Südamerika-Premiere 2016

Olympia in Rio – Chicago und Obama geschockt

Nach fünf erfolglosen Versuchen hat es Rio de Janeiro endlich geschafft: Zum ersten Mal in der Geschichte gehen Olympische Spiele nach Südamerika. Chicago, das sich große Chancen ausgerechnet hatte, konnte mit seiner durch US-Präsident Barack Obama unterstützten Bewerbung das IOC nicht überzeugen.

Die Sensation offenbarte sich schon nach dem ersten Wahlgang als erst dem deutschen Vizepräsidenten Thomas Bach und dann auch noch dem Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Gesichtszüge bis an den Rand des kurzfristigen Entsetzens entglitten.

Das Komitee stimmte am Freitag in Kopenhagen ab, ob Chicago, Rio de Janeiro, Tokio oder Madrid die Sommerspiele 2016 ausrichten dürfen. Und Chefjurist Bach zählte zu den ersten, die auf dem Computer sahen, dass seine Kollegen den Mitfavoriten Chicago zuerst aussortiert hatten, obwohl am Vormittag US-Präsident Barack Obama eigens zur Werbung für seine Heimatstadt spektakulär eingeflogen war.

Ex-Basketball-Star Michael Jordan von den Chicago Bulls gestand: „Ich bin geschockt.“ Die Machtdemonstration, ausgerechnet Chicago als erstes in einer Art Affront eliminiert zu haben, droht zum Bumerang zu werden: Bei gut vier Milliarden Dollar Einnahmen des Komitees in den vier Jahren einer Olympiade, stellen die USA mit ihren Sponsoren und dem Fernsehpartner den wichtigsten Markt des IOC da.

Erst im zweiten Wahlgang wurde der Außenseiter Tokio aussortiert, so dass ein finales Duell der beiden Metropolen folgte, die sich emotional am stärksten präsentiert hatten: Von den 100 wahlberechtigten IOC-Mitgliedern erhielt dann die ebenfalls favorisierte Stadt Rio de Janeiro die meisten Stimmen, während Madrid zum zweiten Mal hintereinander scheiterte.

Rio de Janeiro profitiert von seiner geopolitischen Argumentation: 30-mal bereits landeten die Spiele in Europa, zwölf Mal in Nordamerika, fünf Mal in Asien und immerhin noch zwei Mal in Ozeanien. Noch nie hatte zuvor neben einem afrikanischen ein südamerikanisches Land den Zuschlag bekommen, obwohl allein Rio bereits fünf erfolglose Bewerbungen hinter sich hatte: für 1936, 1940, 1960, 2004 und 2012. „Unter den zehn stärksten Wirtschaftsmächten der Welt ist Brasilien das einzige Land der Welt, das noch nie Olympia-Gastgeber war“, hatte Brasiliens Staatschef Luis Inacio Lula da Silva angemahnt. Zusätzlich profitierte sein Land von den Eigeninteressen vieler Europäer und dem bisherigen Wahlverhalten des IOC: Nach den Spielen 2012 für London und 2014 für Sotschi sollte Olympia nicht zum dritten Mal in Folge in Europa landen.

Eine Nation wie Deutschland war zudem gegen Madrid, weil sich sonst Münchens Chancen im Wettbewerb um die olympischen Winterspiele 2018 drastisch verschlechtert hätten: Dass Staaten desselben Kontinents gleich vier Mal in Folge Olympische Spiele veranstalten dürfen, gilt als völlig ausgeschlossen.

Insbesondere Chicago und Obama mussten damit eine bittere Pleite einstecken. Ohnehin war der US-Präsident durch die republikanische Opposition heftig für den Einsatz kritisiert worden: Er habe stattdessen daheim mit seiner Gesundheitsreform, der steigenden Arbeitslosigkeit und dem Afghanistan-Einsatz seiner Soldaten viel dringendere Probleme zu lösen. Womöglich hat sein Besuch sich bei den zur Eitelkeit neigenden Olympiern gar negativ ausgewirkt: Seit Obama seine Stippvisite bekannt gegeben hatte, konzentrierten sich Fokus und Interesse fast vollständig auf den Charismatiker. Sachthemen gerieten in den Hintergrund.

Chicago fehlte die Leidenschaft

Chicago hatte in der ersten Präsentation des Tages zu einseitig und einfach auf das Präsidenten-Ehepaar gesetzt. Bis Michelle Obama den Auftakt mit Emotionen anreicherte, präsentierte ihre Heimatstadt die Bewerbung mit der kühlen Aura einer professionellen Werbeagentur. Anders als die drei folgenden Konkurrenten versäumten die Amerikaner schon, der Session ihre Präsentatoren auf dem Podium vorzustellen. Und dann geriet, trotz einiger Tage Generalproben in Jütland, Bewerbungschef Patrick Ryan zwischendurch ins Stottern. Im einstudierten Text schilderte Brian Clay, Zehnkampf-Olympiasieger, äußerlich eher unbewegt, seine Rührung in der Eröffnungszeremonie der Spiele 2004: „Ich bin zusammen gebrochen und habe geweint.“

Wie später Rio de Janeiro und Madrid heraus arbeiteten, hätte Chicago größere Leidenschaft vor dem Auftritt der Obamas kaum geschadet – schon um sich vom folgenden Vortrag Tokios stärker abzuheben. So durfte die erste Familie der USA sich relativ exklusiv um Emotionen verdient machen. Präsidentengattin Michelle Obama legte im grellgelben Kleid vor, indem sie sich an ihre Kindheit mit ihrem unter Multipler Sklerose leidenden Vater erinnerte. Auch als sie auf seinem Schoß olympische Helden wie Carl Lewis und Nadia Comaneci im Fernsehen gesehen habe, hätte er ihr trotz seiner Krankheit die Werte des Sports näher gebracht. „Er zeigte mir, wie man einen Ball wirft und gemeinen rechten Haken schlägt“, sagte Frau Obama, „mein Dad wäre so stolz gewesen, diesen Spielen in Chicago beiwohnen zu können.“

Dann durfte sie „jemanden präsentieren, der sich mit Veränderungen auskennt“. Ehemann Barack Obama, für den sich Dänemark plötzlich in Alarmbereitschaft versetzen musste, plädierte achteinhalb Minuten lang im besten Wahlkampfstil: Nach einer rastlosen Jugend mit vielen Umzügen sei er schließlich in Chicago heimisch geworden. „Ich bitte Sie dringend, Chicago zu wählen“, flehte der US-Präsident, „Ich bitte Sie dringend, Amerika zu wählen.“

Pleite bahnte sich an

Bei den Fragen der Olympier bahnte sich die Pleite dann vorsichtig an. Während das Nationale Olympische Komitee den Rest der Welt verärgert, weil es unanständig viel höher an Sponsoren- und Fernseheinnahmen des IOC partizipiert als alle anderen, haben sich die USA schließlich mit ihrer Außenpolitik keineswegs nur Freunde auf der Welt gemacht. Also musste der smarte Staatschef erneut einspringen, als sich Syed Shahid Ali aus Pakistan nach Erfahrungen mit den strengen Einreisemodalitäten in den USA mit großer Skepsis nach künftigen Plänen erkundigte: Durchaus einsichtig versprach Obama „ein weltoffenes Land, in dem sich die Besucher willkommen fühlen“, denn die USA würden zu Olympia „das beste Amerika zeigen“. Es gelte schließlich, „das Bild von Amerika wieder herzustellen: Die fundamentale Wahrheit ist in den letzten Jahren manchmal etwas verloren gegangen.“

Nicht einmal seine Abgangsoffensive konnte es dann noch retten: Beim Verlassen des Saals schüttelte er glücklichen IOC-Mitgliedern in der ersten Reihe vom monegassischen Prinzen Albert bis zum Deutschen Walter Tröger persönlich die Hand, um in der folgenden Kaffeepause vor der eiligen Weiterreise auch noch für Fotos zur Verfügung zu stehen. „Ich denke nicht, dass Chicago eine bessere Präsentation hätte machen können“, sagte Obama beim Gehen, um zu witzeln: „Das Einzige, das mich bestürzt hat, war auf Michelle folgen zu müssen: Das ist immer schlecht.“

Tokio hatte anschließend sichtlich Mühe, die offensichtlich von externen Beratern angeratene Lebendigkeit authentisch in den Vortrag zu bringen. Der durchweg in englischer Sprache gegebene Vortrag erlebte seinen Höhepunkt gleich zu Beginn. Mit Humor eröffnete die 15 Jahre alte Turnerin Resa Mishina in der Ansammlung mächtiger Politiker: „Ich bin zwar kein Staatschef, aber ich repräsentiere eine größere Gruppe als jede andere: die heutige Jugend. Ihre künftigen Olympioniken.“ Nach Tokios Werbefilmen appellierte Japans IOC-Mann Shun-ichiro Okano (78) förmlich an die Kollegen: „Ihre Unterstützung der Bewerbung Tokios ist mein letzter olympischer Wunsch.“

Rio mit Gefühl

Anschließend sorgten Rio de Janeiro und Madrid für mehr Lebendigkeit und Gefühl, wenn auch beide Metropolen sich ähnlich von betagten Granden des IOC leiten ließen. Wie Okano bat auch der umstrittene frühere Chef Weltfußballverbandes Fifa, Joao Havelange, um ein olympisches Erbe durch den Zuschlag, nachdem er seine lange Geschichte in der Olympischen Bewegung seit 1936 und mit der Mitgliedschaft im IOC seit 1963 hatte einfließen lassen: Die Spiele „2016 in meiner Stadt Rio de Janeiro stehen für ein neues Brasilien zu meinem 100. Geburtstag“. Vor allem der frühere Gewerkschaftsführer Luiz Inacio Lula da Silva umgarnte als Staatspräsident Brasiliens mit seinem Charme und Charisma offensichtlich unvergleichbar cleverer als andere das Wahlvolk: Da Olympia noch nie auf dem südamerikanischen Kontinent stattfand, sei es „Zeit dieses Ungleichgewicht anzugehen“.

Um Brasiliens Anspruch zu unterstreichen, in die Gruppe der entwickelten Länder aufzusteigen, hatte er seinen Zentralbankchef Henrique Meirelles mitgebracht, der von der finanziellen Stabilität des Landes berichtete, das für Olympia 9,9 Milliarden Euro in Infrastruktur investieren will. „Ich glaube ernsthaft, dass es Brasiliens Zeit ist“, forderte Lula, „dass es Zeit ist, die olympische Fackel in einem tropischen Land zu entzünden.“

Anschließend schwärmte schon vor dem abschließenden Vortrag von Madrid der Schweizer Joseph Blatter, der als Fifa-Chef die Fußball-WM 2014 nach Brasilien vergeben und auch einen Sitz im IOC hat: „Lulas Vortrag ging mir unter die Haut – ich habe schon immer dafür plädiert, dass es für Olympische Spiele wie für Fußball-Weltmeisterschaften ein Rotationsprinzip gibt.“

Zuletzt mühte sich Madrid, vom Resteinfluss des früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch zu profitieren. Auch er bettelte die Kollegen an, Madrid die Spiele als eine Art letzten Willen zu überlassen, „denn ich weiß, dass meine Zeit bald gekommen ist, ich bin 89 Jahre alt“. Anschließend trommelte sein König Juan Carlos („Olympische und Paralympische Spiele in Madrid werden Leben für immer verändern“) oder Real Madrids Fußballstar Raul Gonzalez nach Kräften für die Kapitale. „Für mich“, sagte der in Madrid geborene Kicker zu Morgenpost Online, „ist mein König charismatischer als Barack Obama.“