Der Hype fordert Opfer. Stressige Tage liegen hinter Maria Riesch. Ihre Kerntätigkeit, das Skirennlaufen im Riesenslalom zum Weltcupauftakt auf dem Gletscher in Sölden, ist dabei ein bisschen in den Hintergrund geraten: Riesch wurde 13., ihre Landsfrau Kathrin Hölzl als beste Deutsche beim Sieg der Österreicherin Katrin Zettel Achte. Aber die Disziplin zählt sowieso nicht zu Rieschs Stärken, die 23-Jährige sagt: „Das Ergebnis in den Top 15 ist solide, mein bestes seit über einem Jahr.“

Sogar der für seinen Ehrgeiz bekannte alpine Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV) registriert den mäßigen Start seiner Frauen gelassen. „Wir haben im zweiten Lauf, der technisch anspruchsvoller war, gesehen, dass die Mädels ganz ordentlich mitfahren können“, sagt Wolfgang Maier, „nun sind wir nicht die Gejagten, sondern sind bei den Jägern, und das ist manchmal viel einfacher.“


Dabei oblag es allein seinen Frauen, dem Verband Erfolgserlebnisse zu bescheren. Bei den Männern schickte der DSV Felix Neureuther am Sonntag als einzigen, chancenlosen Starter ins Rennen: Der Partenkirchener Klubkamerad von Riesch wurde nur 34. beim Schweizer Doppelsieg von Daniel Albrecht vor Didier Cuche.

Viel Druck auf Riesch

Doch der sportliche Wert des Wochenendes ist ohnehin umstritten. Sölden pflegt seit 15 Jahren auf Druck der Ski- und Tourismusindustrie den verfrühten Auftakt zum Winter mitten im sonnigen Herbst zu liefern – weil es primär darum geht, Skifans mit verlockenden Schneebildern zum Urlaubbuchen und Ausrüstungkaufen zu locken. Richtig beginnt die Saison für die Slalomfahrer erst Mitte November in Levi/Finnland, für den Rest noch zwei Wochen später in Amerika.

Dann frühestens wollen die Stars in Form sein: „Wer seine Vorbereitung auf Sölden ausrichtet und jetzt richtig fit ist“, sagt die Schwedin Anja Pärson, „dem geht im Januar, Februar die Kraft aus, wenn die wichtige Zeit im Weltcup und die WM kommt.“

Für Riesch droht die Saison so anstrengend zu werden wie die Vorwoche. Nachdem sie seit ihrem Weltcupdebüt 2001 zwei Kreuzbandrisse hinter sich gebracht hat und danach gerade das erste verletzungsfreie Jahr mit Rang drei im Gesamtweltcup, erwarten Fans, Fachmedien und Sponsoren von ihr nun den Gesamtsieg. Sie wäre die erste Deutsche seit Katja Seizinger vor elf Jahren.

Dauernd zu spät gekommen

Riesch müht sich, den Druck zu mindern: „Wir haben gut trainiert, aber es gibt keine Garantie, dass man eine Supersaison hat.“ Doch viel weniger darf es kaum werden. Als Samstag in Sölden die Fanklubs ihren traditionellen Festumzug durch das Dorf zur Aufführung brachten als wäre Karneval, fielen die Anhänger der Deutschen besonders auf: Etwa 80 Leute marschierten da mit großem Tamtam, inklusive eines kompletten Spielmannszuges, ausgestattet von der Schokoladenfirma, die Riesch sponsert und die dafür sorgt, dass moderne Stadtkinder meinen, Kühe sähen lila aus.

Weil der deutsche Markt aufgrund seiner Größe und Zahlungskraft für die Skiindustrie von gehobener Relevanz ist, musste seine Vorzeigefahrerin Riesch so viele Reklameaufträge in Sölden erfüllen, dass sie dauernd zu spät kam: bei ihrem Skiausrüster, weil die Dopingkontrolle dazwischen kam, bei der Auszeichnung zum „Girl Athlete 2008“ eines Schuhherstellers, weil die Startnummerauslosung voranging.

Auf Postern posiert sie nun im schwarzen Mantel als Ski-Playmate des Jahres lasziv mit nackten Beinen und freigelegtem Dekolleté. „Im Fernsehen sehen wir mit unseren Helmen immer so hart aus“, sagt Riesch, „aber wir sind Frauen und haben auch unsere sexy Seiten.“