Die Sensation des Abends ging äußerst zuschauerfreundlich über die Bühne. Gefühle von Skispringern bleiben dem Publikum gemeinhin verborgen. Wenn die tollkühnen Kerle vom Schanzentisch zum Sekundenflug in die Luft abheben, verhindern Helm und Skibrille jeglichen Eindruck ihrer Befindlichkeiten. Umso dankbarer durften die Zuschauer beim Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf sein, dass Janne Ahonen sich überhaupt Zeit für eine Gefühlsregung ließ. Dies ist für sein sonst zur Schau gestelltes kühl-finnisches Temperament extrem unüblich.

Der 32-jährige Ahonen hatte zuvor unter extrem schwierigen Bedingungen nach stundenlangem Regen, Wasser in der Anlaufspur und bremsendem Rückenwind, einen Wink von Petrus mit aller Professionalität und Routine genutzt. Er war in einem witterungsfreundlichen, beinahe windstillen Moment hinuntergerauscht und bei 137 Metern gelandet. Dies war die größte Weite des Abends. Sie bescherte Ahonen überraschend den zweiten Platz hinter dem Österreicher Andreas Kofler (25), der bereits im ersten Durchgang einen zu großen Vorsprung herausgearbeitet hatte.

Dann stand Ahonen unten im Auslauf und beobachtete mit sichtbarer Befriedigung, wie seine Erben, die derzeit nominell besten Springer der Welt vom Schweizer Simon Ammann bis zum Österreicher Gregor Schlierenzauer, an seiner Vorgabe scheiterten. Ahonen wartete, umringt von den 22.000 völlig durchnässten Zuschauern, genüsslich im Regen. Und er lächelte. Für seine Verhältnisse kam es sogar beinahe einem Lachen gleich. „Der Sprung war nicht perfekt, aber mein bester an den zwei Tagen hier“, befand er später und fügte, um es nicht wie eine Drohung klingen zu lassen, hinzu: „Ich hatte Glück mit den Windbedingungen.“

Tatsächlich scheinen sich die Dinge für Ahonen im Epilog seiner Karriere regelmäßig so günstig zu fügen, als sollte es schließlich doch noch zu dem ersehnten Sieg bei Olympia reichen. Vor der Saison hatte er seine Entscheidung zurückzutreten nach gerade einem Jahr skispringerischer Untätigkeit wieder korrigiert. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich wieder Skispringen würde“, sagt er nun, „hätte ich manche Details in meiner Biografie nicht veröffentlicht.“ Zum übereilten Entschluss des Karriereendes hatten Ahonen offenkundig zwei Faktoren verleitet: Einerseits die Quälerei, die er ausführlich im Buch „Königsadler“ beschreibt, vor jeder Saison mit extremer Diät bis zu acht Kilogramm abhungern zu müssen. Andererseits die Geburt seines zweiten Sohnes Milo Petteri im Juni 2008.

Die Begeisterung von Ahonens Frau Tiia fürs Skispringen hält sich so weit in Grenzen, dass sie nur sehr selten zu einer Schanze mitzureisen pflegte. Und so klagte sie, wie problematisch es war, dem erstgeborenen Mico (8) verständlich zu machen, dass nicht einmal seine Heulerei den Papa davon abhalten könnte, ständig auf Reisen zu gehen. „Meine Familie“, hat Ahonen gelernt, „wird jetzt häufig mit mir in Europa unterwegs sein.“ Dass der Sohn auf diesen Reisen auf die Idee kommen könnte, selbst einmal von großen Schancen zu springen, hofft die Mutter offensichtlich nicht. Mico sei charakterlich nicht so ein Draufgänger, wie Janne es schon in der Jugend war. „Meine Schulden gegenüber dem finnischen Skispringen“, klagt Frau Ahonen, „sind beglichen.“

Ahonen gilt zwar als erfolgreichster Springer seiner Generation, aber irgendwie auch unvollendet: Er hat gleich fünf Mal die Vierschanzentournee gewonnen, so oft wie kein anderer. Er hat fünf Weltmeisterschaftstitel in Einzel- und Mannschaftsspringen gesammelt, sowie drei Silber- und zwei Bronzemedaillen. Aber bei Olympia gewann Ahonen 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin jeweils nur mit dem Team die Silbermedaille. Niemals Gold. Zwar bestreitet Ahonen, wegen der offenen Rechnung zurückgekehrt zu sein: „Das ist zumindest nicht der Hauptgrund“. Aber er weiß genau um seine Chancen im Februar in Vancouver vielleicht doch noch die fehlende Medaille zu erspringen. Schließlich hat sein Sport auch immer mit einem Quäntchen Glück zu tun. „Dies ist Skispringen, es kann alles passieren“, sagt er sehr häufig während dieser Tournee, die in Garmisch am Neujahrstag, Innsbruck (3. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) ihre Fortsetzung findet. Über Ahonens Nachweis staunt seit Dienstag die versammelte Skisprungwelt. Mit einem einzigen richtig weiten Flug nämlich hat er sich nach einer zuvor durchwachsenen Saison, in der er es nicht unter die Top Ten der Weltrangliste geschafft hatte, zurückgemeldet in der Extraklasse der Zunft. „Das Gefühl jetzt ist fast unglaublich“, schwärmte er, „nun wird es viel leichter in dieser Tournee, aber es ist zu früh, drüber nachzudenken, was passieren kann.“ Er werde einfach versuchen, Skispringen zu genießen und noch sechs weitere gute Sprünge zu zeigen.

Kollegen mit Ehrfurcht

Die Kollegen haben seinen rasanten Aufwärtstrend nach Platz 33 in der Qualifikation auf jeden Fall mit Ehrfurcht verfolgt: „Es ist so wie immer“, sagt der Österreicher Thomas Morgenstern, der hinter dem Finnen Dritter in Oberstdorf wurde: „Die Tournee hat angefangen und Janne Ahonen ist wieder auf dem Podest.“ Sowohl die ursprünglichen Favoriten Ammann und Schlierenzauer, als auch die Deutschen können aus Ahonens Auftritt Hoffnung saugen. „Mit einem Sprung kannst du 30 Punkte aufholen, das hat man bei Ahonen gesehen“, sagt Deutschlands Cheftrainer Werner Schuster, der selbst nur zwei Schützlinge im Finale hatte. Pascal Bodmer wurde als bester Deutscher Zwölfter. Dies bedeutete das schlechteste DSV-Abschneiden seit 24 Jahren. Schuster weiter: „Ahonen ist ein Ausnahmespringer, der zehn Jahre lang Weltspitze war. Aber ich sehe ihn noch nicht so weit wie er im Auftaktspringen war.“

Nachdem eine Krankheit mit hohem Fieber ihn nach dem Saisoneinstand in Kuusamo zurück geworfen hatte, profitierte Ahonen bereits bei den Springen im schweizerischen Engelberg vor Weihnachten von Schicksalsfügungen. Im zweiten Durchgang war seiner Disqualifikation nach einem Sturz bereits beschlossen, doch das Springen wurde wegen schlechter Witterung abgebrochen, nicht gewertet und Ahonen wurde doch noch Zehnter.

Möglicherweise wittern seine Schutzengel inzwischen auf den Schanzen einfach eine leichtere Aufgabe, seit Ahonen sich in seinem freien Jahr verstärkt seiner Leidenschaft Dragster Racing gewidmet hat. „Wir beschleunigen da auf 500 Stundenkilometer“, sagt er, „wenn ich von einer Flugschanze springe, habe ich Angst, dass es mir nicht gelingt. Nicht vor dem Tod. Beim Top Fuel habe ich Angst vor dem Sterben.“