenpost Online: Sie stehen vor Ihrem 74. Länderspiel.
Podolski: Wahnsinn, oder? Die Zeit ist so schnell vergangen. Mit 17 bin ich Profi geworden – das ist sieben Jahre her. Mir kam das aber höchstens wie drei Jahre vor. Es geht alles so schnell. Manchmal, wenn ich Zeit habe, denke ich darüber nach, was ich schon alles erlebt habe und frage mich: Kann das eigentlich alles wahr sein?
Morgenpost Online: Geben Sie als „Altinternationaler“ Ihre Erfahrungen an die jungen Spieler weiter?
Podolski: Ich bin keiner, der die Neuen jetzt zu Einzelgesprächen in sein Zimmer bittet oder unbedingt die Kapitänsbinde haben will. Ich helfe auf meine Art.
Morgenpost Online: Wie schwer ist es, sich diese Unbefangenheit zu erhalten?
Podolski: Das geht schon. Aber ich muss gestehen, dass die vergangene Saison in Köln nicht einfach für mich war. Der Druck war größer als erwartet. So extrem hatte ich es mir nicht vorgestellt. Trotzdem steht der Spaß im Vordergrund.
Morgenpost Online: Ihr Sohn Louis ist zwei Jahre alt. Macht er Ihnen viel Freude?
Podolski: Wenn ich mal niedergeschlagen bin, weil wir verloren haben oder ich schlecht gespielt habe, kommt er angelaufen, und dann ist alles wieder gut.
Morgenpost Online: Hat Sie die Vaterrolle verändert?
Podolski: Natürlich. Jeder, der ein Kind hat, weiß, wie einen das verändert. Plötzlich hat man mehr Verantwortung. Ich habe Kinder schon immer geliebt. Wenn wir hier in Südafrika mit unserem Bus durch die Straßen fahren, sehe ich die Kids nebenher laufen und freue mich.
Morgenpost Online: Viel mehr als einen flüchtigen Blick bekommen die jungen Fans allerdings auch nicht zu sehen. Nervt es Sie, so abgeschirmt zu sein?
Podolski: Das muss leider so sein. Auch aus Sicherheitsgründen. Außerdem wollen wir uns voll auf die WM konzentrieren. Aber wenn es sportlich gut läuft, wird das sicher etwas lockerer und wir dürfen auch mal raus.
Morgenpost Online: Ihr Kollege Bastian Schweinsteiger möchte nicht mehr „Schweini“ genannt werden. Darf man zu Ihnen noch „Poldi“ sagen?
Podolski: Klar, da habe ich kein Problem mit. Soll ich sagen, wenn mich einer Poldi nennt: „Hey, stopp, ich heiße Lukas Podolski?“ Nein, Poldi ist doch kein Schimpfwort, sondern drückt ja eher Sympathie aus.
Morgenpost Online: Sie sprachen die schwere Saison in Köln an. Warum blühen Sie bei der Nationalmannschaft stets auf, auch wenn es im Verein schlecht läuft?
Podolski: Bei der Nationalmannschaft herrscht diese positive Stimmung, die ich mag. Jeder versucht alles für das Team zu tun. In Köln haben wir manchmal das Problem, dass es Leute gibt, die vor allem darauf achten, dass es ihnen selber gut geht.?
Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Bundestrainer Joachim Löw für Sie?
Podolski: Es macht einfach Spaß, unter ihm zu arbeiten. Man hat ein positives Gefühl, wenn man hier trainiert. Der Bundestrainer liebt den Fußball. Jogi Löw ist einer, der mich vielleicht am meisten vorangebracht hat in meiner Entwicklung. Ich hoffe sehr, dass er noch lange Bundestrainer bleibt.
Morgenpost Online: Wenn man sich die Fülle an jungen Spielern anguckt, dürfte Deutschland vor einer guten Zukunft stehen.
Podolski: Ja, das sage ich auch immer. Deshalb ist es ja im Hinblick auf die nächsten Turniere ein Vorteil, so viele Junge jetzt schon dabei zu haben. Wenn ich mir die spanische, englische oder italienische Mannschaft anschaue – da sehe ich keine Zwanzigjährigen, die in der Startformation stehen. Oder eine Generation um die 25, die schon 60 oder 70 Länderspiele haben.
Morgenpost Online: Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Zukunft?
Podolski: Erst mal denke ich nur an die WM. Aber natürlich hoffe ich, dass beim 1. FC Köln in der Sommerpause einiges gemacht wird. Der Verein hat so viel Potenzial, da wird viel zu wenig draus gemacht.
Morgenpost Online: Sie wirken nicht gerade glücklich über Ihren Wechsel von München zurück nach Köln vor einem Jahr.
Podolski: Ich habe gewisse Dinge unterschätzt. Natürlich haben wir gute Spieler im Kader, aber die abgelaufene Saison war nicht gut, weder von mir noch von der Mannschaft. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen das gesehen und analysiert haben.
Morgenpost Online: Trotz lediglich zweier Saisontreffer stand Ihre WM-Teilnahme nie zur Debatte, die von Miroslav Klose dagegen schon. Hat Sie das eigentlich überrascht?
Podolski: Ich habe bei der Nationalmannschaft immer meine Leistung gebracht und dem Bundestrainer sein Vertrauen zurückgezahlt. Auch Miro verdient dieses Vertrauen. Er arbeitet hart im Training und wird ein gutes Turnier spielen, da bin ich sicher.





