Erinnern Sie sich noch an Anthony Yeboah aus Ghana? Eintracht Frankfurts brillanten Stürmer, dessen Karriere von dem Gerücht begleitet wurde, er sei viel älter, als es in seinem Pass steht? Es gebe nur eine Möglichkeit, Yeboahs Geburtsjahr heraus zu finden, sagte damals der Afrika-kundige Trainer Otto Pfister: „Bein aufschneiden, Jahresringe zählen.“

Über Mario Gomez dachte die Fußballwelt bislang, er sei 23 Jahre alt. Seine jüngsten Aussagen lassen aber durchaus den Schluss zu, dass auch der Angreifer des VfB Stuttgart alt wie ein Baum ist. „Solch eine Taktik habe ich das letzte Mal vor 60 Jahren gesehen“, sagte Gomez nach dem 2:0 (0:0) gegen Borussia Mönchengladbach, zu dem er das zweite Tor beigesteuert hatte (86.). Das 1:0 war Sturmpartner Ciprian Marica gelungen (67.).

Gomez’ imaginäre Erinnerung an den Fußball 40er-Jahre waren eine gezielte Attacke auf den gegnerischen Trainer. Hans Meyer, Jahrgang 1942, besetzte in Stuttgart eine Position, die in den Annalen des Spiels als verschwunden galt: die des Liberos. Gegeben von Tomas Galasek, immerhin auch schon 36 und mit dem System aus früheren Jahren noch vertraut.

Während die drei übrigen Verteidiger Stuttgarts Angreifer meist in Manndeckung nahmen, agierte Galasek als freier Mann. Die Taktik ging lange Zeit auf. „Tomas war einer der Besten auf dem Platz. Er hat fast alle Löcher gestopft“, lobte ihn sein Kollege Oliver Neuville. „Wir haben lange gebraucht, ein Mittel dagegen zu finden“, stöhnte hingegen Gomez und fragte provokant: „Die Gladbacher brauchen doch auch Punkte, oder?“

Mehr als jede andere Mannschaft sogar. Fünfmal in Folge hat die Borussia nun verloren und ist mit nur elf Punkten weiterhin Letzter. Junge Trainer würden in solch einer Situation wahrscheinlich auf Angriff setzen und versuchen, das Offensivpotenzial ihrer Mannschaft abzurufen. Meyer tut das Gegenteil. In Stuttgart ließ er seine besten Offensivspieler draußen. Oliver Neuville und Marko Marin kamen erst, als Gladbach in Rückstand lag. Es war zu spät, die Mannschaft nicht mehr in der Lage, von ihrer Marschroute abzuweichen.

Rehhagel, Meyers Bruder im Geiste, rechtfertigt das antike Spiel seiner Mannschaften gern mit dem Satz: „Modern ist, wer gewinnt.“ Meyer aber gewinnt zu selten, in zehn Spielen nur zweimal. Nach Misserfolgen zeigte er zuletzt gern mit dem Finger auf die Mannschaft und seine Vorgänger. Die Vorwürfe des falsch zusammen gestellten Kaders garnierte er meist mit ein paar bissigen Witzen, so dass die Kritik nicht ganz so hart durchschlug. Gerade erst betonte der 66-Jährige, dass er sich um den Job bei der Borussia nicht gerissen habe.

Meyer wird sich künftig weder darauf, noch auf die Fehler anderer Würdenträger zurückziehen können. Bislang gab im Winter kein anderer Klub mehr Geld für Transfers als die Borussia aus, gleich vier neue Spieler hat der Trainer bekommen. Inklusive Libero Galasek. Doch mit dem überrascht Meyer jetzt niemanden mehr.