Noch weiß Uwe Leifeld nicht so recht, was ihm und seinem VfL Bochum in dieser Bundesliga-Saison alles bevorsteht, aber die Wertigkeit der Pokalpartie hat er schon mal festgelegt. „Münster gegen Bochum“, sagt er, „das ist für mich das Spiel des Jahres. Der Fußball schreibt ja seine ganz eigenen Geschichten, und das Spiel passt einfach in die Leifeld-Geschichte.“
Zuletzt war sie tragisch ausgefallen, die Uwe-Leifeld-Geschichte, und zwischendurch war längst nicht klar gewesen, ob der Hauptdarsteller überhaupt jemals wieder dabei sein würde bei Spielen wie jenem am Freitag, wenn sich seine beiden Lieblingsvereine in der ersten Pokalrunde an der Hammer Straße in Münster duellieren. 2006 hatte er versucht, sein Leben zu beenden. Insgesamt viermal. Heute denkt er sich: „Die Welt ist doch nicht so ungerecht wie sie mir damals erschien.“
Lange ist Leifeld (42) äußerst zufrieden in seiner Welt. Er hat Erfolge in Bochum und auf Schalke, ist umjubelter Stürmer mit dem Zeug zum Nationalspieler, wird von Olympique Lyon umworben und muss doch jäh mit 26 Jahren seine Profikarriere beenden. Knorpelschaden im Knie, lautet die nüchterne Diagnose.
Verzweiflung über die verpatzte zweite Karriere
In seiner Heimatstadt Münster macht er eine Lottobude auf. In bester Lage am Prinzipalmarkt. Doch das Geschäft mit Zigaretten und Tippscheinen verläuft wenig lukrativ, in manchen Monaten arbeitet Leifeld nur, um die horrend hohe Ladenmiete von 2800 Euro zu stemmen. Erst geht die Ehe in die Brüche – dann der Laden in Flammen auf. Ein Defekt an der alten Heizung. Leifelds Verzweiflung über die verpatzte zweite Karriere als Privatier und die gescheiterte Ehe mündet in vier Selbstmordversuchen und der Einweisung in die Psychiatrische Klinik St. Rochus in Telgte. „Die Therapie“, sagt er heute, „hat riesig geholfen.“
Vier Monate muss Leifeld in medizinischer Behandlung bleiben, dann gilt seine Depression zwar nicht als geheilt, aber doch so weit eingedämmt, dass er nicht mehr als suizidgefährdet eingestuft wird. Immer wieder habe er sich gedacht: „Ich kriege das hin, ich bin ja Uwe Leifeld und schaffe das allein“, schildert er die schwierigen Monate vor der Einweisung. Hilfe kommt von alten Freunden. Schalkes Andreas Müller ruft an, auch Stefan Kuntz erkundigt sich. Der frühere Europameister und damalige Manager des VfL Bochum bietet Leifeld einen Job als Scout an. Erst auf Probe, dann in Festanstellung.
Jeden Morgen mit dem Zug nach Bochum
Seit elf Monaten ist Leifeld nun für den Verein tätig, für den er früher in 149 Bundesligaspielen 46 Tore erzielt hat und mit dem er 1988 das Pokalfinale erreichte (0:1 gegen Frankfurt). Sein größter Erfolg. „Ich stehe nicht mehr auf dem Rasen, das ist der einzige Unterschied. Sonst arbeiten wir hier so zusammen wie wir es früher auf dem Platz gemacht haben“, sagt Leifeld. „Und das ist sicherlich ein schöneres Arbeiten als in meiner Lottobude.“
Erste Erfolge kann er schon vorweisen. „Ich fliege und fahre zu Spielerbeobachtungen und gebe meine Urteile ab.“ Stürmer Stanislav Sestak habe er vergangenes Jahr im slowakischen Zilina beobachtet, Linksfuß Christian Fuchs in diesem Sommer im österreichischen Mattersburg. „Beide haben eine positive Beurteilung von mir bekommen. Ich hoffe, dass nun Fuchs ähnlich gut einschlägt wie Sestak – dafür halte ich ja meinen Kopf hin“, sagt Leifeld, der noch immer in Münster wohnt und jeden Morgen mit dem Zug nach Bochum fährt.
Die Anreise zum Pokalspiel am Freitag ist weitaus angenehmer. Von seiner Wohnung ist er rasch im Preußen-Stadion, wo seine Karriere einst begann. Für Leifeld ist es ein Besuch in der Vergangenheit und Station einer neuen Gegenwart. Ein weiterer Schritt zurück ins Leben.




