Morgenpost Online: Sie gelten ja zum Glück als Spätstarterin.
Evi Sachenbacher-Stehle: Das stimmt – ist in diesem Winter aber auch ganz hilfreich. Das Großereignis ist ja erst im Februar. Insofern passt es ganz gut.
Morgenpost Online: Momentan scheinen die Abstände zwischen den deutschen Frauen und der Weltspitze erheblich.
Sachenbacher-Stehle: Na ja, Leute wie Björgen oder Kalla sind zu Beginn der Saison immer brutal fit. Das gleicht sich im Laufe des Winters aber immer aus. Ich denke nicht, dass die Abstände so bleiben werden.
Morgenpost Online: Was wäre am Ende des Winters eine gute Saison für Sie gewesen?
Sachenbacher-Stehle: Wenn ich gesund durchkomme, und wenn der Saisonaufbau so gewesen wäre, dass ich bei Olympia die beste Form habe. Ich weiß, ich habe gut trainiert, und dass ich’s kann. Ich muss es nur zum richtigen Zeitpunkt abrufen.
Morgenpost Online: In den Weltcups läuft es für Sie oft gar nicht so gut, anders bei den Großereignissen WM und Olympia. Wieso?
Sachenbacher-Stehle: Keine Ahnung, das wüsste ich selber gern (lacht). Oft verzweifele ich vor Großereignissen fast. Vor Sapporo 2007 war es ganz extrem, der Weltcup eine Woche davor war echt schlecht. Dann ist die WM losgegangen – und es lief. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es am anderen Gefühl?
Morgenpost Online: Es sollen Ihre dritten Winterspiele werden. Denken Sie mit den näher rückenden Spielen in Vancouver zunehmend öfter an Turin 2006 und Salt Lake City 2002, wo Sie Medaillen gewannen?
Sachenbacher-Stehle: Ja. Vancouver wird sicherlich ähnlich wie Salt Lake werden als Erlebnis. Da erinnert man sich gern zurück.
Morgenpost Online: Gehören Sie auch zu denen, die ihre Medaillen aus dem Schrank holen, drüber streicheln oder sie blank polieren?
Sachenbacher-Stehle: Nee – allenfalls in Gedanken streicheln.
Morgenpost Online: Drei Olympia-Plaketten haben Sie schon. Wo rechnen Sie sich die größten Chancen aus, noch eine hinzuzufügen?
Sachenbacher-Stehle: Auf jeden Fall in der Staffel. Das haben wir ja schon oft gezeigt, dass dort die Chancen am größten sind. Und im Einzel im Verfolgungswettbewerb. Der liegt mir am meisten.
Morgenpost Online: Trend scheint derzeit, laufstarke Biathletinnen abzuwerben: Miriam Gössner lief bei der WM in diesem Jahr erfolgreich in der Staffel, auch die mehrfache Biathlon-Weltmeisterin Magdalena Neuner ist im Gespräch. Fühlen Sie sich da nicht ein bisschen veräppelt als Langlaufspezialistin?
Sachenbacher-Stehle: Die müssen sich ja auch erst einmal qualifizieren. Man muss aber bedenken: Die Biathleten sind Skating-Spezialisten, die trainieren ja nix anderes. Ich finde, die besten vier sollen in der Staffel laufen – und wenn die Biathletinnen besser sind, laufen halt sie.
Morgenpost Online: Selbst wenn es Sie den Platz kosten würde?
Sachenbacher-Stehle: Ja, klar – auch wenn’s traurig wäre. Ich hoff’ aber mal nicht, dass es so kommt (lacht).
Morgenpost Online: Haben Sie mal mit dem Gedanken gespielt, den Spieß umzudrehen und sich ein Gewehr auf den Rücken zu schnallen?
Sachenbacher-Stehle: Ja, tatsächlich. Ich habe drei Jahre lang mit den schwedischen Biathleten mittrainiert. Da denkt man schon mal darüber nach: Hey, eigentlich wär’s vielleicht doch ganz cool. Aber irgendwie ist es im Langlauf dann doch gut gegangen. Macht ja auch Spaß (lächelt).
Morgenpost Online: Wie waren Ihre Schießergebnisse? Als Sportsoldatin kennen Sie den Umgang mit einem Gewehr.
Sachenbacher-Stehle: Also, bei der Bundeswehr habe ich immer ziemlich gut geschossen...
Morgenpost Online: ... aber mit einem G36, nicht mit einem Kleinkaliber.
Sachenbacher-Stehle: Okay, ist ein bissl was anders (lacht).
Morgenpost Online: Die Biathletinnen sind so etwas wie die Lieblinge der Fernsehnation: Immer präsent, immer erfolgreich. Neidisch?
Sachenbacher-Stehle: Iwo, gar nicht. Als ich mit Langlauf anfing, hat sich kein Mensch dafür interessiert. Das ist schon viel, viel besser geworden. Ich betreibe einen Sport doch nicht, damit ich in den Medien bin, sondern weil ich Spaß daran habe. Es hat auch Vorteile, wenn man nicht so populär ist. So bewahrt man sich mehr sein Privatleben.
Morgenpost Online: Ist die Leichtigkeit von früher bei Ihnen dahin?
Sachenbacher-Stehle: Kurz nach meinen beiden ersten Spielen ist es leicht gegangen, aber dann kam ich in eine Phase, in der ich zu viel grübelte. Heute bin ich wieder lockerer, sehe vieles nicht mehr so eng, so ernst.
Morgenpost Online: Ein Reifeprozess?
Sachenbacher-Stehle: Ganz sicher. Man macht so viel mit, da verändert man sich. Vor allem, wenn man Niederlagen wegstecken muss. Da lernt man draus.
Morgenpost Online: Nun gab es einen Trainerwechsel vor der Saison...
Sachenbacher-Stehle: ...wie fast jedes Jahr (kichert)...
Morgenpost Online: ...und viele trauern noch immer dem, ich zitiere Sie da mal, „Frauenversteher“ Ismo Hämäläinen hinterher. Es scheint, als rumore es wieder in der Frauenriege.
Sachenbacher-Stehle: Ach, das geht eigentlich. Wir waren echt traurig, dass der Ismo gegangen ist. Er ist ein super Trainer, alle kamen gut mit ihm klar. Aber der Janko ist auch nett, ich komme gut mit ihm aus und kenne ihn schon lang.
Morgenpost Online: Was ist anders unter Neuber? Es heißt, das Training sei wieder straffer, die Umfänge seien höher – also so, wie es Bundestrainer Jochen Behle gefällt.
Sachenbacher-Stehle: Kann man so nicht sagen. Wir haben nicht mehr trainiert, aber etwas intensiver. Es hieß ja immer, wir haben nix trainiert, aber wir haben schon ziemlich große Umfänge gemacht in den letzten Jahren.
Morgenpost Online: Während der WM in Liberec Anfang des Jahres brach ein Streit mit Behle offen zu Tage, der Frauen aus der Mannschaft oft öffentlich kritisiert. Stört Sie das noch?
Sachenbacher-Stehle: Ich bin’s mittlerweile gewohnt und warte immer schon drauf: Was kommt nun wohl als nächstes (lacht)? Das kennt man mittlerweile.
Morgenpost Online: Aber ist Behles Kritik denn immer ungerechtfertigt?
Sachenbacher-Stehle: Ich hatte nie das Gefühl, dass sie wirklich berechtigt war. Es war eher immer so, dass ich dachte: Da bin ich jetzt aber ganz anderer Meinung.
Morgenpost Online: Wie weit planen Sie voraus, gibt es einen Masterplan im Hause Sachenbacher-Stehle?
Sachenbacher-Stehle: Die WM 2011 in Oslo möchte ich noch gern mitmachen, das ist eine Langlaufhochburg, da laufe ich immer gern. Und danach? Das entscheide ich nach Spaß und Erfolg.
Morgenpost Online: Inwieweit hat Ihr Mann Einfluss auf Ihre Entscheidung, wann Sie Ihr Nomadenleben als Leistungssportlerin aufgeben?
Sachenbacher-Stehle: Klar, spielt Hannes eine große Rolle, aber er ist genau meiner Meinung. Er unterstützt mich da, auch weil er selber mal alpiner Skirennläufer war. Er lässt mich entscheiden.
Morgenpost Online: Wie wichtig ist Ihnen Familie?
Sachenbacher-Stehle: Sehr wichtig. Sie ist meine Stütze. Ich kann einfach heimkommen, reden, mich erholen.
Morgenpost Online: Wie vertreiben Sie sich während der Tingelei durch den Weltcupzirkus die Zeit?
Sachenbacher-Stehle: Och, wir lesen viel, oder wir stricken und häkeln ein bisschen.
Morgenpost Online: Stricken? Gibt es interne Wettbewerbe um die schönsten Socken?
Sachenbacher-Stehle: Nee, nee (lacht). Aber Stricken ist eine nette Beschäftigung – und man hat noch was davon.
Morgenpost Online: Wer profitiert denn am meisten von Ihrer Produktion?
Sachenbacher-Stehle: Meine Familie.
Morgenpost Online: Reden Sie mit Ihrem Mann daheim sehr viel über Sport?
Sachenbacher-Stehle: Ganz selten.
Morgenpost Online: Würden Sie Ihre Kinder später zum Langlauf schicken?
Sachenbacher-Stehle: Ähm, nein (lacht).
Morgenpost Online: Warum nicht?
Sachenbacher-Stehle: Es ist schon ziemlich hart, man muss sehr diszipliniert sein. Klar, wenn sie Spaß daran haben, sollen sie es gern machen. Ich tät’ sie aber nie zwingen, schon gar nicht leistungsmäßig.
Morgenpost Online: Also lieber nach Vorbild Ihres Mannes zu den alpinen Skifahrern?
Sachenbacher-Stehle: Oh, ich weiß nicht, ob mir das lieber wäre. Da ist die Verletzungsgefahr so hoch (lacht). Es wird sich ergeben.




