Joseph S. Blatter (72) liebt Afrika. Das wissen wir, daran glauben wir auf dem schwarzen Kontinent fest; denn er hat es uns oft genug gesagt. Bei seinen ungezählten, aber häufigen Besuchen in Afrika, wenn er den Leuten die Hände schüttelt, in seiner herzlichen und offenen Art, wenn er verschmitzt und gleichwohl beglückt schmunzelt, wenn ihm wieder einmal vorgetanzt und dazu, auf diese einmalig schöne, afrikanische Art, im Chor vorgesungen wird - dann wissen wir, dass der Fifa-Präsident mit seinem geliebten Afrika im Reinen ist.
Unvergessen bleibt sein Auftritt mit dem Helden Afrikas, Nelson Mandela. Das war bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2010, als Südafrika „stellvertretend für ganz Afrika“, wie Blatter sagte, das wichtigste Fußballturnier der Welt erhielt. Auf dem ganzen riesigen Kontinent brach Fußballfieber aus. Für uns war es auch der Beweis für unverbrüchliche Freundschaft. Und als ‚Madiba’ zu den Gesängen, zum ohrenbetäubenden Lärm der ‚Vuvuzelas’ – unserer Fußballtrompeten – ins Swingen geriet, wie es seine Art ist, haben wir da nicht auch bei dem ‚mlungu’, dem Hellhäutigen, unserem Freund aus der Schweiz, einen leichten Hüftschwung bemerkt? Und dass unser Freund ein ‚smart dresser’ ist, wie wir hier sagen, spricht auch für ihn. Die geschneiderten, leichten Anzüge, die er immer trägt, dazu schicke Seidenkrawatten und lässiges italienisches Schuhwerk – das gefällt uns.
Ein Erdteil von unglaublich duldsamen Menschen
Nun wissen wir, dass Mr. Blatter nicht unumstritten ist. Das erfahren wir auch bei uns seit Jahren aus den Medien. Von Korruption ist da die Rede, unschöne Dinge. Solche Probleme kennen wir auf unserem Kontinent zur Genüge. Wir heißen das nicht gut, aber wir leben damit. Weil wir ein Erdteil von unglaublich duldsamen, manche sagen obrigkeitshörigen, Menschen sind. Nehmen Sie nur unsere Führer, leider landen viele auf einer langen Liste von schlimmen Missetätern. Gerne hätten wir Zustände wie in England, Deutschland oder der Schweiz, wo alles gut funktioniert. Aber so weit sind wir noch nicht.
Da wird unserem Freund vorgeworfen, dass er seinen Verband wie ein afrikanischer Despot führe. Der Luxus in seinem Schweizer Domizil sei legendär, wird auch immer behauptet. Das mag ja stimmen, aber uns ist die Freundschaft dieses Mannes wichtiger als seine Schwächen. Uns geht es um die Sache: Fußball in Afrika, und der wird von Joseph S. Blatter kräftig, auch finanziell, gefördert. Natürlich wissen wir, dass für ihn mehr als ein halbes hundert Afrika-Stimmen in der Fifa wichtig sind. ‚So what’ antworten wir, die bekommt er; denn er ist unser Freund. Im Jahr 2011, wenn die nächste Präsidentenwahl ansteht, kann er auf uns zählen. Und sein Alter sollte uns stören? Niemals. In Afrika ist fortgeschrittenes Alter fürwahr kein Makel, sondern eine Ehre. Junge Führer bringen aus afrikanischer Sicht Verderben, sie herrschen ohne Weisheit – und Ausnahmen wie Robert Mugabe in Simbabwe bestätigen nur die Regel.
Entsetzen über Blatters "Plan B"
Neuerdings hat uns Dr. Blatter jedoch echt geschockt. Gerade noch war seine rechte Hand, Generalsekretär Jerome Valcke am Kap. „Der war happy“ berichtete Danny Jordaan, der lokale südafrikanische Boss für 2010. „Nur Gott“, so habe er gesagt, „kann euch ab jetzt das Ereignis vermasseln“. Schnell haben wir noch gebeichtet, dass das Stadion in Port Elisabeth für den Confed-Cup 2009 nicht fertig wird. Auch über die geliebten ‚Vuvuzelas’ lassen wir mit uns reden, denn offenbar verkraftet keine Tonanlage das eintönige Tröten, das über Lautsprecher wie die höllische Heimsuchung durch riesige afrikanische Bienenschwärme klingt. Und dann? Da spricht unser Freund Sepp Blatter doch tatsächlich von einem „Plan B“, seinem Plan, wenn wir die WM nicht stemmen. Zunächst schränkte er noch ein: „im Fall einer natürlichen Katastrophe“, so steht es auch im Vertrag. Doch dann trat er vor die TV-Kameras, ein wenig eitel und theatralisch wie immer, und er plauderte darauf los. Drei Ernst zu nehmende Ersatzkandidaten gebe es bereits, „die brauchen ein Jahr“.
Seither Fragen über Fragen: Wollte Mr. Blatter nur die Sommerpause füllen? Nach der erfolgreichen EM 2008, ausgerichtet von seinen alten Widersachern der Uefa, war es womöglich für seinen Geschmack etwas zu still um die Fifa geworden. Oder wollte er Dampf machen, weil unser Arbeitstempo – zugegeben – zuweilen etwas bedächtig anmutet? Haben die jüngsten Ausschreitungen gegen Fremde eine Rolle gespielt? Obwohl mittlerweile bewiesen ist, dass jedes dritte Opfer Südafrikaner war, somit Armut offenbar eine größere Rolle spielte, als Ausländerhass. Schließlich: Milliarden stecken bereits im Stadionbau, in Infrastruktur, wie Straßen und U-Bahnen. Bei unserem Prunkstück, der Arena im Kapstädter Atlantik-Vorort Greenpoint, mit dem einmaligen Panorama des Tafelbergs im Hintergrund, steht der Rohbau. So machen wir uns Mut. Das alles weiß doch unser Freund, oder? Dieses irritierende, kleine Wörtchen wird im Schweizerdeutsch oft an Sätze gehängt.
Dritte-Welt-Status auch im Fußball?
Jedenfalls löste der Fifa-Chef in Südafrika Katastrophenalarm aus. Hat er nur „geblattert“, wie boshafte Journalisten seinen Plauderton zuweilen nennen? „Blattern“ soll wie „schnattern“ klingen, gemeint ist unbedachtes Drauflosreden, auf Englisch: „blattering“. Oder meint er wirklich, Südafrika, das höchst entwickelte Land des ganzen Kontinents, die Wirtschaftslokomotive mit einer jungen, aber funktionierenden Demokratie, könne die Weltmeisterschaft 2010 nicht ausrichten? Dann wäre unser Dritte-Welt-Status auch im Fußball besiegelt.
Ein klärendes Wort, lieber Freund, könnte uns jetzt erlösen.





