Neulich wäre es fast wieder passiert. 5,02 Meter lag die Latte hoch beim Golden-League-Meeting in Paris: Weltrekordhöhe, Jelena-Isinbajewa-Höhe. Nur eine Nuance verhinderte an diesem Tag, dass die Russin ihre 21. Bestmarke aufstellte: „Der Stab war zu weich. Nächstes Mal benutze ich einen härteren.“ Nächstes Mal – wird es Dienstag sein?

Kaum eine Frau dominierte in jüngerer Vergangenheit eine Leichtathletik-Disziplin derart souverän wie Jelena Isinbajewa den Stabhochsprung. Längst geht es wie heute im Weltmeisterschaftsfinale nicht mehr darum, ob die 25 Jahre alte Russin den Wettbewerb gewinnt, sondern mit welcher Höhe. „Ich bin jetzt ziemlich zuversichtlich, dass der Moment nah ist, in dem die Höhe fällt“, orakelt Isinbajewa, eine der wenigen herausragenden Athletinnen, die länderübergreifend Interesse für die Leichtathletik zu wecken vermögen. „Unser Sport verfügt über zu wenige Stars, die wir weltweit als Promotoren nutzen könnten“, jammerte Isinbajewa in der „NZZ“.

Sie selbst werkelt parallel zu lukrativen Meetingstarts – der Stabhochsprung wurde eigens wegen ihr ins Programm der hochdotierten Golden-League-Meetingserie aufgenommen – an einer Karriere nach der Karriere. Als Moderatorin versuchte sie sich bereits erfolgreich, als Werberin für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2013 ebenfalls. Und überhaupt mag sie es, sich „in höheren Kreisen zu bewegen“ – eine treffende Formulierung für eine Stabhochspringerin, die einer Werbekampagne des Autoherstellers Toyota für die Weltmeisterschaften in Osaka/Japan mit dem Slogan „Beyond Limits“ („Außerhalb der Grenzen“) ihr Konterfei leiht.

Isinbajewa gewann schon eine Million Euro Prämien

Für jemanden mit dem Anspruch, eine „Legende des Sports“ werden zu wollen, hat die in Wolgograd geborene russische Nationalheldin schon eine Menge erreicht. Olympiasiegerin ist sie, Weltmeisterin, Europameisterin, Weltrekordhalterin, Kapitalistin. Fast eine Million Euro an Prämien brachte der Geschäftsfrau im Trainingsanzug die Hatz nach Rekorden bereits ein, den eigenen Werbewert nicht eingerechnet.

2006 war für die Verhältnisse des 1,74 Meter großen Kraftpakets ein ziemlich miserables Jahr, obwohl sie als „Weltsportlerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Gleich mehrmals scheiterte sie bei dem Versuch, ihren Weltrekord von 5,01 Meter zu steigern. Abnutzungserscheinungen machten sich bemerkbar, Gerüchte über ein nahendes Karriereende die Runde. Doch Isinbajewa arbeitete unbeirrt an ihrer Anlauftechnik, sie sprintet nun aufrechter. In Formia, einer Kleinstadt unweit von Rom, lässt sie sich inzwischen von Sergej Bubkas früherem Trainer Witali Petrow trimmen. Bubka berät Isinbajewa als Mentor, er selbst stellte in seiner Karriere 35 Weltrekorde auf. Seine „Salami-Taktik“, die Weltbestmarke zentimeterweise und gegen Zahlung mindestens fünfstelliger Dollarbeträge zu steigern, hat sie übernommen.

Jennifer Stuczynski ist die stärkste Herausforderin

Mit 4,91 und 4,90 Metern hält Jelena Isinbajewa – natürlich – die Weltjahresbestleistungen, aufgestellt bei Wettbewerben in Paris und Rom. Dann allerdings folgt in der Liste der Saisonbesten bereits mit 4,88 Metern die Amerikanerin Jennifer Stuczynski (25). Auf sie dürfen all jene hoffen, die lieber spannende Duelle als einsame Höhenflüge sehen mögen. Stuczynski wird am Dienstag Isinbajewas Herausforderin sein, dabei spielte sie bis 2004 noch Basketball und begann dann erst mit dem Stabhochspringen. Die hochgewachsene Amerikanerin ist dennoch die Springerin, die der russischen Ausnahmeathletin („Sicher wäre es interessant, wenn ich im Wettkampf mehr Konkurrenz hätte“) am ehesten den Weltmeistertitel streitig machen könnte.

„‚Jenn’ ist schneller höher gesprungen als irgendjemand in der Welt“, schwärmt ihr Trainer Rick Suhr. Als Stuczynski in diesem Jahr den Landesrekord der Olympiasiegerin von 2000, Stacy Dragila, übertraf, sagte er zu ihr: „Du bist noch nicht nah dran am Optimum. Du kannst noch höher hinaus.“ Silke Spiegelburg, die einzige Deutsche im Finale, wird es sich aus nächster Nähe anschauen können.