Die erste Anspielung ließ nicht lange auf sich warten. Als Leandro Damian Cufre (30) gestern erstmals die Mannschaftskabine von Hertha BSC betrat, hatten seine neuen Kollegen schon ein Foto parat gelegt. „Ein kleiner Flachs“, wie Kapitän Arne Friedrich sagte. Auf dem Bild war die hässliche Szene zu sehen, in der sich der Zugang der Berliner vor zweieinhalb Jahren zum Feindbild der deutschen Fußball-Fans machte.

Am 30. Juni 2006 hatte Deutschland im Berliner Olympiastadion das Viertelfinale der Weltmeisterschaft gegen Argentinien 5:3 nach Elfmeterschießen gewonnen, und nach dem Schlusspfiff verlor Cufre die Beherrschung. Frustriert von der Niederlage trat der Südamerikaner dem deutschen Nationalspieler Per Mertesacker mit voller Wucht in den Unterleib. Der Verteidiger von Werder Bremen sank vor Schmerzen zu Boden. Es war die brutalste Aktion des Turniers. Aufgrund des anschließenden Handgemenges wurde Torsten Frings für das Halbfinale gesperrt.

Nun ist Cufre zurück an dem Austragungsort des Skandalspiels. Hertha hat den Abwehrspieler bis zum Saisonende ablösefrei vom AS Monaco verpflichtet. Nur wenige hundert Meter von dem WM-Stadion in der Hauptstadt entfernt trainierte er am Freitag mit der Mannschaft. Möglicherweise wird der 30-Jährige im Heimspiel der Blau-Weißen gegen Eintracht Frankfurt heute (15.30 Uhr, live bei Premiere) zum ersten Mal seit 2006 in der traditionsreichen Spielstätte auflaufen. „Das Schicksal wollte es, dass ich wieder in Berlin und in dem Olympiastadion spielen werde“, sagte Cufre gestern.

Er versicherte sofort, dass er im Spiel gegen Werder Bremen im April Mertesacker um Verzeihung bitten werde: „Wenn wir gegeneinander spielen, möchte ich mich entschuldigen. Wir werden uns in Freundschaft begegnen.“ Ob es wirklich so harmonisch zugehen wird, ist fraglich. Per Mertesacker ist nicht sicher, ob er seinem Peiniger die Hand geben wird.

Friedrich erlebte die Attacke Cufres auf seinen Nationalmannschaftskollegen damals aus unmittelbarer Nähe. Er hofft dennoch, dass dem Argentinier die Szene nicht ewig nachhängt. „Das Thema ist doch gegessen“, so der Kapitän.

Für die deutschen Fußballfans wohl kaum. Bei Auswärtsspielen dürfte Herthas Neuer ausgepfiffen werden. Manager Dieter Hoeneß glaubt allerdings nicht, dass die Ablehnung gegen den Abwehrspieler ausser Kontrolle geraten könnte. „Er hat damals aus der Emotion heraus gehandelt. Ich finde es gut, dass sich Leandro entschuldigen will. Dabei sollte man es belassen“, sagte der einstige Nationalspieler.

Hoeneß kann es sich derzeit ohnehin nicht leisten, einen Spieler nach seinem Sympathiewert zu bewerten. Hertha hat acht Verletzte zu beklagen, muss zum Rückrundenstart unter anderem auf die Leistungsträger Pal Dardai und Gojko Kacar verzichten.

Neben Cufre haben die Verantwortlichen in dieser Woche daher auch Marko Babic (28) verpflichtet. Der Kroate spielte bis 2007 für Bayer Leverkusen, ehe er zu Betis Sevilla wechselte. In Spanien konnte er sich aber nie durchsetzen. In Berlin ist Babic nun eine Alternative auf der linke Seite, während Cufre für die Vierer-Abwehrkette vorgesehen ist.

Intern werden die beiden Neuen allerdings kritisch gesehen. Herthas Verantwortliche hatten stets die Parole ausgegeben, nur Spieler zu holen, die den Kader verstärken. Ob die beiden Profis dies wirklich tun, wird im Verein angezweifelt. Zwar geht Hertha auf Grund der kurzen Vertragslaufzeiten bis Juni kein finanzielles Risiko, doch fehlt Babic die Spielpraxis. Und wird Cufre seine Emotionen immer unter Kontrolle haben?