Die schmale schwarze Umhängetasche ist gut rumgekommen. Gabor Kiraly schleppt sie überall mit hin. Für die kleinen Dinge des Alltags ist sie praktisch und für Kiraly zudem eine Art privates Fundbüro. Und wie zum Beweis zieht er eine kleine silberne Medaille heraus. „Ich habe einfach vergessen, sie auszupacken, schon seit Monaten“, sagt Kiraly.

Ende Mai bekam er die Plakette überreicht, beim DFB-Pokalfinale in Berlin. Torwart Kiraly gehörte damals noch zum Kader von Bayer Leverkusen. Er spielte nicht, er saß nur auf der Bank. 0:1 verlor Leverkusen gegen Werder Bremen. Und seit diesem Tag nun fristet die Medaille ihr Dasein in Kiralys schwarzer Tasche.

Gabor Kiraly (33) wohnt mittlerweile in München, im Sommer verpflichtete ihn der TSV 1860 für zwei Jahre plus Option auf ein weiteres. Es ist sein dritter Klub in Deutschland, nach sieben Jahren bei Hertha BSC und einem ausgedehnten Abstecher nach England ließ er sich im vergangenen Winter nach Leverkusen ausleihen und nun zum Münchner Zweitligaverein München transferieren. Und weil der TSV 1860 am Mittwoch im Pokal die Berliner empfängt, sagt Kiraly: „Es ist ein besonderes Spiel für mich.“

Kiraly meint das nicht als Phrase. „Hertha war mein erster ausländischer Klub.“ Er kam mit 21 aus Ungarn nach Berlin, spielte mit Hertha in der Champions League und im Uefa-Cup, wurde in Ungarns Nationalmannschaft berufen. „In Berlin habe ich aber auch die deutsche Kultur kennen gelernt und die Sprache. Mit dem Verein und der Stadt verbindet mich viel“, sagt er.

Jeden Sommer ist Kiraly ein paar Tage in Berlin. Jeden Morgen widmet er sich der Lektüre im Internet. „Was meine ehemaligen Vereine machen, da weiß ich genau Bescheid.“ Mit Arne Friedrich, mit dem er sich bei Trainingslagern einst das Zimmer teilte, oder Landsmann Pal Dardai telefoniert er regelmäßig. „Ich bin keiner, der von einem Klub zum nächsten wandert und alles hinter sich lässt.“

Wenn Kiraly über seine Besuche in Berlin redet, dann sagt er, das sei „wie nach Hause kommen“. Er, der Ungar, sagt das auch über London, seinen ersten Wohnsitz, als er nach England wechselte. Er ist ein Fußball-Kosmopolit, der mit dem üblichen Hype nicht viel anfangen kann. Kiraly wählt seine Worte mit Bedacht und sagt Sätze wie diese: „Ich muss nicht in der nobelsten Gegend wohnen oder das größte Auto besitzen. Das ist alles nur Show.“ Seinen Mini fährt er seit zehn Jahren.

Auf dem Übungsplatz des TSV 1860 ist Kiraly von weitem zu erkennen. Er trägt immer noch jene weite, graue Jogginghose, die er schon vor Jahren kultivierte. Seine einzige Marotte, „die werde ich bis zu meinem Karriereende nicht ablegen“.

Münchens Trainer Ewald Lienen nennt ihn „den ruhenden Pol“ in einem ansonsten oft verunsicherten Defensivverbund; seine Vorderleute haben sich in dieser Spielzeit schon manchen Patzer geleistet. Vom Aufstieg träumten die Münchner vor Saisonbeginn, mittlerweile dümpeln sie im unteren Mittelfeld der Liga herum. „Wir haben die Qualität, im oberen Drittel mitzuspielen“, sagt Kiraly und mahnt zu Geduld: „Alles Neue braucht Zeit.“

In Berlin ist die Situation noch dramatischer. Hertha, dem Bundesligaletzten, fehle es an Stabilität, sagt Kiraly, „dazu kommen die vielen Verletzten“. Er haut nicht drauf ob der zuletzt gezeigten desolaten Vorstellungen der Berliner, Kiraly belässt es wegen der Nähe zu seinen alten Kollegen lieber bei netten Allgemeinplätzen: „Das Pokalspiel wird für beide Teams sehr wichtig“, sagt er nur.

Wechsel zu 1860 für Kiraly kein Abstieg

Dass Kiraly im Sommer in die Zweite Liga wechselte, hat bei vielen für Unverständnis gesorgt. Kiraly sagt: „Für mich war das kein Abstieg. Viele Spieler denken nur an die höchste Klasse, egal, ob sie spielen oder nicht. Ich frage mich, warum?“ In England habe er gelernt, auch die Tradition der zweiten Liga zu schätzen. Er spricht gern über seine fünf Jahre auf der Insel und die gelebte Tradition des dortigen Fußballs. „In Orten zu wohnen, wo der Fußball entstand, war Wahnsinn.“ Und dann erzählt er von seiner ersten Saison, dem Abstieg mit Crystal Palace. Fans seien danach zu ihm gekommen und hätten sich bedankt, dass er für Crystal Palace gespielt habe. „Ich war verwundert und habe ihnen gesagt, das ist doch mein Klub. Sie haben geantwortet: ‚Nein, das ist unser Klub. Du bist ein Spieler, der irgendwann wieder geht.’ Damals habe ich das englische Denken begriffen. Der Spieler wechselt, aber ein Fan bleibt, oft über Generationen hinweg.“

Nach seiner Karriere wolle er noch mal in einige Stadien, in denen er einst spielte, um auf der Tribüne das Gefühl zu erleben, das „ich nicht in Worte fassen kann“. Er zählt einige Arenen in England auf, selbst Viertligastadien sind darunter. In Deutschland ist es das Olympiastadion in Berlin, das er besuchen will.

Titel, sagt er, brauche er nicht, um glücklich zu sein. Natürlich habe er den Ehrgeiz, jedes Spiel gewinnen zu wollen. Der kürzeste Weg zu einem Titel sei der Pokal, sagt er, das wisse er. „Aber ans Finale denke ich wirklich nicht.“ Die Erinnerung an das vergangene Endspiel liegt ja noch in seiner Tasche.

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