Münchens neue Nummer eins

Bayerns Rensing will Kahn vergessen lassen

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Anja Schramm

Foto: dpa

Mit ihm im Tor verlor der deutsche Rekordmeister Bayern München noch kein Bundesligaspiel, trotzdem musste er sechs lange Jahre warten, bis er die Nummer eins wurde. Jetzt ist es endlich soweit: In der neuen Saison will Michael Rensing beweisen, dass er ein würdiger Nachfolger Oliver Kahns ist und auch für die Nationalelf taugt.

Michael Rensing mag die Frage nicht. Seine Mimik verrät es. Die Augen hat der 24-Jährige zusammengekniffen, als er darauf antwortet, wie viel Oliver Kahn denn nun in ihm stecke: „Die Ära Kahn ist vorbei, jetzt bricht die Ära Rensing an“, sagt er. „Ich will mich mit keinem Torhüter vergleichen, ich habe meinen eigenen Stil.“ Es klingt ein wenig nach einstudierter Rhetorik. Rensing weiß, dass er solche Fragen noch häufiger über sich ergehen lassen muss.

Beim Testspielauftakt des FC Bayern München am Sonntag in Lippstadt (16 Uhr, WDR und BR live) wird Rensing das erste Mal das Trikot mit der Nummer eins überstreifen. Jenes Trikot, das jahrelang Kahn vorbehalten war. Bei jedem Patzer, der ihm unterlaufen wird, wird es heißen, Kahn hätte den Ball gehalten. „So ist das nun mal, wenn man Olli beerbt“, sagt er lapidar.
Wenn man über Rensing spricht, muss man vorher über Kahn reden. Über den 39-Jährigen, der nach der vergangenen Saison zurücktrat und dennoch allgegenwärtig ist. Rensing weiß um die Größe der Fußstapfen, in die er tritt. Größer als die von Kahn könnten sie kaum sein. Kahn ist dreimaliger Welttorhüter, er war Kapitän der Bayern, einer, der sie antrieb und von unbändigem Ehrgeiz besessen war. Aber auch eine gereifte Persönlichkeit, kein Konformist, einer, der polarisierte und in der dritten Person von sich sprach.

Sechs Jahre hinter Kahn angestanden

Rensing sagt ich, wenn er sich meint. Vor acht Jahren kam er von Lingen, aus dem Emsland, nach München. Er zog in das Jugendhaus des FC Bayern. Als er 2002 mit den A-Junioren Deutscher Meister wurde, verkündete er in bierseliger Laune: „In vier Jahren löse ich Oliver Kahn ab.“ Sechs Jahre sind es nun geworden, die letzten fünf davon war er Kahns Adjutant auf der Bayern-Bank, ausgestattet mit reichlich Lobhudeleien. Bayerns Jugend-Koordinator Werner Kern beschrieb ihn als „Jahrzehnt-Talent“, Manager Uli Hoeneß prophezeite ihm schon vor Jahren den ganz großen Wurf auch in der Nationalmannschaft.

Als Rensing sich mit 20 hinter Kahn anstellen musste, war das für jeden logisch, als er auch mit 22 nur sporadische Einsätze bekam, wurden Stimmen laut, Rensing werde das nächste Kahn-Opfer, so wie Stefan Wessels oder Sven Scheuer, die irgendwann gingen. Rensing blieb, weil er wusste, dass auch Kahns Uhr tickt. „Ich kann als Nachwuchsmann keine Ansprüche stellen“, sagte er, als Kahn Weihnachten 2006 seinen Vertrag noch mal verlängerte. Nur einmal begehrte er auf. Als Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge im vergangenen Frühjahr damit liebäugelte, Kahn könne doch noch ein Jahr dranhängen, fühlte sich Rensing um Absprachen betrogen. „Wenn man mit mir ab 2008 nicht plant, möchte ich gehen“, sagte er. Die Wogen glätteten sich schnell.

"Druck gehört beim FC Bayern dazu"

Die Mechanismen des Profifußballs sind Rensing vertraut. Im Herbst 2007, als einige seiner Paraden Diskussionsstoff boten, mehrten sich die Zweifler. „Kritik, Druck und Theater gehören dazu“, sagte er damals. „Wer für den FC Bayern als Nummer eins auflaufen will, muss diese Nebengeräusche in Kauf nehmen.“

Als Ersatzmann hat es Rensing zum Rekordhalter gebracht. 23 Bundesliga-Spiele hat er absolviert, keines davon haben die Bayern verloren. Er spricht von einem „ferneren Traum“, wenn er über die Nationalmannschaft redet. „Meine ganze Konzentration gilt erst mal dem FC Bayern“, sagt er und bemüht die interne Sprachregelung, national wolle man die Titel verteidigen und in der Champions League bis zum Schluss dabei bleiben. „Der Rest ergibt sich von allein.“

Neuer und Adler sind an ihm vorbeigezogen

In der bundesweiten Hierarchie sind Manuel Neuer und René Adler an ihm vorbeigezogen, weil sie spielten, als Rensing die Bank hütete. „Seine Zeit in der Nationalmannschaft wird kommen“, sagt Sepp Maier, sein langjähriger Trainer. „Auch wenn er weniger gespielt hat als Adler oder Neuer, schätze ich ihn stärker ein als die beiden.“ Rensing habe viel von Kahn gelernt, sagt Maier. Und er ist genauso ehrgeizig. „Die Voraussetzungen sind da, dass seine Ära so lange andauert wie die von Kahn.“

In München haben sie Rensing Hans-Jörg Butt, 34, zur Seite gestellt. Er soll nicht nur die Nummer zwei mimen, sondern auch ein Förderer Rensings sein. „Vom Charakter her“, sagt Rummenigge, „kenne ich keinen besseren Spieler.“ Butt ist ein ruhigerer Vertreter seiner Zunft, keiner, der aufbegehrt. „Ich sehe mich als Teamplayer“, sagt er.

Klinsmann will ihm Zeit geben

Rensings Status als „ganz klare Nummer eins“ hatte Bayerns Trainer Jürgen Klinsmann schon bei seinem Dienstantritt öffentlich gemacht: „Wir wollen ihn aufbauen und werden ihm Zeit und alle Rückendeckung geben, auch international ein herausragender Torhüter zu werden.“ Rensing spricht von einem idealen Zustand und davon, dass Klinsmann jedem eingebläut hat, „dass man Fehler machen darf. Man muss nur bereit sein, sich verbessern zu wollen.“

Er ist es. Vor dem Trainingsauftakt vor zwei Wochen fuhr Rensing an den Tegernsee und sprintete auf den 1700 Meter hohen Wallberg, so wie früher unter Schleifer Felix Magath. Es sei eine Herausforderung gewesen, den Berg zu bezwingen, sagt Rensing und spricht von Willensbildung. Es hatte ein bisschen was von Oliver Kahn.