Für den EHC Eisbären beginnt in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) am Sonntag das Halbfinale gegen die Adler Mannheim (14.30 Uhr, O2 World). Zum ersten Viertelfinalspiel der Berliner gegen die Hamburg Freezers in der O2 World war US-Milliardär Philip F. Anschutz zu Gast in der neuen Arena, die seiner Anschutz Entertainment Group ebenso gehört wie die Eisbären und die Freezers. Morgenpost Online sprach mit Anschutz-Europachef Detlef Kornett, der den EHC einst als Geschäftsführer vor dem Abgrund bewahrte und nun die wirtschaftlich erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte feiern kann.
Morgenpost Online: Ihr Chef war kürzlich in Berlin zum Eishockey, Herr Kornett. Wie hat es ihm gefallen?
Detlef Kornett: Er war natürlich froh, seine beiden deutschen Mannschaften sehen zu können.
Morgenpost Online: Freude dürften ihm doch nur die Eisbären bereiten, Hamburg erlebte ja gerade seine schlechteste Saison überhaupt.
Kornett: Bei den Freezers sind wir mit der Kontinuität, mit der wir es ursprünglich versucht haben, nicht weit gekommen. Wir müssen dort im sportlichen Bereich radikal anders denken.
Morgenpost Online: Bei den Eisbären ist das nicht nötig. Erstmals hat Anschutz nun ein Spiel in deren 165 Millionen Euro teuren neuen Heimat gesehen. Welche Eindrücke hatte er?
Kornett: Er ist wirklich stolz, die Kulisse hat ihn beeindruckt, auch die Energie, die in dieser Halle steckt, die Interaktion der Zuschauer untereinander.
Morgenpost Online: Wo rangieren die Eisbären bei ihm emotional?
Kornett: Auf einer Ebene mit den Los Angeles Kings aus der NHL. Wir informieren ihn fortlaufend, übermitteln Spielberichte und bringen Details zur genauen Lage. Genau so wie bei Hamburg auch. Herr Anschutz interessiert sich wirklich für Sport. Er verfolgt alles mit, weil er es wichtig findet.
Morgenpost Online: Welche Reaktion kam aus Denver, als bekannt wurde, dass die Eisbären der populärste Klub in Deutschland außerhalb des Fußballs sind?
Kornett: Die erste war: Dann kannst du ja mehr verkaufen. Die zweite: Ist ja toll, ihr habt einen guten Job gemacht. Aber warum sind die Fußballklubs eigentlich bekannter als wir? Damit sind für uns die Ziele gesteckt. Das haben wir nun davon.
Morgenpost Online: Die Entwicklung verlief sensationell, wenn man bedenkt, wo der EHC stand, als Sie ihre Arbeit aufgenommen haben.
Kornett: Unsere Ambition war zunächst, ins europäische Eishockey-Geschäft einzusteigen und nach einer Weile zu sehen, an welchen Standorten sich die ganze Geschäftsidee umsetzen lässt. Nach der Übernahme der Eisbären mussten wir aber zunächst über sechs Millionen Euro Verbindlichkeiten tilgen.
Morgenpost Online: Erst der Anfang, oder?
Kornett: Die Tage im Januar und Februar 2001 waren dramatisch. Es fing damit an, dass ich einen Anruf bekam von der anwaltlichen Beratung der Eisbären mit der Bitte, mich hinzusetzen. Dann wurde mir gesagt, dass beim Finanzamt 1,8 Millionen Euro Schulden aufgelaufen sind. Es war gut, dass ich gesessen habe.
Morgenpost Online: Woher kamen die Schulden?
Kornett: Es stellte sich heraus, dass ein unbekannter Berg von nicht bezahlten Rechnungen in Schubladen lag. Das sorgte für einen unglaublichen Druck. Wir wussten nicht, gegen was wir ankämpfen.
Morgenpost Online: Weil alles unüberschaubar war?
Kornett: Auf welche Summe sich die Verbindlichkeiten beziffern, war kaum zu ermitteln. Buchstäblich jeden Morgen stand der Gerichtsvollzieher in der Tür, mit dem war ich am Ende per du. Unsere Mitarbeiter sind jeden Tag mit Schecks in der Tasche durch die Stadt gefahren und haben überall Schulden bezahlt. Insgesamt türmten sich 4,8 Millionen Euro auf, die vorher unter der Decke geblieben waren.
Morgenpost Online: Wie nah stand Anschutz davor, das Projekt aufzugeben?
Kornett: Es war nicht zwölf Uhr, sondern nach zwölf. Die Frage lautete, nachdem sich immer neue Löcher auftaten: Wann hört das auf? Um die Widerstände zu überwinden, bedurfte es einiges an Verhandlungsgeschick und interner Überzeugungsarbeit. Wir waren ja ein Fass ohne Boden. Dagegen mussten andere im Konzern argumentieren, ob sie 100.000 Euro über Budget für eine Werbekampagne ausgeben dürfen. Ohne die Vision der Arena und ohne die Bedeutung der Eisbären für die Arena wäre die Fortsetzung des Engagements nicht durchzusetzen gewesen.
Morgenpost Online: Viel ist Ihrem persönlichen Einsatz zu verdanken. Wie fühlen Sie sich jetzt, wo es läuft?
Kornett: Mein erster Erfolg war es, den Titel des Geschäftsführers 2005 abzulegen. Bis dahin konnte ich das niemandem zumuten, ständig war irgendeine Prüfung im Haus. Ich selber habe mich versichert, dass mich mein Gesellschafter aus dem Gefängnis holt, wenn es soweit käme. Dann folgten die schönen Aufgaben, wir haben uns um die Halle gekümmert. Als beim ersten Spiel 14.000 Leute sangen, „Hey, wir woll’n die Eisbären seh’n“, da hat es mich gepackt.
Morgenpost Online: Nun sind Eisbären hierzulande außerhalb des Fußballs der bekannteste Verein, der mit den meisten Zuschauern und der mit dem erfolgreichsten Merchandising. Wie weit ist der Weg zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit noch?
Kornett: Das Ziel steht unmittelbar bevor. Nur durch Abschreibungen kann das Ergebnis noch leicht negativ werden. Das bedeutet: keine Unterstützung mehr aus Denver. Früher mussten wir Geld anfordern, damit die Eisbären überleben konnten. Jetzt nicht mehr.
Morgenpost Online: Wann wird die Saisonbilanz positiv?
Kornett: Ich denke, das könnte im nächsten Jahr der Fall sein. Möglicherweise dauert es auch zwei Jahre. Aber die Unabhängigkeit ist etwas, dass man gar nicht hoch genug bewerten kann.
Morgenpost Online: Und wann verdient Anschutz in Berlin tatsächlich Geld?
Kornett: Es sind enorme Beträge investiert worden in die Eisbären und in die Arena. Der Charme unserer Geschäftsidee besteht darin, bestimmte Dinge miteinander zu vereinen und zu kombinieren. Idealerweise müssen die Arena und die Eisbären 25 bis 30 Jahre funktionieren, bis wir das gesamte Geld wieder verdient haben.
Morgenpost Online: Trotz der Erfolge wird das Budget des EHC nächste Saison gesenkt.
Kornett: Das ist ein notwendiger Schritt, wir können nicht voraussehen, wie sich die allgemeine wirtschaftliche Lage angesichts der weltweiten Krise demnächst darstellt. Deshalb dürfen wir nicht so tun, als würde alles so bleiben, wie es ist. Aus Vorsicht haben wir daher gesagt, dass wir etwas abbauen müssen.
Morgenpost Online: Wie viel?
Kornett: Das kann man nicht über den Daumen peilen, weil es in den verschiedenen Bereichen unterschiedliche Prozentzahlen sind. Es soll nicht heißen, die Mannschaft spiele mit einem Oberliga-Etat.
Morgenpost Online: Wird das Konzept mit den jungen deutschen Spielern also noch weiter forciert?
Kornett: Wir können uns vorstellen, die Importe noch weiter zu beschränken. Das werden wir nach der Saison entscheiden.
Morgenpost Online: Herr Kornett, Sie sitzen auch im Aufsichtsrat der DEL. Wie ist es um Zukunft der Liga ihrer Meinung nach bestellt?
Kornett: Besser als es die Medien machen. Es gibt strukturelle Konflikte, die schwer zu lösen sind. Duisburg war so einer. Dort hat sich gezeigt, dass der Standort nicht das Potenzial hat. Es gab zu wenige Zuschauer und zu wenige Sponsoren. Stellvertretend für die gesamte Liga ist das nicht. Wir haben eine Reihe von grundsoliden Standorten. Aus der Entwicklung jetzt verspreche ich mir aber insgesamt einen positiven Effekt in der Hinsicht, dass das gesamte Ausgabenniveau ein Stückchen runter gefahren wird.
Morgenpost Online: Das heißt?
Kornett: Es könnte ein Ruck durch die Liga gehen, so dass wir immer noch die gleichen Spieler, aber ein besseres Kosten-Leistungs-Verhältnis haben und damit langfristig erfolgreich arbeiten können.
Morgenpost Online: Der Sport wird durch Gehaltskürzungen für die Vereine billiger.
Kornett: Billiger ist ein unschönes Wort. Der Aufwand für die Mannschaften mündet in ein besseres Verhältnis zu den zu erwirtschaftenden Einnahmen.
Morgenpost Online: Ein Klub hat sich mit Duisburg gerade zurückgezogen. Nürnberg ist akut vom Aus bedroht. Welches wäre für Sie die richtige Zahl an Vereinen in der DEL?
Kornett: Das ist nicht die Frage. Wie viele Standorte gibt es, die das Thema Eishockey auf diesem Niveau überhaupt unterstützen können, müsste die Frage lauten.
Morgenpost Online: Nicht viele, wäre wohl die Antwort. Aus der Zweiten Liga will anscheinend niemand aufrücken.
Kornett: Die Sinnlosigkeit der Diskussion über Auf- und Abstieg wird dadurch deutlich. Es gibt Zweifel daran, dass die unteren Klubs jetzt mit Macht aufsteigen wollen. Man muss ein entsprechendes Einzugsgebiet haben, Zuschauer und ein wirtschaftliches Umfeld, das sich engagieren kann.
Morgenpost Online: Für einen kleinen Klub aus Bayern ein Problem, für einen großen russischen Klub weniger. Die Eisbären wurden oft mit der neuen KHL in Verbindung gebracht. Wie sieht es damit tatsächlich aus?
Kornett: Die erste Saison der KHL hat ergeben, dass dort 5100 Zuschauer im Schnitt kommen. In der DEL sind es 5900. Angesichts dessen darüber zu nachzudenken, dass man in der KHL einen Etat von 20 Millionen Euro braucht, ist Träumerei. Dieses Märchen lasse ich mir nicht erzählen. Im Fernsehen hat die Liga nur in Russland stattgefunden. Das bedeutet für einen Standort in Deutschland oder Schweden, dass die KHL unattraktiv ist.
Morgenpost Online: Trotzdem wurde oft eine Ausdehnung der KHL nach Westeuropa thematisiert.
Kornett: Getrieben war alles von der Idee, Eishockey als großes Thema aufzubereiten. Gazprom als großem Geldgeber ist es im Zuge der Krise aber ergangen wie vielen anderen. Das muss und wird erhebliche Auswirkungen haben – auch auf die KHL.
Morgenpost Online: Die Champions League ist also die bessere Alternative auf internationaler Ebene.
Kornett: Sie ist ein guter Schritt, Eishockey in europäischem Maßstab zu etablieren. Wir würden jedenfalls nichts tun, was dem deutschen Eishockey schadet oder was uns bei unserer Entwicklung am Standort Berlin schadet.
Morgenpost Online: Wenn Sie auf das Play-off schauen, wer wird am Ende feiern?
Kornett: Da kann ich gar keine andere Antwort geben: die Eisbären. Wir haben alles, was es braucht: Esprit, Schnelligkeit, Einsatz, Erfahrung – selbst die jungen Spieler. Aber wer bereits jetzt ans Feiern denkt, hat schon verloren!
Morgenpost Online: Verlieren passt nicht mehr zu den Eisbären. Wo soll die Entwicklung hingehen, vor allem bezüglich des Ansturms in der neuen Arena?
Kornett: Wir werden auf keinen Fall den Pessimisten Recht geben und sagen: Nächstes Jahr ist das vorbei. Wir wollen weiter aufdrehen und versuchen, das Erreichte nachhaltig zu unterlegen.



