Morgenpost Online: Herr Loitzl, fühlen Sie sich nach dem mäßigen Saisonbeginn unter besonderem Druck?

Wolfgang Loitzl: Nein, auf keinen Fall. Das ist ein schönes Gefühl als Titelverteidiger hinzufahren. Es blockiert mich nicht, dass ich Mitfavorit bin. Ich habe das schon erreicht und muss es nicht unbedingt noch mal. Das ist beruhigend und Motivation zugleich. Natürlich hoffe ich, dass ich bei der Tournee zusätzliche Reserven mobilisieren kann, die den ein oder anderen Meter ausmachen. Ich bin aber nicht unzufrieden mit der Saison: Leider war Lillehammer ein irregulärer Wettkampf, in Engelberg bin ich Freitag zu extrem gesprungen, und habe vielleicht überpowert als Rehabilitation für Lillehammer.

Morgenpost Online: Haben Sie nun mit Oberstdorf noch ein Hühnchen zu rupfen?

Loitzl: Nein. Ich habe mich natürlich auch gefragt, was gewesen wäre, hätte ich beim ersten Springen in Oberstdorf einen gescheiten Telemark gemacht und dann alle vier Springen gewonnen. Aber ich trauere dem vielleicht verspielten Sieg nicht nach, weil ich mir denke, dass ich möglicherweise bei einem Sieg gleich im ersten Springen danach nicht mehr gewonnen hätte. Doch ich gebe zu: Von den vier Schanzen taugt mir Oberstdorf am besten. Ich fahre also mit einem guten Gefühl hin. Wenn die Chance kommt, werde ich versuchen, mit einem richtig guten Telemark das letzte Jahr vergessen zu machen. Aber ich weiß, dass so eine Siegesserie wie bei mir im letzten Jahr, als ich über mich hinaus gewachsen bin, nicht so oft kommt.

Morgenpost Online: Wie schwer ist es, nach der bisherigen Saison den Erwartungen standzuhalten?

Loitzl: Ich habe das so nie erwartet im vorigen Jahr. Auch nicht, dass es so erfolgreich bis zur WM weiter geht. Erst nach der WM habe ich gemerkt, dass die Belastung zu groß war, dass ich nicht mehr so dahinter war. Zum Schluss ist mir die Kraft ausgegangen. Wir haben ein so dichtes Team, dass wenn bei uns einer Schwäche zeigt, sofort ein anderer vorbeizieht. Ich habe mich gewundert, wie extrem schnell ich wieder uninteressant war, obwohl ich noch zweite, dritte und fünfte Plätze geschafft habe. Es war fast ein wenig erschütternd, trotzdem gar nicht mehr interessant zu sein. Da hat alles auf Schlierenzauer geschaut: wie lange seine Serie geht. Aber ich bin nicht böse, wenn andere im Blickpunkt sind, da sie besser springen.

Morgenpost Online: Wie kompliziert ist das Verhältnis im Team mit vielen Weltklassespringern, wenn Trainer Alexander Pointner klagt, dass zuweilen die Sozialkompetenz gefehlt hat?

Loitzl: Natürlich ist es schwierig mit so vielen potenziellen Siegspringern. Zurzeit funktioniert es sehr gut. Aber es hat schwierige Zeiten gegeben. Solange jeder an seiner Leistungsgrenze springt, geht es. Schlimm wird es, wenn man selbst eine Schwächephase hat, mit sich unzufrieden ist und merkt, dass ein Teamkollege, den man sonst im Griff hat, auf einmal deutlich besser springt. Dann sind Neid und Krise programmiert. Ich habe die Situation vor zwei Jahren, die Pointner anspricht, als Janne Ahonen von der Rivalität von Thomas Morgenstern und Schlierenzauer profitierte, gar nicht so wahrgenommen. Morgi war als Gesamtweltcupsieger sehr überzeugt, dass er der Beste war, und plötzlich hat der Schliri zum Schluss gewonnen – da war programmiert, dass es zu Reibereien kommt. Da gab es Zeiten, in denen das Verhältnis nicht ausgeglichen war. Bei der Skiflug-WM in Oberstdorf soll es Situationen gegeben haben, aber mehr das Umfeld betreffend. Da ist man eher Konkurrent, kein Mannschaftskollege oder Freund.

Morgenpost Online: Waren die Kollegen voriges Jahr auf Sie neidisch?

Loitzl: Nein, mir ist da nichts aufgefallen, dass etwa die Stimmung nicht mehr gepasst hätte zwischen uns. Das war mir sehr wichtig.

Morgenpost Online: Wie enttäuschend empfinden Sie die kommerzielle Entwicklung nach Ihrer Erfolgssaison, Ihre lange Suche nach einem Kopfsponsor?

Loitzl: Ich hatte nach dem Tourneesieg und der erfolgreichen WM gedacht, dass es eine schöne Sache wird, auf die Suche nach einem Kopfsponsor zu gehen. Ich habe erwartet, dass es viel leichter geht. Ich habe mich im Frühjahr umgehorcht, was man kriegen sollte. Da kam das schlechte wirtschaftliche Jahr hinzu. Da habe ich gedacht: Warum habe ich die Erfolge nicht in einem wirtschaftlich besseren Jahr gehabt, in dem ich bei gleichen Erfolgen mehr bekommen hätte. Erst in der letzten Woche vor dem Weltcup-Auftakt kam es zum Abschluss mit der Viktoria-Versicherung. Ein Einjahresvertrag mit Option auf Verlängerung und man hat mir zu verstehen gegeben, dass es etwas Längerfristiges sein soll. Das ist sehr beruhigend, denn es geht ja da um Einiges. Ich bin auch kein Pokerer, der darauf hofft, dass sich erst in der Saison wegen guter Erfolge noch was Besseres ergibt.

Morgenpost Online: Was macht der Kopfsponsor am Jahreseinkommen aus?

Loitzl: Das hängt von den Verträgen ab. Ein Drittel auf jeden Fall, vielleicht sogar die Hälfte. Es gibt viele Gerüchte. Man hat einmal gehört, dass Martin Schmitt vor zehn Jahren zu seinen Glanzzeiten eine Million Mark von Milka bekommen hat. Ob das stimmt – keine Ahnung. Heute heißt es, dass der beste Sponsor im Skisprungzirkus, bei dem Geld keine Rolle spielt, Red Bull ist. Aber ich weiß nicht, was Morgi oder Schliri von Red Bull bekommen, ob das in den Bereich von Schmitt früher geht. Man redet darüber nicht unbedingt.

Morgenpost Online: Was halten Sie von der Änderung des Preisgeldmodus: Der Sieger bekommt nur noch 10.000 statt 30.000 Schweizer Franken, dafür erhalten alle 30 Finalisten etwas?

Loitzl: Als ich das gehört habe, dachte ich zuerst, es wäre ein Witz. War es aber nicht. Grundsätzlich bin ich dafür, dass mehr Springer Preisgeld verdienen können, nicht nur die ersten Zehn. So haben auch kleinere Nationen eine Möglichkeit etwas zu verdienen. Aber der Einschnitt ist natürlich massiv. Ich finde es falsch, den Besseren das Geld für die Schlechten abzuziehen. Eigentlich wird Leistung jetzt bestraft, belohnt wird je schlechter man springt. Nur leider sind wir Springer uns zu wenig einig, als dass sich durch Druck von uns etwas anderes ergeben könnte.