Mitleid findet selten Platz in der Branche der Profifußballspieler. Es muss also schon Auergewöhnliches passiert sein, wenn selbst der Gegner nach einer Partie warme Worte findet für die als Deppen abgestempelten Konkurrenten. „Einerseits habe ich schon Mitleid, weil es für die Hannoveraner richtig frustrierend verlaufen ist“, sagte der Mönchengladbacher Mittelfeldspieler Marco Reus. „Auf der anderen Seite waren die kuriosen Szenen des Spiels so lustig, dass man darüber lachen konnte.“
5:3 (2:1) hatte Reus mit seiner aufstrebenden Mannschaft vom Niederrhein gegen Hannover 96 gewonnen, obwohl die Hausherren selbst nur zwei Tore erzielt hatten. „Ungläubig und sprachlos“, gab 96-Trainer Andreas Bergmann später zu, habe er dem Treiben seines Teams zugesehen: „Da schießt du sechs Tore und verlierst trotzdem. Das ist doch verrückt.“ Gleich drei Eigentore steuerten die Niedersachsen zum Gladbacher Triumph bei und machten somit aus einem Match, das zuvor keine hohen Erwartungen geweckt hatte, ein denkwürdiges Spiel.
Hannovers Karim Haggui konnte darauf verzichten, dass er es in doppelter Hinsicht in die Rekordlisten der Fußball-Bundesliga gebracht hatte. Drei Eigentore in nur einer Partie waren noch keiner Mannschaft unterlaufen. „Bitter, unglaublich, schlimm. Es tut so weh“, beschrieb der tunesische Nationalspieler seinen Gemütszustand und äußerte Verständnis für alle, die das lustig fanden: „Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich auch darüber lachen.“
Haggui ist nach Dieter Bast, Dieter Pulter, Gerd Zimmermann, Per Roentved und Nikolce Noveski erst der sechste Profi, dem in einem Spiel gleich zweimal dieses Missgeschick unterlaufen ist. Wurde der Abwehrspieler vor dem 0:1 (14. Minute) noch von 96-Torwart Florian Fromlowitz im vollen Lauf angeschossen, war es beim 3:5 (90.+3) ein verunglückter Klärungsversuch, der den Ball ins Netz kullern ließ. Alle Eigentore wurden von außerhalb des Strafraums erzielt.
Haggui ist der 13. Spieler in der Bundesliga, der viermal seinen eigenen Torhüter überwand. Genauso oft trafen unter anderem „Kaiser“ Franz Beckenbauer, HSV-Idol Ditmar Jakobs oder Europameister Thomas Helmer auf der falschen Seite. Vor ihm liegen in dieser Rangliste nur noch zwei: der Däne Per Röntved, der bei Werder Bremen fünf Eigentore fabrizierte, und „Mr. Bananenflanke“ Manfred Kaltz. Der Hamburger ist mit sechs Treffern die Nummer eins bei den Eigentoren.
Wirklich sehenswert war das Selbsttor durch Constant Djakpa (58.), der Fromlowitz völlig unbedrängt aus rund 22 Metern überwand. „Unsere Gegentore waren echte Slapstick-Einlagen“, befand Teamkollege Hanno Balitsch.
Djakpa kann mit diesem Treffer durchaus Helmut Winklhofer nachfolgen. Mit einem verunglückten Pressschlag hatte der Profi des FC Bayern München am 10. August 1985 seinen Schlussmann Jean-Marie Pfaff in der Krefelder Grotenburg aus 40 Metern bezwungen. Bayer Uerdingen gewann 1:0, und Winklhofers Kunstschuss wurde als bis heute einziges Eigentor in der ARD-„Sportschau“ zum „Tor des Monats“ gewählt. Winklhofers verweigerte allerdings die Annahme der Medaille.
Die Hannoveraner versuchten, ihren Frust bei der Weihnachtsfeier in einer Düsseldorfer Diskothek zu bekämpfen, während die Gladbacher alle Zweifel an der Rechtmäßigkeit des 5:3 besänftigen wollten. „Ich hoffe nicht, dass der DFB Ermittlungen aufnimmt und dieses Spiel unter den Verdacht der Wettmanipulation nimmt“, sagte Borussia-Sportdirektor Max Eberl.





