Am Wochenende waren wir bei aller gebotenen Neutralität alle ein bisschen Vettel. Überzeugend, wie der Junge aus Heppenheim mit nur einem Versuch im letzten Qualifikationsabschnitt die Poleposition eroberte.

Grandios, wie er im Regen von Shanghai seinen zweiten Sieg einfuhr. Herzergreifend, seine unterdrückten Tränen auf dem Podium und sein lädierter Daumen, den er sich beim Emporreißen des Sieger-Pokals an einer scharfen Kante verletzte.

Die Erinnerungen daran, wie schwer es war, manchen Formel-1-Star vor das Mikrofon zu bekommen, sind noch frisch. Diese Aufgabe löst Sebastian Vettel auf ganz eigene Art: Bei der Fahrerparade, direkt vor dem Rennen in der Startaufstellung, direkt nach den endlosen Pressekonferenzen – immer und immer wieder stellt sich Vettel geduldig den Fragen der Reporter.

Gibt Auskunft über das Siegesgefühl, seinen Gedanken beim Überfahren der Ziellinie, über die Glücksmünzen, die mangels Hosentaschen in seinem Rennanzug zwischen den Schnürsenkeln hervorblitzen. Garniert mit seinem gewinnenden Lächeln.

Er gibt jedem einzelnen das Gefühl, wichtig zu sein. Er kennt die Bedürfnisse derer, die seine beeindruckende Geschichte in die Welt tragen.

Diesen Vettel findet jeder gut. Selbst seine Konkurrenten im Fahrerlager können sich seinem Charme nicht entziehen und wissen doch, dass er auf der Strecke gnadenlos ist. Ob er in Brasilien beim letztjährigen WM-Finale in der letzten Runde an Lewis Hamilton vorbeizog, ob er in Monza 2008 mit seinem sonst eher schwächeren Toro Rosso seinen ersten Sieg einfuhr – der Jungspund aus dem hessischen Odenwald hat sich den Respekt in der Formel 1 erarbeitet.

Und er wächst dadurch immer mehr zum neuen Helden, den wir uns alle so sehr ersehnt haben, weil wir wissen, dass insbesondere in Deutschland Sportarten nur mit Helden richtig funktionieren.

Vettels Stern am Himmel glüht hell. Für alle anderen Piloten, die auch gern Helden wären, denen dazu aber aus unterschiedlichsten Gründen noch etwas fehlt, ist das nicht leicht.

Vettel braucht keinen Manager, weil er die nötige Hilfe durch sein Team erhält und seinen Marktwert auf der Strecke steigert. Er ist das, was Bernie Ecclestone, sein größter Fan, benötigt: den Beweis dafür, dass sich der innovativste Sportzirkus der Welt neu erfinden kann – auch in Krisenzeiten.

Peter Lauterbach (32) reist seit zehn Jahren mit der Formel 1 um die Welt und ist Reporter beim Pay-TV-Sender Premiere. Er betrachtet jeden Montag die Formel 1 bei Morgenpost Online.