Normalerweise ist die Umkleidekabine unmittelbar nach Spielende eine Tabuzone. Kein Zutritt für Fremde, erst recht nicht für Frauen. Es sei denn, es handelt sich um eine fußballbegeisterte Bundeskanzlerin und eine Angelegenheit von nationalem Interesse. So stand Angela Merkel nach dem Testspiel gegen Serbien in Gelsenkirchen zwischen verschwitzten, weitgehend entkleideten Männern und durfte allen im Namen des Fußballvolkes ganz viel Glück für die Fußball-Europameisterschaft wünschen. „Wenn das so weiter geht, wird es gut“, schwärmte Merkel nach dem 2:1-Sieg, passend dazu im grünen Kostüm.
Am Dienstag beginnt sie also, die entscheidende Etappe der „Bergtour 2008“. Um 11.05 Uhr wird die Chartermaschine des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vom Flughafen Frankfurt/Main abheben. An Bord sind dann 23 Nationalspieler, der Trainerstab, Betreuer und ein optimistischer Verbandspräsident, der den Kader ins EM-Quartier ins schweizerische Ascona begleiten wird. Für Theo Zwanziger ist das vor allem eine symbolische Geste, so etwas ähnliches wie das grüne Kostüm von Frau Merkel. „Ich will damit stellvertretend für den Verband und die 40 Millionen deutschen Fußballfans zeigen, dass wir volles Vertrauen in das Team haben“, sagt Zwanziger.
Bei soviel staatstragender Vorfreude trifft es sich gut, dass gerade noch rechtzeitig die Mannschaft mitgespielt hat. Ein müdes 2:2 gegen Weißrussland hatte das erwartungsfrohe Fußballvolk kurzzeitig in mittelschwere Panik versetzt. Die Ausreden von der anstrengenden Vorbereitung im Trainingslager mochte niemand hören. Ein schläfriges Spiel reichte aus, um unangenehme Erinnerungen an die Vorrunden-Niederlagen bei den vergangenen beiden Europameisterschaften zu wecken. Jeder jammert mit, über die fehlende Kreativität, die schlechte Abstimmung und die noch viel schlechtere Abwehr.
"Voll im Plan"
Seit dem 2:1-Siegtreffer von Michael Ballack gegen Serbien am Samstagabend ist das meiste davon vergessen. Auf der Tribüne hat die Kanzlerin vorgemacht, was jetzt erste Bürgerpflicht ist: Jubeln, sich freuen, denen da unten vertrauen. „Die Mannschaft hat Kraft, Willen und unglaubliche Chancen“, hat Frau Merkel gesagt. Mit Deutschland ist also weiter zu rechnen, auch auf dem Fußballplatz. Und wer den Einschätzungen der Politik nicht so recht traute, der wurde von Joachim Löw beruhigt: „Wir sind mit der Vorbereitung voll im Plan. Die Entwicklung geht bei jedem einzelnen in die richtige Richtung.“
Ein Bundestrainer muss so etwas sagen, schließlich spielt nicht nur in der Wirtschaft die Psychologie eine wichtige Rolle. Aber wie weit ist die Mannschaft zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft im eigenen Land wirklich? Was kann sie ohne Jürgen Klinsmanns Motivationsreden und Heimspiele, vor denen Zehntausende die Nationalhymne anstimmen? Auf der Suche nach der Antwort ist es wie vor jedem großen Turnier. Geht es um die Leistungsfähigkeit der deutschen Elf, spaltet sich die Fußballnation in zwei Lager. Die einen Fans sind der Ansicht, dass die Mannschaft zum frühen Scheitern verurteilt ist und sie sich bei ihrem Stammitaliener mindestens bis zur nächsten EM hämische Sprüche gefallen lassen müssen. Die anderen kaufen schon mal ein paar Partyfässer Bier und planen die Titelfeier mit Grillwurst und den Nachbarn.
Dazwischen bleibt nicht viel Spielraum, auch wenn sich der EM-Kader 2008 genau dort bewegt. Die aktuelle Mannschaft hat eigentlich zu wenige Spieler, die in ihren Vereinen auf hohem europäischen Niveau gespielt haben. Sie hat eigentlich zu viele in ihren Reihen, die lange Verletzungspausen hinter sich haben. Sie ist eigentlich zu berechenbar. Und trotzdem ist sie in der Lage, all diese Dinge in den kommenden Wochen zu überspielen.
Netzer lobt Ballack
Der Hauptgrund für diese Hoffnung trägt die Trikotnummer 13. Bei der WM 2006 war Michael Ballack für den damaligen Bundestrainer Klinsmann bereits der „Capitano“, die zentrale Spielfigur im Mittelfeld, der Anführer. Mittlerweile ist er noch vieles mehr, noch wichtiger, noch zentraler. Ballacks Befinden wird sich entscheidend auf das Wohl und Wehe der deutschen Elf auswirken. Er ist der Antreiber und Ausputzer, Vorbereiter und Vollstrecker in einer Person. Ballack ist so respektiert wie nie, er ist so engagiert wie nie. Und er ist so gut in Form wie nie. „Es war eine große, perfekte Leistung. Ich habe Ballack noch nie in einer besseren Verfassung gesehen. So habe ich ihn mir immer gewünscht“, lobte selbst der sonst so kritische Ehemalige Günter Netzer nach dem Spiel gegen Serbien. „Er kann und wird bei der EM den Unterschied machen, er ist der Kopf der Mannschaft“.
Es ist der größte Trumpf des deutschen Fußballs, dass sich sein prominentester Vertreter zu Saisonbeginn eine schwere Fußverletzung zugezogen hatte. Ballack konnte nach zwei Operationen beim FC Chelsea fast fünf Monate nicht richtig trainieren. Während andere spielten, arbeitete er im Kraftraum, allein, von einigen bereits abgehakt. Und er kam zurück, muskulöser, stärker als je zuvor. Er war es, der die Weltauswahl des FC Chelsea in der Schlussphase der englischen Meisterschaft immer wieder antrieb. Er musste sich am wenigsten vorwerfen lassen, dass dem Klub in der Liga und im Finale der Champions League nur Platz zwei blieb. Während viele andere nach einer aufreibenden Saison Ruhe brauchen, wirkt er ausgeruht. „Michael ist im Moment in überragender Form“, sagt Löw, wenn er von seinem „Leader“ spricht.
Ballack begeistert, sich und andere. Dazu gehört Torsten Frings. Auch er hatte in der Saison eine lange Verletzungspause, und auch er ist rechtzeitig in guter Form. Als Absicherung von Ballack ist er wichtig, die Stütze einer Mannschaft, die ihren Stärken in der Offensive hat. Mit Mario Gomez, Miroslav Klose, Kevin Kuranyi oder Lukas Podolski hat Löw viele Alternativen. Selbst Oliver Neuville hat mit seinem Ausgleich gegen Serbien gezeigt, wie wichtig er trotz seiner 35 Jahre als Joker sein kann. „Wir haben viele Topstürmer, die auf hohem Niveau spielen und bei der Europameisterschaft den Unterschied ausmachen können“, sagt Ballack.
Schwachpunkt Abwehr
Die Mannschaft hat das Potenzial, mit Offensivfußball zum EM-Titel zu stürmen, vorausgesetzt die beiden Problemzonen werden kaschiert. Die kleinere liegt im Mittelfeld. Durch den Ausfall von Bernd Schneider kann bisher die rechte Position nicht adäquat besetzt werden. Bastian Schweinsteiger ist in seiner aktuellen Verfassung noch kein gleichwertiger Ersatz. Für ihn müsste außerdem ein Vertreter auf der linken Seite gefunden werden. Lukas Podolski hat sich in der zweiten Halbzeit gegen Serbien dafür empfohlen, auch wenn der sagt, dass „ich eigentlich ein Stürmer bin“ und noch Spielpraxis benötigt.
Dramatischer ist die Situation in der Abwehr. Eine Woche vor dem ersten Gruppenspiel gegen Polen wird ähnlich emotional über die Defensive diskutiert wie vor der WM 2006. Christoph Metzelder ist zu langsam, Torwart Jens Lehmann (38) zu unsicher. Dass beide in ihren Vereinen kaum Einsatzzeiten hatten, wirkt sich bisher negativ aus. Ein guter Angriff gewinnt ein Spiel, eine gute Abwehr ein Turnier, sagt man. Und es gibt wenige Fußballweisheiten, die immer noch so richtig sind. Geht es um die Frage, wo die deutsche Auswahl steht, gibt es für diesen Mannschaftsteil nur eine Antwort: Sie steht zu schlecht, zu unorganisiert, um gegen die schnellen, internationalen Stars wie Toni, Ribery oder Ronaldo bestehen zu können.
Es gibt Anlass zur Besorgnis, aber keinen Grund für Resignation. Nach den anstrengenden Fitnesseinheiten im Trainingslager auf Mallorca wird sich die Mannschaft kommenden Sonntag in einer deutlich besseren körperlichen Verfassung als in den Testspielen präsentieren. Mehr Spritzigkeit bedeutet meistens auch weniger Fehler. Und Löw bleibt eine Woche, um gezielt an den Feinheiten zu feilen. Die Defizite sind erkannt: Im Tessin wird neben den Standardsituationen vor allem an der Taktik gearbeitet. Laufwege müssen automatisiert, Zuordnungen einstudiert werden. Es gibt im Moment noch viele Probleme, aber auch jede Menge Potenzial.
Ballack hat Recht, wenn er sagt, dass „andere Mannschaften mehr individuelle Klasse haben“. Aber es gibt nur wenige Teams, die sich so an sich selbst berauschen und über sich hinauswachsen können wie die deutsche Elf, die bei der WM 2006 in ähnlicher Besetzung Dritter wurde. Gelingt das Auftaktspiel gegen Polen und überträgt sich die Begeisterung auf den Kader, kann sich diese Mannschaft auch gegen stärker besetzte Gegner durchsetzen und weit kommen, vielleicht sehr weit. Wenn nicht, wird Angela Merkel schon bald einige tröstende Worte finden müssen.




