Die zweite Karriere hätte kaum besser beginnen können: Drei Spiele, zwei Siege, ein Unentschieden lautet die Bilanz von Markus Babbel als Trainer des VfB Stuttgart. Oder um genau zu sein: als Teamchef, denn dem 36-Jährige fehlt die nötige Lizenz. Der Nachfolger von Armin Veh darf bis zum Saisonende mit einer Ausnahmegenehmigung arbeiten. Auch Samstag. Zum Abschluss der Hinrunde trifft Babbel mit dem VfB auf den FC Bayern, mit dem er als Spieler große Erfolge gefeiert hat, ehe er im Jahr 2001 zum FC Liverpool wechselte.
Morgenpost Online: Herr Babbel, seit Liverpooler Zeiten sind Sie eng mit Campino, dem Sänger der Toten Hosen, befreundet. Das Konzert vergangene Woche in Stuttgart dürften Sie aber verpasst haben.
Markus Babbel: Leider war es so. Es fand am Freitag vor unserem Spiel in Cottbus statt. Als ich noch Assistent unter Armin Veh war, bin ich zu Auswärtsspielen nicht mitgefahren – da war der Termin eigentlich ideal. Da sich die Situation nun aber geändert hatte, ist meine Frau allein auf das Konzert gegangen. Unter den aktuellen Umständen habe ich natürlich gern verzichtet, zumal wir ja auch noch 3:0 gewonnen haben. Campino rief nach dem Spiel an und hat mir gratuliert.
Morgenpost Online: Bei der Meisterfeier 2007 wäre er stolz auf Sie gewesen. Zu später Stunde trugen Sie auf dem Stuttgarter Schlossplatz die komplette Hymne des FC Liverpool vor: „You’ll never walk alone“.
Babbel: Ich bin immer noch sehr stolz auf diesen Abend. Das war musikalisch zwar nicht sonderlich wertvoll, ich hatte ja auch schon einige Bierchen getrunken – aber wer kann von sich schon behaupten, vor über 100.000 Menschen gesungen zu haben?
Morgenpost Online: Wäre ein solcher Auftritt in Ihrer jetzigen Position überhaupt noch denkbar?
Babbel: Wahrscheinlich nicht. Als Trainer musst du gewisse Dinge vorleben, zu diesem Job gehört eine gewisse Seriosität. Die Zeiten, in denen man um drei Uhr aus der Disco kommt, sind nun vorbei. Aber ganz ehrlich: Ich werde auch nicht jünger und bin froh, wenn ich an einem ruhigen Abend zu Hause entspannen kann.
Morgenpost Online: Der Wandel ist offensichtlich: Sie tragen seit Ihrer Beförderung auch keinen Ohrring mehr.
Babbel: Den Ohrring hat meine Frau einkassiert. Sie sagte, ich sähe ohne ihn seriöser aus. Auch andere Leute haben den Ohrring moniert. Wenn das das einzige Problem ist, verzichtete ich gern auf ihn. Bei meiner Frau vermute ich aber, dass sie ihn nur abstauben wollte. Sie trägt ihn seitdem selbst im Ohr.
Morgenpost Online: Ein größeres Problem ist die Geschichte mit dem Trainerschein, den DFB-Sportdirektor Matthias Sammer von jedem Bundesligatrainer einfordert. Können Sie sich vorstellen, die elfmonatige Ausbildung parallel zu Ihrem Job zu machen – wie etwa Holger Stanislawski vom FC St. Pauli?
Babbel: Die Fragen zum Trainerschein sind für mich im Moment absolut uninteressant. Diese Möglichkeit schließe ich aber aus – dafür ist der VfB Stuttgart eine Nummer zu groß. Ich kann nicht von Montag bis Donnerstag in Köln auf der Sporthochschule Kurse belegen und dann am Freitag nur noch für das Abschlusstraining einfliegen. Das funktioniert nicht, da mache ich mir nichts vor.
Morgenpost Online: Jürgen Klinsmann hat für Sie eine Ausnahmeregelung gefordert. Glauben Sie, dass Sie in der Ausbildung noch Sinnvolles lernen können? Ihr Torwart Jens Lehmann zweifelt dies an.
Babbel: Natürlich lernt man im Leben nie aus. Ich kann Jens aber verstehen: Er hat bei Arsenal London über viele Jahre in der besten Liga der Welt gespielt. Mit Arsene Wenger hatte er einen Trainer, den viele für den Besten der Welt halten. Solche Erfahrungen, wie Jens sie in London und ich in Liverpool gemacht haben, kann eine Ausbildung nicht vermitteln.
Morgenpost Online: Haben Sie mit Sammer über das Thema Trainerschein schon persönlich gesprochen?
Babbel: Nein, habe ich nicht. Und ich halte es momentan auch für unnötig. Das ganze Gerede über den Trainerschein nervt und ist für mich im Moment kein Thema. Ich weiß, dass es bald eines werden kann. Aber nicht mehr vor der Winterpause. Wichtig ist jetzt nur das Spiel gegen die Bayern.
Morgenpost Online: Mit dem FC Bayern sind Sie dreimal Meister geworden. Gewinnt diese Partie durch die gemeinsame Vergangenheit für Sie an Reiz?
Babbel: Nicht, weil ich selbst in München gespielt habe, sondern weil es gegen die Bayern geht. Dieses Spiel ist immer reizvoll und besonders – gerade für einen Trainer. Es gibt kein leichteres Arbeiten als in der Woche vor dem Bayern-Spiel. Jeder Spieler ist bei jedem Training hoch motiviert, gegen die Bayern will jeder in der Mannschaft stehen.
Morgenpost Online: Und – kann Ihre Mannschaft am Samstag gewinnen?
Babbel: Natürlich. Nur weil der Gegner Bayern heißt, geben wir uns ja nicht mit einem Punkt zufrieden. Wir verfügen über einen starken Kader und haben in den vergangenen Wochen neues Selbstbewusstsein gesammelt.
Morgenpost Online: Wie viel Anteil geben Sie sich an den jüngsten Erfolgen des VfB? Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass eine Mannschaft nach einem Trainerwechsel anders auftritt.
Babbel: So etwas ist schwierig einzuschätzen. Ich denke, dass Trainerteam und Mannschaft bei der Vorbereitung auf ein Spiel je fünfzig Prozent ausmachen. Und zuletzt haben beide ihre fünfzig Prozent zu hundert Prozent erledigt. Jeder Spieler, der beim VfB unter Vertrag steht, hat eine hohe Qualität. Wenn er die einbringt, werden wir automatisch gut. Dies ist im Moment der Fall. Alle glauben an sich und an den Erfolg.
Morgenpost Online: Sie könnten noch mehr gute Spieler haben – Aufsteiger Hoffenheim sorgt derzeit mit gleich vier Profis für Furore, die allesamt aus der VfB-Jugend kommen.
Babbel: Zunächst einmal spricht dieser Fakt für die tolle Ausbildungsarbeit des VfB. Und für die Jungs freut es mich, dass sie in Hoffenheim zum Zuge kommen – das sind alles anständige Kerle, die bei uns eben keine Chance hatten oder sie nicht nutzen konnten. So ist das eben im Profifußball. Der Vorwurf, wir würden in Stuttgart Talent nicht erkennen, geht mir aber wirklich auf den Keks. Das ist Polemik.


















