Peking 2008

Olympia entlarvt die größte Heuchelei des IOC

Die Vergabe der Spiele nach Peking stürzt das IOC in die Sinnkrise, weil Ethik hinter Geschäftstüchtigkeit tritt – wie jüngst beim Vorstoß des malayischen Prinzen, der die Tradition der Luxusreisen in die Bewerberstädte für 2016 wiederbeleben wollte. In solchen Fällen rettet professionelles Krisenmanagement den Ruf.

Foto: AFP

Am Abend in der Perle von Peking hat sich das Leben als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees wieder einmal gelohnt. Schon der Veranstaltungsort wirkt spektakulär: Das neue Opernhaus ruht wie eine riesige, silber schimmernde Muschel friedlich in einem künstlichen See.

Statt traditioneller Peking-Oper boten Chinas Gastgeber ihren IOC-Besuchern zur Eröffnung von deren Jahrestreffen am Montag bekömmliche Arien-Hits vom „Blumenduett" aus "Lakmé" von Leo Delibes bis zum mahnenden "Nessun dorma" aus Giacomo Puccinis Turandot. Dann gab es edlen Wein und Gourmet-Häppchen und der Anführer der Olympier, Jacques Rogge, prahlte, "die Geschichte wird die Spiele 2008 als signifikanten Meilenstein in Chinas beachtlicher Wandlung betrachten".

Luxuspauschaltrips für die Völkerverständigung

Wenn die 110 Olympier zu Vollversammlungen in die Metropolen der Welt touren und wie Staatsgäste mit Polizeieskorten an den Flughäfen von Singapur, Turin oder Guatemala-Stadt empfangen und in ihre Fünf-Sterne-Edelherbergen kutschiert werden, gerieren sie sich vorzugsweise als eine Mischung aus Turnvater Jahn und Mutter Theresa. Aufnahmekandidaten fabulieren in einem Eid über "die Ehre der Mitgliedschaft", sich "frei von jeglichen politischen und kommerziellen Einflüssen und von jedweder rassistischer oder religiöser Betrachtung halten zu wollen".

China enttarnt das gerade als größte Heuchelei Olympias. Zwar mögen einige Idealisten die Luxuspauschaltrips zum Wohle von Frieden, Völkerverständigung und Fairness auf sich nehmen, doch dem Gros glaubt keiner mehr Selbstlosigkeit, seit das Komitee ohne Skrupel seine Spiele geschäftstüchtig an höchstbietende Bewerber verhökert: So landete Olympia 2008 trotz miserabler Menschenrechtsbilanzen in China, weil der Boommarkt Rekordrenditen versprach. Die Fünf-Ringe-Franchise für die Winterspiele 2014 wurde gar nach Sotschi verkauft: ein Sommerurlaubsort, aber auf Geheiß des Ex-Präsidenten Wladimir Putin dank des nationalen Reichtums durch Energiereserven kaum minder lukrativ.

Wirtschaftskraft wiegt schwerer als Menschenrechtsfragen

Geschäftlich floriert das Modell wie geplant. In der Peking-Olympiade kassiert das IOC von zwölf Top-Sponsoren 866 Millionen Dollar und den Fernsehstationen 1,737 Milliarden. Die über 50 nationalen Sponsoren des Pekinger Organisationskomitees BOCOG bescheren rund eine weitere Milliarde Dollar. Der Branchendienst "sportcal.com" kalkuliert den Umsatz der vier Jahre inklusive ausstehender Eintrittskarten- und Lizenzbuchungen auf "fast fünf Milliarden Dollar". Gewiefte Funktionäre wie der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach formulieren lieber altruistisch: "Die wirtschaftliche Kraft Chinas ist offensichtlich und ein Motor der Weltwirtschaft, damit gibt es eine hohe Sicherheit für die Finanzierung der Spiele."

Weil sich mit der gleichen Zuverlässigkeit im vergangenen halben Jahr die internationale Protestwelle zur geschäftlichen Partnerschaft mit der kommunistischen Diktatur Chinas empor schaukelt, haben die gierigen Funktionäre ihr Komitee mit der Wahl Pekings in die schwerste Glaubwürdigkeitskrise seit zehn Jahren manövriert.

"Vollverpflegungsmentalität beim IOC"

Damals war zum ersten Mal offiziell die lange nicht beweisbare Bestechlichkeit vieler Olympier im Skandal um die Vergabe der Winterspiele 2002 nach Salt Lake City ruchbar geworden: Zwar mussten zunächst nur zehn Mitglieder das Komitee verlassen, doch galt als gesichert, dass die Praxis, sich von Bewerberstädten mit großzügigen Geschenken wohlstimmen zu lassen, länger und zahlreicher gepflegt wurde. Flink schaffte das IOC die unkontrollierten Besuchsreisen aller Mitglieder in kandidierende Orte ab und ersetzte sie durch streng reglementierte Inspektionen von einer Kommission.

Wie wenig sich an der Vollverpflegungsmentalität geändert hat, illustrierte vorgestern der Vorstoß des Prinzen Tunku Imran aus Malaysia, der auf die Wiedereinführung der komfortablen Städtetrips in die Bewerberstädte für 2016, also Chicago, Madrid, Rio de Janeiro und Tokio, drängte, sich aber vom IOC-Chef Jacques Rogge abbügeln lassen musste: "Das ist eine alte Geschichte. Daran ändern wir nichts."

Er hat in Peking schon alle Hände voll zu tun. Inzwischen kennen die Olympier einige Kniffe für den Notfall. Im Korruptionsskandal ließen sie sich von der Agentur Hill & Knowlton beraten, der ein Ruf wie ein Donnerhall vorauseilt, weil sie für ausreichend Dollar auch mal mit Kunstgriffen Nachrichten fälschen hilft. Nun sind die Krisenmanagement-Söldner in Peking unterwegs: Bezahlt vom BOCOG.