Weltcup in Oberhof, das ist auch immer eine Reminiszenz an glorreiche Biathlonzeiten im Zeichen von Sven Fischer, Frank Luck und Ricco Gross. Die alte Garde ist abgetreten, Alexander Wolf (31) mittlerweile der dienstälteste Skijäger im deutschen Team. Der WM-Dritte von 2008 wandelte zuletzt auf neuen Pfaden. Er beriet die Autorin Ina May fachlich bei der Erstellung des Biathlonkrimis „Der 6. Fehler“.

Morgenpost Online: Glückwunsch, Herr Wolf, die erste Auflage des Buches ist vergriffen! In der Loipe lief es weniger gut: Vor dem Heimweltcup rangieren Sie in der Gesamtwertung auf Platz 41. Woran hakt es?

Alexander Wolf: Ach, Biathlon entwickelt sich immer weiter, vor allem bei den Männern wird es immer enger. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass es früher möglich war, mit drei Prozent Laufrückstand und einem Schießfehler im Sprint noch aufs Podest zu kommen. Inzwischen liegt der Wert bei 1,5 Prozent Laufrückstand. Die Weltspitze ist eng zusammengerückt, es gibt jetzt 40 Siegkandidaten. Da muss alles optimal stimmen.

Morgenpost Online: Zuletzt schwächelten alle deutschen Skijäger. Bundestrainer Frank Ullrich hat Staffelolympiasieger Michael Rösch in den zweitklassigen IBU-Cup abkommandiert, Sie wurden nicht für die Weltcupstaffel nominiert. Wie fühlen Sie sich?

Wolf: Ich bin enttäuscht, aber ich akzeptiere die Entscheidung. Ich hoffe, dass das Seuchenjahr 2009 für mich mit dem Sprint am Samstag vorbei ist. Ich möchte zu Olympia fahren, um etwas zu gewinnen. Aber ich mache mir keinen Druck. Mit Druck kann es vor den Baum gehen.

Morgenpost Online: Ist die Erwartungshaltung in Oberhof nun nicht schon zu groß?

Wolf: Der Druck ist immer gleich. Das Mehr kommt von außen, das lasse ich nicht an mich heran. Mein Trainer Mark Kirchner sagt, wir sollen die Rennen in Oberhof genießen, die Stimmung, den Jubel, die Begeisterung.

Morgenpost Online: Im „6. Fehler“ wird unter anderem diese Fröhlichkeit transportiert. Weil die Autorin erst im Frühjahr 2009 mit dem Schreiben begann und noch nie beim Weltcup war, mussten Sie ihr besagte Volksfeststimmung schildern.

Wolf: Ich bin hier 2006 im Trikot des Gesamtführenden an Tausenden von Zuschauern vorbeigelaufen, die meinen Namen riefen. Das war einer meiner Karriere-Höhepunkte. Aber die Idee zum Krimi kam von Ina May, sie hat mich per E-Mail angeschrieben.

Morgenpost Online: Was motivierte Sie mitzuwirken?

Wolf: Ich wollte etwas für meine Außendarstellung tun, nicht nur als einer gelten, der dumm daher rennt und schießt. Nur Laufen und Schießen, das kann auf die Dauer langweilig sein.

Morgenpost Online: Haben Sie durch das Buch literarische Ambitionen entdeckt?

Wolf: Das Schreiben gefällt mir. Ich brauche für die Einträge auf meiner Homepage oder der Blogseite Sportme.de keinen Ghostwriter. Es fällt mir leicht, etwas launig rüberzubringen.

Morgenpost Online: Erhalten Sie ein Honorar?

Wolf: Nein. Das Buch wird auf meinem Gewehr beworben, damit ist alles abgegolten.

Morgenpost Online: Es wird im Krimi detailreich ein Spitzenbiathlet beschrieben, der an Selbstüberschätzung leidet, und ein Nationalmannschaftskollege, der den Zwangscoolen mimt. Haben Sie der Autorin die Charaktere eingeflüstert?

Wolf: Ich habe nicht aus dem Nähkästchen geplaudert. Die Typen sind reine Fiktion, auch wenn ich glaube, dass der Fan die eine oder andere Parallele hineininterpretiert. Wir bekommen doch alle ein Image verpasst.

Morgenpost Online: Sie scheinen im Gegensatz zu den Sprüchereißern Michael Rösch und Christoph Stephan eher zu gesetzteren Kollegen zu gehören.

Wolf: Stimmt schon. Ich spiele im Trainingslager halt nicht so gern mit der Playstation. Ich schnapp mir lieber ein Buch. „Dein Schmerz geht durch mein Leben“ von der Frau des Formel-1-Teamchefs Frank Williams, der seit seinem Autounfall im Rollstuhl sitzt, hab ich zuletzt gelesen. Zu Weihnachten habe ich die Biografie des Sängers Johnny Cash und die des Fußballtrainers Jörg Berger bekommen. Deutsche Ost-West-Geschichten, die interessieren mich.

Morgenpost Online: Oberhof steht 20 Jahre nach der Wende für alte Seilschaften. Gerade wurde ein neuer Stasifall publik: Die Physiotherapeutin der deutschen Frauen, Ilona Henrich, hat laut „Spiegel“ als Spitzel gearbeitet. Wie gehen Sie damit um?

Wolf: Ich kenne diesen Fall nicht. Ich denke aber, dass versucht wird, mit dem Weltcup eine Plattform für solche Veröffentlichungen zu finden.

Morgenpost Online: Sie sind dafür, die Geschichte ruhen zu lassen?

Wolf: Nein. Es muss aufgearbeitet werden, aber für mich ist entscheidend, dass jemand einen guten Job macht und ein Vertrauensverhältnis zu den Athleten entstanden ist. Was soll ich dazu sagen? Ich bin Jahrgang 78, das Thema ist für mich schwierig zu beurteilen.

Morgenpost Online: Aber Sie werden sich eine Meinung gebildet haben.

Wolf: Letztendlich schadet ein Stasifall in der Mannschaft nur den Athleten. Wir aktive Sportler wollen damit nichts zu tun haben.

Morgenpost Online: Hat sich Ihre Rolle im Team im Lauf der Jahre verändert?

Wolf: Früher habe ich mich an den Älteren orientieren können, vor allem an Sven Fischer. Mittlerweile bin ich in der Position, Wissen und Erfahrung weiterzugeben. Das mache ich gern.

Morgenpost Online: Hilft Ihnen diese Erfahrung auch bei Ihrer eigenen Leistung?

Wolf: Man weiß, wie der Körper funktioniert und lässt sich nicht so leicht verunsichern. Das ist schon ein Vorteil, den man im Alter hat. Ich hatte meine Karriere in einer Phase, wo es relativ schwer war, sich in der Mannschaft durchzusetzen, da waren viele Superathleten dabei. Jetzt scheint es leichter zu sein, sich in Szene zu setzen.