Plötzlich kamen furchtbare Erinnerungen wieder hoch in Christoph Daum: Gedanken an den 26. Juni 2003, als der Kameruner Marc-Vivien Foe im Halbfinale des Konföderationenpokals in Lyon starb und Daum auf der Tribüne alles mit ansehen musste. Damals war er Zuschauer, wollte sich nach möglichen Verstärkungen für seinen Verein Fenerbahce Istanbul umsehen. Diesmal, fünf Jahre nach dem tragischen Vorfall, stand er an der Seitenlinie – und auf dem Rasen rang der Kapitän seines 1. FC Kölns scheinbar mit dem Tod.
Freitagabend im Karlsruher Wildparkstadion, Köln spielte beim KSC. Nach 25 Minuten stand es immer noch 0:0, als Ümit Özat, 31, in der eigenen Spielfeldhälfte plötzlich taumelte und fiel. Der rechte Außenverteidiger der Kölner versuchte noch aufzustehen, um einen Karlsruher Angriff zu unterbinden. Dann brach er zusammen und blieb ohnmächtig liegen.
Hektik brach aus. Kölns Physiotherapeut Dieter Trzolek und Mannschaftsarzt Dr. Paul Klein waren sofort zur Stelle, auch KSC-Arzt Dr. Marcus Schweizer kam hinzu. Er beschrieb gestern die dramatische Situation so: „Özat war leblos, hat gekrampft. Deshalb mussten wir befürchten, dass entweder etwas mit dem Herzen war oder er einen Krampfanfall erlitten hat. Er war so weit weg, dass wir Schlimmeres annehmen mussten.“
Özats Zunge war in den Hals gerutscht, wurde von den Medizinern herausgezogen, damit er nicht erstickt. Sofort wurde mit Herzmassagen begonnen. Im Stadion breitete sich lähmendes Entsetzen aus. Spieler beteten, Christoph Daum weinte am Spielfeldrand, rang mit den Geistern der Vergangenheit: „Ich dachte daran, wie Marc-Vivien Foe gestorben war. Ich wunderte mich damals, als er plötzlich an der Mittellinie taumelte. Foe war für mich der Prototyp eines Fußballers: 1,90 Meter groß, ein Top-Athlet – genau wie Ümit. Ich habe sofort an ihn gedacht.“ Foe starb an Herzversagen.
"Bitte nicht, lass ihn nicht von uns gehen"
Daum beschreibt die Situation in Karlsruhe als beklemmendes Deja vu: „Ich hatte absolute Angst, die schlimmsten Vorstellungen und dachte mir: Bitte nicht, lass ihn nicht von uns gehen.“ Özat wurde in die Katakomben getragen, erlangte dort das Bewusstsein zurück. „Er ist ansprechbar“, berichtete Dr. Schweizer nach draußen. Der Stadionsprecher verkündete die Nachricht, die Zuschauer erhoben sich und klatschten. Das Spiel wurde fortgesetzt, Köln sollte es mit 2:0 durch Tore von Novakovic (72.) und Radu (84.) gewinnen.
Doch um Sport ging es in Karlsruhe schon lange nicht mehr. Özat wurde in das nahe gelegene Krankenhaus gebracht, parallel wurde seine Frau in Köln informiert, die per Fahrservice zu ihrem Mann gebracht wurde. Auch Daum eilte nach dem Spiel ans Krankenbett und konnte aufatmen: „Dort habe ich wieder den Kämpfer Ümit gesehen, der am liebsten aus dem Bett springen möchte und zurück aufs Fußballfeld will. Er hat mich sofort nach dem Spielverlauf gefragt und war mehr beim FC als bei seinem Gesundheitszustand.“
Özat zurück in Köln
Samstag wurde Özat nach eingehenden Untersuchungen zurück nach Köln gefahren. Die Ärzte gaben grünes Licht für den Transport, nachdem neurologische und kardiologische Ursachen für den Zusammenbruch ausgeschlossen werden konnten. „Ümit hat offenbar zu wenig gegessen und getrunken und dadurch einen Kreislaufzusammenbruch erlitten“, sagte Vereinssprecher Christopher Lymberopoulos.
Nun soll der Vorzeigeprofi sich ein paar Tage ausruhen und zu Kräften kommen. Trotz des glimpflichen Ausgangs soll nicht einfach zur Tagesordnung zurückgekehrt werden. Daum plant, zukünftig noch intensiver auf die Gesundheit seiner Spieler zu achten: „Es wird wichtig sein, dass wir noch genauer hinschauen, um Signale unseres Körpers nicht zu ignorieren.“
Lebensgefahr bei Herzfehler
Vor sechs Wochen hatten die Kölner Profis den obligatorischen Gesundheits-Check absolviert, der in den deutschen Profiligen seit Jahren vorgeschrieben ist. Prof. Dr. Tim Meyer, Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, erklärt: „Im Fußball-Leistungsbereich sind in Deutschland präventive kardiologische Untersuchungen vorgeschrieben, die weit über die üblichen Screeningempfehlungen hinausgehen. Neben einer eingehenden Befragung, einer körperlichen Untersuchung, einer Blutentnahme und Ultraschalluntersuchungen wird auch ein Belastungs-EKG vorgenommen. Dieses System würde ich als vorbildlich bezeichnen.“
In Deutschland wird verstärkt auf mögliche Herzfehler bei Profisportlern geachtet. So wacht bei Spielen des Schalkers Gerald Asamoah stets ein Mediziner mit Defibrillator an der Seitenlinie. Asamoah hat eine verdickte Herzwand, die ihn anfälliger macht als andere Kollegen. Tim Meyer sagt: „Ein Profisportler ist nur dann gefährdeter als der Rest der Bevölkerung, wenn ein Herzfehler vorliegt, weil eher während der sportlichen Aktivität ein Auslöser für Herzrhythmusstörungen gegeben sein kann.“
Das war bei Antonio Puerta der Fall: Der Spieler des FC Sevilla litt an einer erblich bedingten Herzkrankheit. Am 25. August 2007 kollabiert er bei einem Ligaspiel nach einer halben Stunde, in der Kabine erlitt er einen Herzstillstand. Die Ärzte konnten ihn insgesamt fünf Mal wiederbeleben, aber im Krankenhaus verstarb der 22-Jährige drei Tage später.
Auch in Deutschland gab es bereits tragische Zwischenfälle: Michael Klein von Bayer Uerdingen starb 1993 bei einem Dauerlauf. Bruno Pezzey erlag bei einem Spaß-Eishockeyspiel am Silvestertag des Jahres 1994 einem plötzlichen Herztod. Und Axel Jüptner vom damaligen Zweitligisten Jena verstarb 1998, nachdem er zwei Tage zuvor nach einem leichten Regenerationstraining mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen war. Zum Glück hat Ümit Özat diese traurige Liste nicht verlängert.




