Kolumne "Abseits"

ManU-Coach – Titelsammler und Spielerschreck

Er ist das Gesicht von Manchester United – trotz all der Beckhams und Ronaldos: Trainer Sir Alex Ferguson coacht den Champions-League-Titelverteidiger seit 23 Jahren. Bei den Fans ist er populär, die Spieler fürchten ihn. Denn ein Triumph gegen den FC Barcelona reicht ihm nicht. Er verfolgt ein noch größeres Ziel.

Nach einer Saison werden im Fußball Bilanzen gezogen. Manchmal sogar Lehren. Eine Lehre dieser Bundesligasaison ist: Wenn du noch nie Deutscher Meister warst und es werden willst, gib einem Trainer Macht. Wolfsburg hat es begriffen und hält am Modell Magath fest, obwohl der Mann nun das Weite sucht. Nachfolger Armin Veh bekommt ebenfalls drei Ämter.

Die nächste Lehre kommt aus England: Wenn du dauerhaft in der Champions League erfolgreich sein willst, gib einem Trainer Macht – und Zeit. Am Mittwoch sitzt Sir Alex Ferguson (67) mal wieder in einem Finale auf der Bank, zum dritten Mal in seiner Karriere. 1999 und 2008 hat er es schon gewonnen, weit zuvor zweimal den Europacup der Pokalsieger, und wer seine nationalen Titel zählen will, muss sich einen Vormittag frei nehmen: 39 sollen es sein, 31 davon mit Manchester United.

Es ist das Ergebnis einer einzigartigen Verbindung im europäischen Fußball, die umso mehr verwundern muss, weil „Sir Alex“ ein Schotte ist. Folgerichtig begann er seine Titelsammlung in seiner Heimat für den FC Aberdeen und den FC St. Mirren. Dort lief er immer freitags vor Heimspielen mit dem Megafon durch die Stadt und bat die Menschen, samstags gefälligst ins Stadion zu kommen. Aller Anfang ist eben schwer.

In diese Zeit fiel seine bis dato einzige Entlassung. Vor ziemlich genau 31 Jahren wurde ihm Steuerbetrug vorgeworfen. Er ging vor Gericht, und der Richter fällte ein sagenhaftes Fehlurteil: „Der Kläger besitzt weder Erfahrung noch Talent für den Trainerjob.“ Den führt Ferguson nun schon 23 Jahre ununterbrochen bei „ManU“ aus – Europarekord für Erstligaklubs. Bei Celtic Glasgow arbeitete Willie Maley mal 43 Jahre in Folge, aber das war vor dem Krieg. Der Franzose Guy Roux schaffte in Auxerre 36 Jahre am Stück.

Heute ist eine solche Kontinuität unvergleichlich, und Thomas Schaafs allseits bewunderte zehn Bremer Jahre wirken beinahe putzig gegen Fergusons Ära. Schon längst ist er das Gesicht von „ManU“ – trotz all der Beckhams und Ronaldos, die durch seine harte Schule gingen. Das können Millionen Fernsehzuschauer am Mittwoch besonders gut sehen, denn die Fans haben eine Choreografie mit Hunderten von Pappkartons vorbereitet, um ein überdimensionales Konterfei ihres Trainers zu präsentieren.

Populär ist er nur bei den Fans, die Spieler fürchten ihn – das ist der Triumph der Trainer alter Schule. In der Kabine herrscht Krieg, wenn Ferguson wütend ist. Die Geschichte mit dem Fußballschuh, der das edle Haupt von David Beckham nur um Zentimeter verfehlte, ist nur die Spitze des Eisberges. Auch Wäschekörbe flogen schon, und einmal landete eine dreckige Unterhose im Gesicht eines Spielers. Zu lachen wagte keiner. Berüchtigt sind seine „Einzelgespräche“, wenn er sich Nase an Nase vor seinem Gegenüber aufbaut. Ryan Giggs erzählte: „Er keifte uns aus einem Zentimeter Entfernung an. Das nannten wir ‚Fergie-Föhn’. Damit hätte er die Haare eines Bataillons trocknen können.“

Er kann es sich leisten, einen Rauswurf muss Ferguson nicht fürchten. Dabei gelten auch für ihn die Gesetze des Geschäfts; und er hat sie verinnerlicht: „Als Zweiter bist du niemand“, sagte er und wurde am liebsten Erster – gerade hat er den Meisterhattrick in der Premier League geschafft.

Wenn Ferguson heute als erster Trainer nach Liverpools Bob Paisley zum dritten Mal die Champions League gewinnt, wäre es da nicht Zeit abzutreten? Wenn es am schönsten ist? Aber nein, Ferguson hat immer noch Ziele. Er will unbedingt englischer Rekordmeister werden und Liverpool überholen. Dazu fehlt noch ein Titel, „und vorher mache ich nicht Schluss“.

Doch dann wäre da immer noch die Sache mit einer Frühaufsteherin. „Was sollte ich denn den ganzen Tag anstellen? Meine Frau kickt mich doch morgens um sieben jeden Tag aus dem Haus.“ Das sind Probleme.