An großen Worten mangelt es nicht: „2010 ist unser Jahr“ sowie: „Unsere Zeit ist gekommen“. So sprach jetzt am Jahresanfang Danny Jordaan, südafrikanischer Chef der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden. Und tatsächlich, zum ersten Mal, seit der Vergabe des riesigen Sportspektakels ans Kap der Guten Hoffnung flattern jetzt auch bei den sonst unerschütterlichen Gastgebern ein wenig die Nerven – vermischt mit Vorfreude.

Das Eröffnungsspiel der leider nach wie vor völlig desolaten Nationalmannschaft „Bafana-Bafana“ („Die Jungs“) gegen Mexiko findet am 11. Juni in Johannesburg statt. Bis vor rund 15 Jahren hatten in Südafrika nur die Sportarten Rugby und Kricket internationalen Rang; zuweilen – schließlich handelt es sich um ein Land mit rund 300 Sonnentagen im Jahr – fanden noch Hockey, Leichtathletik und Schwimmen Erwähnung.

Doch der internationale Sportboykott in den 80er- und 90er-Jahren, verhängt als Strafe für die einzigartig-böse Apartheid, strangulierte zusehends das sportliche Geschehen. Bis heute fällt es den alten, weißen Machthabern schwer einzugestehen, dass genau diese internationale Ächtung im Sport dazu beitrug, den Weg zur ersten demokratischen Wahl 1994 zu glätten.

Unvergessen, und jetzt auch in einem tollen Hollywood-Film gewürdigt („Invictus“, Regisseur: Clint Eastwood, im Februar in den deutschen Kinos) die Geste des Sportfans und ersten demokratischen Präsidenten Nelson Mandela, der 1995 in die Umkleidekabinen des damals noch ganz überwiegend weißen Rugbyteams ging. Er streifte das Trikot des Spielführers über und peppte die harten Jungs dermaßen auf, dass sie sogar die Weltmeisterschaft gegen den Favoriten und Erzrivalen Neuseeland gewannen. „Sport“, so die Message des alten Politstars, „überwindet Barrieren erfolgreicher als viele, viele Worte von Politikern.“

Ein solches Wunder im Fußball erwartet zwar jetzt niemand in Südafrika, jedenfalls nicht auf dem Rasen. Aber zumindest als Veranstalter will Südafrika in die Fußballgeschichte eingehen. Und das könnte gelingen.

Die weltweite TV-Übertragung der WM-Ziehung Anfang Dezember aus Kapstadt war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern zeigte auch ein lachendes, singendes, ein tanzendes und gut gelauntes Land am Kap. Auf dem „Green Market“ mitten in der City betreiben Zuwanderer aus allen Ländern des schwarzen Kontinents ihre bunten Verkaufsstände. Auch hier war die Message unmissverständlich: Die erwarteten 450.000 Gäste zum World Cup werden mit offenen Armen empfangen – und hoffentlich haben sie auch große Portemonnaies.

Probleme bleiben, obwohl alle Bauarbeiten an den zehn, übers ganze Land verteilten Stadien jetzt in die letzte Runde gehen. Ein Sorgenkind ist der öffentliche Transport, der größtenteils mit privaten Kleinbussen abgewickelt wird.

Es handelt sich um ein Riesengeschäft mit mafiösen Hinterleuten, wo einzelne Bosse tausende von Fahrzeugen kontrollieren. Die musikdröhnenden Kisten sind zum Teil in unfassbar schlechtem Zustand, der Fahrer und sein Helfer sind nicht selten bewaffnet, und hierzulande sprechen sie von fliegenden Särgen. In den nächsten fünf Monaten soll sich noch vieles auf diesem Sektor bessern, heißt es offiziell.

Nächstes Problem: Südafrikas Kriminalität, mit unverhältnismäßig hoher Gewaltbereitschaft. Ein Bummel durch Kapstadt ist zwar mittlerweile Tag und Nacht möglich, weil Dutzende von Kameras zentral alles überwachen und die Polizei binnen Minuten überall sein kann.

Doch obwohl die Staatsmacht aufgerüstet und die notorisch schlechte Bezahlung verbessert wurde – tausende von Polizisten stecken derzeit noch in der Ausbildung – sollte lange, einsame Wanderungen auf den weltberühmten Tafelberg zumindest nicht allein unternommen werden.

Unverhohlen appellierte Südafrikas größte Zeitung, die Johannesburger „Sunday Times“, zum Jahresbeginn auch, und gerade, an die Ganoven: „2010 müssen wir beweisen, dass wir eine führende Nation in der Welt sind.“ Der Patriotismus ist in der jungen Demokratie bei allen Südafrikanern, über alle Hautfarben hinweg, unverhohlen.

Paul Schumacher hat über 20 Jahre als Korrespondent aus Afrika für den „Spiegel“ berichtet. Er lebt heute auf seiner Weinfarm bei Kapstadt.

.