Vor zwei Monaten war die Welt bei Hannover 96 noch in Ordnung. Am 8. November 2009 glichen die Niedersachsen im Nordderby gegen den Hamburger SV zweimal einen Rückstand aus, ein umstrittener Foulelfmeter in der 88. Minute nutzten die Gastgeber zum 2:2-Endstand. Hannover stand auf Rang zehn, hatte einen komfortablen Vorsprung auf die Abstiegsränge – alles war prima. Zwei Tage später brachte sich Torwart Robert Enke um, und die heile Welt zerbrach. Hannover holte in den fünf folgenden Spielen nur noch einen Punkt, stürzte auf Rang 14 ab. Nun herrscht Krisenstimmung bei den „96ern“. Hannovers Sportdirektor Jörg Schmadtke reagierte äußerst ungehalten und warf am Dienstag nach einer 1:2-Niederlage im Testspiel gegen Union Berlin der eigenen Mannschaft „Betriebssport-Mentalität“ vor. Hannover-Präsident Martin Kind (65) gibt ihm anschließend Rückendeckung.

Morgenpost Online: Nach der Niederlage gegen Union Berlin tobte Sportdirektor Schmadtke in der Kabine vor Wut. Stimmen Sie ihm in seiner harschen Kritik zu?

Martin Kind: Schmadtke war überzeugt, dass zu diesem Zeitpunkt ein Weckruf dringend nötig war, und da bin ich ganz bei ihm. Unsere Entwicklung in den vergangenen Monaten war ja wahrlich nicht so, dass wir in lauten Jubel ausbrechen könnten.

Morgenpost Online: Ihre Mannschaft hat seit sechs Spielen nicht mehr gewonnen, der Abstand zu den Abstiegsplätzen schmolz von sechs auf einen Zähler. Sind Sie nervös?

Kind: Nervös nicht, aber wir befinden uns in einer gefährlichen Situation, da gibt es nichts zu beschönigen. Zuletzt wurden uns unsere Schwächen deutlich aufgezeigt. Im letzten Spiel der Hinrunde gegen den VfL Bochum führten wir 2:0 und verloren 2:3 – so etwas darf uns gegen einen Konkurrenten im Abstiegskampf nicht geschehen. In einer Woche beginnt die Rückrunde. Da ist es an der Zeit, eine Trendwende zu schaffen. Auch darauf zielte die klare Ansage von Jörg Schmadtke ab. Er wollte ein Signal setzen.

Morgenpost Online: Was sind denn die Schwächen von Hannover 96, die Sie ansprechen?

Kind: Zuletzt waren elementare Dinge wie Disziplin und Siegeswillen nur sehr begrenzt zu erkennen. Auch die taktische Ausrichtung unseres Trainers wurde nur unzureichend umgesetzt. Der Mannschaft fehlte das Feuer.

Morgenpost Online: Wäre es da nicht eher die Aufgabe von Trainer Andreas Bergmann gewesen, die Mannschaft zusammenzustauchen?

Kind: Unser Trainer ist, wie er ist. Er ist kein Typ für die lauten Sprüche. Das ist auch okay so, er soll und muss authentisch bleiben. Es kann ja durchaus eine sinnvolle Arbeitsteilung sein, wenn unser Sportdirektor Jörg Schmadtke den lauten Part übernimmt.

Morgenpost Online: Das letzte Spiel gewann Hannover am 31. Oktober 2009. Am 10. November brachte sich Ihr Torwart Robert Enke um. Hat die Mannschaft das schreckliche Ereignis noch nicht verwunden?

Kind: Das ist eine unglaublich schwierige Frage. Es gibt Stimmen aus der Mannschaft, die sagen, dass es überwunden ist. Andererseits gibt es Aussagen von Experten, die behaupten, dass die Spieler noch traumatisiert sind. Ich vermag diese Frage nicht abschließend zu beantworten.

Morgenpost Online: Um die Mannschaft nicht permanent mit dem Thema zu konfrontieren, wird nun sogar das große Enke-Trikot abgenommen, das bisher im Stadion hing.

Kind: Ja, das ist eine Maßnahme. Außerdem habe ich der sportlichen Leitung freigestellt, ob sie sich Fachberatung holt.

Morgenpost Online: Wurde das Angebot angenommen?

Kind: Jörg Schmadtke hat mit Fachleuten, mit Psychologen, gesprochen. Direkten Kontakt zur Mannschaft hat es nach meinem Kenntnisstand aber nicht gegeben.

Morgenpost Online: Kann die Mannschaft das Thema nun ad acta legen?

Kind: Sie muss es. Wir werden Robert Enke stets ein ehernes Andenken bewahren. Aber Roberts Tod kann und darf keine Ausrede mehr sein. Die Mannschaft hat den Unglücksfall ja auch nie als Entschuldigung für Niederlagen vorgeschoben, das muss man ihr zugute halten. Unterbewusst wird das Unglück dennoch eine Rolle gespielt haben. Aber im Mai, wenn die Saison beendet ist, werden wir an den Ergebnissen gemessen werden. Dann gibt es keine Ausreden mehr. Wenn wir dann abgestiegen sind, fragt keiner danach, welche Rolle der Tod von Enke gespielt hat.

Morgenpost Online: Das Auftaktprogramm beim Tabellenletzten Hertha BSC und den beiden Aufsteigern Mainz und Nürnberg hat es in sich.

Kind: Ja, das sind Gegner, mit denen wir uns messen müssen. Das sind gleich entscheidende Spiele, in denen wir punkten müssen. Da muss die Mannschaft Charakter zeigen.