Ist es noch eine Sensation, wenn Bayern München verliert? Die Fans haben sich allmählich daran gewöhnt. Auch im dritten von vier Rückrundenspielen gab es keine Punkte für den Meister, der sich zu Hause gegen Aufsteiger 1. FC Köln blamierte und an einem verregneten Samstag mit 1:2 (0:2) unterlag.
Die Glückwünsche vom alten Bayern-Feind Christoph Daum beispielsweise. Der gab gestern den Gönner: „Beim kommenden Deutschen Meister zu gewinnen, ist schon etwas Besonderes. Dass ich erstmals in München gewinne, ist auch etwas, was mich bewegt. Bayern war sicher die bessere Mannschaft, aber im Fußball zählen Tore, und da waren wir heute die glücklichere Mannschaft. Ich wünsche dem FC Bayern aber, dass das die letzte Niederlage in dieser Saison bleibt, und das meine ich ehrlich.“
Wer diese Bayern spielen sieht, muss da so seine Zweifel bekommen. Trösteten sie sich nach den Pleiten von Hamburg und Berlin noch mit einem Chancenplus und spielerischen Glanzmomenten, so gab es an diesem verregneten Samstag nichts schönzureden. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte: „Wir hatten ohne Frage einen schlechten Tag. Bis heute haben wir gut gespielt, heute haben wir zum ersten Mal einen schlechten Tag gehabt.“ Und das zum verkehrtesten Zeitpunkt. Denn wer wollte, konnte in dieser Woche Spannungen im Binnenverhältnis zwischen Trainer und Vorstand herauslesen.
So verkündete Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, dass man Jürgen Klinsmanns Wunschspieler Landon Donovan nicht über den März hinaus verpflichten werde, die Ablöseförderung der Major League Soccer (acht Millionen Euro) erschien unangemessen hoch.
Klinsmanns nahm das offiziell sportlich hin, es sei „kein Problem“. Auch dass der Trainer-Neuling gefälligst die Meisterschaft gewinnen möge, musste er sich dieser Tage wieder mal anhören, nicht dass es auf Platz vier noch aus den Augen verloren werde. Rummenigge sagte: „Wir sind jetzt im ersten Jahr der Ära Jürgen Klinsmann und ich bin durchaus optimistisch, dass wir unsere Ziele erreichen. Die müssen wir auch erreichen, da mache ich natürlich keinen Hehl daraus. Wir wollen die deutsche Meisterschaft verteidigen und auch in den anderen Wettbewerben eine gute bis ordentliche Rolle spielen.“
Zum Erwartungsdruck kam noch ein Eingriff in die originären Bereiche eines Trainers, die Aufstellung. Gab es doch gleich nach dem 1:2 in Berlin die dringende Empfehlung von Rummenigge und Manager Uli Hoeneß, den von Klinsmann nicht allzu hoch geschätzten Nationalstürmer Lukas Podolski gegen dessen alten und neuen Klub gefälligst wieder in den Kader zu nehmen.
Podolski spielte von Beginn an
Der verletzungsbedingte Ausfall von Luca Toni (Achillessehnenprobleme) machte das auch aus Klinsmanns Sicht unabdingbar, doch blieb die spannende Frage, welchen der beiden Stürmer ohne Zukunft Klinsmann für die erste Elf nominieren würde: Wer mit der Trotzvariante Donovan rechnete, sah sich getäuscht. Klinsmann brachte Podolski und schnallte ihm einen schweren Rucksack auf: „Er kann zeigen, dass er sich tausendprozentig für den FC Bayern reinhängt.“ Die Torwartfrage stand nicht an, obwohl sie schon seit Anbeginn über dieser Saison schwebt. Der von allen Seiten kritisierte Michael Rensing zeigte am Freitag erstmals Wirkung: „Ich habe die Schnauze voll von der ganzen Diskussion, dass jeder meint, sich einmischen zu müssen. Dass sich ständig jemand einmischt, geht mir auf die Eier.“
In dieser Hinsicht immerhin kam er seinem unerreichten Vorgänger Oliver Kahn ziemlich nah, das entsprach dessen Diktion. Klinsmann änderte die Abwehr auf zwei Positionen, Massimo Oddo kam rechts für den formschwachen Christian Lell, Daniel van Buyten ersetzte im Zentrum Lucio, der für die Champions League am Mittwoch bei Sporting Lissabon geschont wurde. Die Kölner vermissten Verteidiger Mohamad (gesperrt), den Kevin McKenna vertrat. Das erste Bayern-Tor verhinderte allerdings kein Verteidiger, sondern ein Linienrichter. Als Miroslav Klose nach 13 Minuten Oddos Flanke einköpfte, wurde zu Unrecht auf Abseits erkannt. Und so kam, was in letzter Zeit immer kommt: ein Bayern-Rückstand, schon der sechste in Folge! Nemanja Vucicevic spazierte durch das Mittelfeld und bediente den Schweizer Fabrice Ehret, der am herausstürzenden Rensing vorbeischlenzte (22.). Damit kassierten die Bayern auch im zehnten Heimspiel ein Gegentor, was nie zuvor in der Bundesliga passiert war.
Zu einfache Gegentore
Da muss den Bayern angst und bange werden um das „Sommerzeugnis“, dessen Stellenwert Rummenigge diese Woche mahnend hervorhob. Heißt es im Mai „Versetzung gefährdet“ für Klinsmann?
So leicht darf eine Spitzen-Mannschaft jedenfalls keine Gegentore zulassen. Nach 34 Minuten fiel schon das 30. dieser Saison, durch einen Bundesliga-Debütanten namens Daniel Brosinski. Wieder bereitete Vucicevic vor, Philipp Lahm ließ sich austanzen und der freistehende Brosinski nicht lange bitten. Milivoje Novakovic vergab gar das vorentscheidende 0:3, wieder nach einem Konter.
Zur Pause hieß es also 0:2, Entsetzen in der Münchener Arena, in der nur die Kölner Fans sangen. Stefan Effenberg, Kapitän der letzten ganz großen Bayern-Mannschaft, kritisierte bei Premiere seine Nachfolger: „Da fehlt es an Aggressivität, da macht keiner ein taktisches Foul. Mit einfachen Pässen werden sie ausgespielt.“
Zwei Wechsel schon zur Pause
Klinsmann reagierte und tauschte zur Pause zwei Spieler aus, die sein WM-Sommermärchen erst schön machten: Bastian Schweinsteiger (gegen Hamit Altintop) und Lukas Podolski (gegen Landon Donovan), der seinem Lieblingsklub in keiner Szene wehtat und nur einen Zweikampf gewann. Podolski fand später, man „hätte alle auswechseln können“. Durchaus.
Statt des erwarteten Münchner Sturmlaufs gab es nur geballte Ratlosigkeit zu besichtigen, Kapitän Mark van Bommel spielte unbedrängt ins Aus und selbst ein Weltklassespieler wie Franck Ribery spielte bedenkliche Fehlpässe.
An solchen Tagen hilft nur noch die Brechstange, aber Luca Toni fehlte und sein leichtgewichtiger Vertreter Landon Donovan ist im Vergleich dazu ein Strohhälmchen.
Also eilte in der Schlussphase vermehrt Daniel van Buyten nach vorne, was sich einmal lohnte. Nach Flanke von Hamit Altintop köpfte er das 1:2 (84.), was eine turbulente Schlussphase auslöste. Doch den Ausgleich hatten diese Bayern nicht mehr verdient und so feierten die Kölner am Ende mit ihren seligen Fans Karneval in München. Und Klinsmann? Sprach von „Frust, das müssen wir jetzt schlucken“.




