Rudi Assauer erkundigte sich zunächst, um welches Thema sich das Interview drehen solle. Natürlich hatte er vor dem Spiel von Schalke 04 am Sonntag bei der TSG Hoffenheim schon eine Ahnung. Schließlich wird Tabellenführer Hoffenheim von Ralf Rangnick trainiert. Jenem erfolgreichen Übungsleiter, den der damalige Schalker Manager Assauer vor drei Jahren gefeuert hatte. Eine Entscheidung, über die er heute nicht mehr reden mag. „Auf Wiederhören.“ Das Telefonat endet abrupt und schroff.
Das Kapitel Rangnick ist kein Ruhmesblatt in Assauers 18-jähriger Ära bei dem Ruhrgebietsverein. Der Trainer hatte vom 28. September 2004 bis zum 12. Dezember 2006 in Schalke gearbeitet und den Klub in die Champions League geführt. Anerkennung für die Leistung erfuhr Rangnick kaum, er fühlte sich von Assauer gemobbt. Da die Schalker gerade wieder einmal in der Krise stecken, kehren die Gedanken an Rangnick zurück. Wären wir mit ihm vielleicht Erster?
Auch Assauers Nachfolger Andreas Müller stellt derlei Fragen. „Warum wurde Ralf Rangnick damals nicht von allen im Verein unterstützt? Warum wurde nicht von allen erkannt, welch hervorragender Trainer er ist?“ fragt der Manager: „Warum hat Rangnick denn die Zeit, die er in Hoffenheim bekommen hat, bei uns nicht bekommen?“
Müller lenkte die Aufmerksamkeit bewusst auf die Geschichte. Er hat gute Gründe dafür: Zum einen war er maßgeblich für Rangnicks Verpflichtung verantwortlich. Zum anderen steht er wegen einiger Fehleinkäufe derzeit unter großem Druck und kann nun zeigen, dass auch zu einer Zeit, als er noch nicht die alleinige Verantwortung für den sportlichen Bereich getragen hatte, Fehler gemacht worden sind. Und zwar von jenem Assauer, der ihn in der Vorwoche so scharf attackiert hatte. Schalkes Verantwortliche hätten „keinen Arsch in der Hose“, sagte Assauer im „Express“.
"Schalke war zu lange Spielball der Boulevardpresse"
Müller konterte: „Dieser Verein krankt daran, viel zu lange ein Spielball der Boulevardpresse gewesen zu sein“, sagt er. Und tut es offenbar noch heute: Für die bunten Blätter war Assauer über Jahrzehnte der einzig relevante Stichwortgeber. Rangnick war aber ein Trainertypus, der ein Problem mit allzu plakativer Darstellung des Profi-Fußballs und seiner Protagonisten in den Medien hatte. Er nahm Schlagzeilen persönlich, was ihm das Leben erheblich erschwerte.
Bereits der erste Auftritt in Gelsenkirchen ging gründlich schief. „Wir freuen uns, Ihnen Rolf Rangnick vorstellen zu dürfen“, hatte Assauer erklärt. Der Versprecher war gewiss keine Absicht. Aber durchaus ein Zeichen, wie fern sich der hemdsärmlige Assauer und der überlegte Rangnick standen.
Trotz einer starken Bilanz, die ihn mit einem Schnitt von 2,1 Punkten pro Spiel in seiner ersten und immerhin 1,9 in seiner zweiten Saison zum erfolgreichsten Bundesligatrainer in der Vereinsgeschichte machten, sah Rangnick sich ständigen Sticheleien ausgesetzt.
Was sicher auch daran lag, dass Rangnick nicht von Assauer, sondern von dessen rechter Hand Müller ausgesucht worden war. Der starke Mann im Verein war aber immer noch Assauer. Und der mochte Rangnick nicht. Einmal watschte er den Trainer ab, weil dieser einen Spezialisten ins Trainingslager kommen ließ, der ein Computersystem für Spielanalyse entwickelt hatte. Für einen wie Assauer neumodischer Kokolores. Er sagte: „Das Ding wird eh nicht gekauft. Erst recht nicht, weil ich nicht informiert worden bin.“ Auch die Verpflichtung eines Mentaltrainers scheiterte an Assauer. So etwas hätte man zu seiner Zeit auch nicht gebraucht. Ende der Diskussion.
Streit mit Assauers Sekretärin
Auch Rangnicks Interesse an den Reiseplanungen wurden zum Streitthema. Als der Trainer darauf gedrängt haben soll, für das Spiel in Rostock ein Hotel zu buchen, das näher am Stadion liegt, soll es zwischen ihm und einer Sekretärin Assauers zu einer Auseinandersetzung gekommen sein. „Wissen Sie, Herr Rangnick: Sie sind bereits der 20. Trainer, den ich hier erlebe“, soll die resolute Dame von der Geschäftsstelle gesagt haben: „Und den 21. werde ich hier sicher auch noch erleben.“ Als die Peinlichkeit dann auch noch in der Zeitung stand, war Rangnick beleidigt.
Doch auch der heute für seine Arbeit in Hoffenheim bewunderte Trainer machte damals Fehler. So hielt er vor seinem ersten Spiel eine Ansprache an die Fans, die seine Wertschätzung für die Anhänger zum Ausdruck bringen sollte. Dem Vorsänger der Schalker Ultras schenkte er als „Dank für die Unterstützung“ einen Trainingsanzug. Was gut gemeint war, kam im Revier nicht gut an. Es wurde ihm als anbiederndes Verhalten ausgelegt.
Objektive Beurteilung erst im Nachhinein
Die Tragik sowohl für die Schalker als auch für Rangnick liegt darin, dass eine objektive Bewertung von Rangnicks Wirken erst erfolgte, nachdem die Zusammenarbeit bereits beendet war. Viele Schalker Spieler schwärmen heute noch von ihm. „Er wird ja nicht umsonst Professor genannt“, sagt Fabian Ernst: „Rangnick analysiert sowohl die Spieler als auch das gesamte Spiel sehr genau. Deshalb kann er seine Mannschaften sehr gut einstellen.“
Kevin Kuranyi ist speziell von der offensiven Philosophie des Trainers angetan: „Er will modernen Fußball spielen, hat viele Ideen und eine junge Mannschaft, mit der er seine Vorstellungen umsetzen kann.“ Trotzdem glaube er nicht, dass sich das Hoffenheimer Erfolgsmodell uneingeschränkt auf Schalke übertragen ließe. „Das kann man nicht vergleichen“, so Kuranyi: „Hoffenheim ist eine nach seinen Vorstellungen zusammengestellte Mannschaft.“ Ein so radikaler Umbau sei bei einem großen Verein wie Schalke nicht möglich.
Der jetzige Trainer Fred Rutten merkt dies derzeit. „Hoffenheim spielt den besten Fußball der Liga“, lobt er den Kollegen, dessen Zeit in Gelsenkirchen damals am letzten Hinrundenspieltag endete. Er hatte in der Zeitung gelesen, Schalke wolle seinen Vertrag nicht verlängern, und beschloss, seinen Abschied zum Saisonende zu verkünden. Vor dem Anpfiff lief er eine Ehrenrunde. Assauer kommentierte süffisant: „Da hat der Kleine die Nerven verloren“. Und seinen Job.
Rangnick gab jetzt zu, die Ehrenrunde sei ein Fehler gewesen. Er sagte aber auch, Schalke sei damals noch nicht so weit gewesen: „Erst ein halbes Jahr später hat es die Einsicht in die Notwendigkeit und die Trennung von Assauer gegeben.“ Rangnick hätte nur ein wenig warten müssen. Dann würde er vielleicht heute noch bei dem Verein arbeiten, der ihm die „emotionalste Zeit überhaupt“ bescherte. Und womöglich würde Schalke den besten Fußball der Liga spielen, nicht Hoffenheim.




