Wie anders als mit einem Weltrekord – es war bereits der 25. in dieser Woche – hätten die olympischen Schwimmwettbewerbe auch enden sollen? Und doch gerieten die 17.000 Zuschauer beim letzten der 32 Finalläufe im Water Cube noch einmal ganz besonders in Ekstase, bot sich ihnen doch ein ganz spezieller Höhepunkt dieser Spiele: Der 23 Jahre alte Michael Phelps errang mit der amerikanischen Lagenstaffel nämlich seinen achten Sieg in China und überbot damit den Rekord von Mark Spitz aus dem Jahr 1972. Nie hat ein Athlet öfter bei Olympischen Spielen gewonnen, mit insgesamt 14 Goldmedaillen ist der Schwimmer aus Baltimore/US-Bundesstaat Maryland der mit Abstand erfolgreichste Sportler aller Zeiten.

Minutenlang rauschte der Applaus über das Wasser, als Phelps die Arme triumphierend in die Höhe reckte. Nur wirkte der Superheld dabei irgendwie abwesend, sein Vorrat an Emotionen schien auf einmal aufgebraucht. Oder hatte er sich den Tag, an dem Traum und Wirklichkeit tatsächlich aufeinander treffen, einfach nur ganz anders vorgestellt?


Es lag wohl vor allem an den Strapazen mit insgesamt 17 Starts und sieben Weltrekorden an neun Tagen, 17 Blut- und Urinkontrollen seit seiner Ankunft in China, täglichen Eisbädern, Massagen, Kalorienorgien und Pressekonferenzen, die plötzlich nicht mehr zu übersehen waren. „Was soll ich sagen? Ich wollte etwas erreichen, was vor mir noch niemand geschafft hat. Ich wollte den Leuten beweisen, dass nichts unmöglich ist“, rang sich der Seriensieger dann als Erklärung ab. „Es hat Spaß gemacht. Und es ist alles so gekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte.“

Ergriffen von der historischen Leistung

Andere schienen da viel mehr ergriffen von der historischen Leistung. Mutter Deborah zum Beispiel, zu der Michael Phelps nach der Siegerehrung auf die Tribüne geeilt war, um ihr wie seinen beiden Schwestern einen Kuss auf die Wange zu drücken. „Sie haben dabei aber sofort angefangen zu heulen, das ist schon eine merkwürdige Situation für mich.“

Dem Studenten aus Baltimore ist überhaupt nicht recht, dass ihm die ganze Welt derart zu Füßen liegt. Es freut ihn zwar, wenn sein Sport in den Mittelpunkt rückt und selbst ein Spiel im Stadion des Baseballteams New York Yankees für eine Durchsage über sein Abschneiden in der chinesischen Hauptstadt unterbrochen wird, aber sich selbst sieht er nicht so gern im Mittelpunkt. „Damit habe ich so meine Schwierigkeiten“, gestand er ein. „Mir wäre nur wichtig, dass sich die Leute nicht nur alle vier Jahre für Schwimmen interessieren.“

Spitz reiht sich gerne in die zweite Reihe ein

Ein frommer Wunsch, das Interesse dürfte sich weiter auf ihn konzentrieren. Allein Phelps’ Werbeeinnahmen werden von derzeit fünf Millionen auf 30 Millionen Dollar jährlich steigen, rechnen Experten. „Er ist der größte Athlet, den dieser Planet je gesehen hat“, hatte schließlich selbst der legendäre Mark Spitz im US-Fernsehen geschwärmt, „da reihe ich mich gern ins zweite Glied ein.“

Zumal ein Ende des Siegeszuges nicht abzusehen ist. „Sicher finden mein Trainer und ich neue Ziele“, sagte Phelps vor der Abreise in den Urlaub, „in dem ich mich auf keine Fall bewegen werde“. Die Olympischen Spiele 2012 in London sind ein Fernziel für ihn, er werde sich bis dahin nur ein paar andere Strecken suchen. Die Rekorde aber, so viel scheint sicher, werden auch dann weiter purzeln.

sid/dcs