IHR ERSTER wichtiger Wettkampf endete mit Tränen. Britta war damals in der sechsten Klasse und startete bei den norddeutschen Meisterschaften, und schon nach 50 Metern hat sie ihr Rennen abgebrochen. Ihr ist die Brille weggerutscht und sie wusste nicht mehr, wie sie mit der Situation umgehen sollte.

Knoten erst 2006 geplatzt

Das war ihr unheimlich peinlich, sie hat natürlich geweint – es war ihr erster größerer Wettkampf, bei dem sie unbedingt etwas erreichen wollte. Sie war eben schon immer sehr ehrgeizig, hatte aber bereits damals, als sie noch eine kleine Schwimmerin in Schwedt war, ein paar psychische Problemchen, wenn es ernst wurde. Im Endeffekt ist der Knoten bei ihr wirklich erst bei der Europameisterschaft 2006 geplatzt, als sie in Budapest viermal Gold gewann. Sicher auch durch die Hilfe der Psychologin, mit der sie seit drei Jahren zusammenarbeitet.

Ich kann mich noch erinnern, als ich Britta als Trainerin am Landesstützpunkt Schwedt übernommen habe – das muss so in der fünften, sechsten Klasse gewesen sein – da war mir gleich klar, dass man aus dem kleinen Quirl eine ganze Menge machen kann, weil sie so eine gute Wasserlage hatte. Ich sage Quirl, weil Britta damals durch ihre geringe Körpergröße mit einer hohen Frequenz schwamm.

Sie hat unheimlich viel mit den Armen gearbeitet – Beinarbeit war nicht so ihr Ding. Ich habe ihr, wenn man so will, den letzten Schliff verpasst, um ihr den Weg auf die Sportschule nach Potsdam zu ebnen. Wir haben es geschafft, ihr so viel beizubringen, dass sie den Mut hatte, sich dort zu behaupten. Das ist ihr sicher auch gelungen, weil sie ein Ziel vor Augen hatte: Sie wollte nach oben. Aber es folgte noch ein langer Weg, den ich intensiv verfolgt habe, weil Britta bis 2002 für unseren Verein gestartet ist, wir dadurch regelmäßig Kontakt hatten.

Sie hatte ihren Sport ja schon zwischenzeitlich aufgegeben, ein Jahr Pause gemacht und wollte es dann noch mal probieren. Als ich sie vor der Europameisterschaft 2006 bei den Deutschen Meisterschaften getroffen habe, wo sie ihren ersten Einzeltitel gewonnen hat, sagte sie, sie habe nun erkannt, dass alle anderen auch nur mit Wasser kochen und man nur etwas machen muss aus dem, was man kann. Ich dachte bei mir: Entweder es wird jetzt was – oder sie hört auf.

Als es wirklich geklappt hat bei der Europameisterschaft in Budapest, war das auch für mich ein richtig tolles Gefühl. Das erste Gold mit der Staffel habe ich vor dem Fernseher verfolgt, aber als sie dann Weltrekord über 100 Meter Freistil geschwommen ist, war ich beim Hochzeitstag meiner Schwiegereltern. Mein Sohn hat es mir am Telefon kommentiert, dann war seine Stimme eine Weile weg und er sagte: Oh, Mutti, das war Weltrekord.

Doping ist für mich bei Britta nicht vorstellbar

Dass nach den ersten Erfolgen schnell über Doping spekuliert wurde, war ja zu erwarten, denn wenn man von außen darauf schaut und sich nicht mit dem Schwimmsport beschäftigt, dann wunderte man sich vielleicht – aber wenn man ihren Werdegang betrachtet, ist das nicht so ein riesiger Leistungssprung. Und Doping ist für mich bei ihr nicht vorstellbar, weil sie dafür ein viel zu ehrlicher Mensch ist. Der Durchbruch war bei ihr eine absolute Kopfsache.

Bevor sie nach Asien abgeflogen ist, haben wir uns noch SMS geschrieben und sie betonte, dass sie ganz optimistisch ist, weil sie durch ihren Europarekord beim Schwimmfest in Magdeburg gesehen hat, dass sie sportlich sehr gut in Form ist. Ich habe ihr geantwortet, dass sie jetzt nur noch den Rest mit ihrem Kopf klären muss.

Ich glaube, dass der Vorlauf in Peking für Britta viel schwieriger war als der Endlauf. Als sie gesehen hatte, dass keine der Konkurrentinnen viel schneller war als sie, hat ihr das Ruhe gegeben. Im mentalen Bereich hat sie – das muss ich noch mal betonen – sehr gute Arbeit geleistet mit der Psychologin. Sie hat mittlerweile gelernt, sich zusammenzureißen, unter Druck und Versagensangst hatte sie früher viel mehr zu leiden. Was sie behalten hat, ist ihr unbändiger Wille, auf das eine Ziel hinzuarbeiten und dieses Ziel unbedingt zu erreichen.

Ausdauersport ist eine unglaubliche Willenssache

Dass sie jetzt auch noch Olympiasiegerin geworden ist, ist für mich einfach überwältigend, noch mehr als die EM-Titel vor zwei Jahren. Ich bin nachts mit der Familie aufgestanden, und wir haben zusammen in unserem Ferienhäuschen vor dem Fernseher gesessen.

Natürlich bin ich jetzt ein bisschen stolz, jemanden trainiert zu haben, der es bis ganz nach oben schafft. Das sind Momente, in denen man merkt, dass es sich lohnt, mit Kindern intensiv zu arbeiten. Ich denke schon, dass wir hier in Schwedt einen Beitrag zu ihrem Sieg geleistet haben: Hier ist sie groß geworden, wir haben hier Grundlagen gelegt. Diese Dinge vergisst man ein Leben lang nicht.

Ich gönne Britta die Goldmedaille von Herzen, weil sie ein so tolles Mädchen ist. Sie hat sich ihren Erfolg über viele Jahre hart erarbeitet, Ausdauersport ist eine unglaubliche Willenssache und sehr aufwendig. Es ist ein riesiger Traum, der jetzt in Erfüllung gegangen ist für sie. Und ich wünsche ihr, dass sie ihren Traum weiterlebt und dass sie so bleibt wie sie ist – denn das hat sie immer nach vorn gebracht.

Catrin Marschalek, 45, ist Schwimmtrainerin am Landesstützpunkt in Schwedt und ebnete Olympiasiegerin Britta Steffen den Weg an die Weltspitze.