Die Augenringe von Moritz Wagner verraten einiges darüber, wie es ihm gerade geht. Der Schlaf kommt etwas kurz nach der langen Reise über den Atlantik. Viel Freiheit oder gar Freizeit sieht der Plan in Berlin nicht vor. „Wie man sich vorstellen kann, ist es tatsächlich ein Arbeitstrip für uns“, sagt der Basketball-Profi. Als die Kollegen im Training längst Bälle werfen, gibt er mit Bruder Franz noch Interviews. Die Wagners stehen im Mittelpunkt des NBA-Spektakels in der Hauptstadt.

Zum ersten Mal veranstaltet die beste Basketball-Liga der Welt ein Punktspiel in Deutschland, am Donnerstag treten die Orlando Magic in der Uber Arena gegen die Memphis Grizzlies an (20 Uhr, Prime Video). Vorher aber spielt sich viel in der Max-Schmeling-Halle im Prenzlauer Berg ab. Genau dort, wo Franz und Moritz Wagner aufgewachsen sind. „Das ist hier unser Hinterhof“, sagt Moritz. Der 28-Jährige ging früher gleich in der Nähe zur Schule.

Für die Wagner-Brüder ist die Vergangenheit sehr präsent

Nicht weit entfernt trägt ein kleiner Court mittlerweile seinen Namen. Dort hat er einst immer Bälle geworfen, wenn er Zeit hatte. Jetzt erinnert er sich an Ruben Boumtje Boumtje und seine Einsätze für Alba Berlin in der Bundesliga, die er verfolgte. „Diese Spiele in der Max-Schmeling-Halle sind mit ein Grund, warum ich Basketball spiele“, erzählt der Berliner. Kurz vor der ersten Übungseinheit mit Orlando ist die Vergangenheit auf einmal wieder so präsent. Er kann sie riechen in den Kabinen. Ein Kreis schließt sich.

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Denn die beiden Wagners, die einst ausgezogen sind, um die Basketball-Welt zu erobern, kehren als Helden heim. Als Spieler der Top-Liga, als Botschafter gewissermaßen. „Früher hat sich das sehr weit weg angefühlt, diese ganze NBA-Welt“, sagt Franz. Weil Amerika eben weit weg ist. Jetzt kommt alles hierher, die NBA bewegt sich nach Europa, kommt nach Deutschland. Auch wegen ihnen.

Die Wagner-Brüder müssen viele Termine wahrnehmen

Das macht es leicht, die Strapazen, die damit verbunden sind, auf sich zu nehmen. „Wir haben viele Termine und wissen gerade nicht so richtig, wo oben und unten ist“, erzählt Moritz. Zeit für Familie und Freunde soll irgendwo auch sein, aber das ist erst einmal nicht im Vordergrund. Hauptsächlich sollen die beiden zeigen, was möglich ist, wenn man an seine Träume glaubt, wenn man hart dafür arbeitet. „Es ist generell ein Ziel von Moritz und mir, den Weg in die NBA ein bisschen klarer erscheinen zu lassen für die nächste Generation“, sagt Franz.

Wir fühlen uns dankbar, dass wir Teil einer Welle von jungen deutschen Spielern sein können, die was erreicht haben in dem Sport.

Moritz Wagner, NBA-Profi

Vielleicht gelingt das sogar gemeinsam auf dem Feld. Sicher ist das nicht. Die Wochen bis zu dieser Partie waren wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Moritz ist dabei der Gewinner. Just im letzten Spiel vor dem Flug nach Berlin kehrte er nach mehr als einem Jahr Verletzungspause aufgrund eines Kreuzbandrisses zurück, absolvierte seine ersten Minuten. Ein großer Moment für ihn, die Familie. Franz aber kämpft noch mit einer Verstauchung des linken Sprunggelenks.

Basketball: NBA, Training der Orlando Magic
Franz Wagner will unbedingt in seiner Heimatstadt spielen.© dpa | Gora

Sein letztes Spiel bestritt er Mitte Dezember, Ehrgeiz und Emotionen drängen ihn zur Rückkehr in Berlin. Nach dem Training am Dienstag wollte der 24-Jährige „gucken, wie der Fuß reagiert. Dann hoffe ich, dass ich Donnerstag spielen kann“. Am Ende muss sich alles der Vernunft unterordnen. Denn der Forward ist einer der beiden Stars des Teams neben Paolo Banchero (23), für Orlando hängt enorm viel von seinem Spiel ab.

Franz Wagner besitzt einen Mega-Vertrag in Orlando

Welche Wertschätzung Franz Wagner genießt, zeigt der unglaublich dotierte Fünfjahresvertrag, den er 2024 abschloss und der ihm 224 Millionen Dollar garantiert. Franz glänzt in der Offensive, ist sehr vielseitig, bringt viel Schwung ins Spiel, trifft aus der Distanz, hat enormen Zug zum Korb und ein großartiges Spielverständnis. Viel davon hat er aus der Ausbildung bei Alba mitgenommen. In den USA ging es ihm vor allem um die besondere Mentalität, deshalb folgte er dem Vorbild von Moritz, der ebenso bei Alba seine ersten Bundesligaeinsätze hatte, und wechselte früh ans College.

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An dasselbe, an dem der Bruder war. Später als er. Jetzt genießen sie ihr Beisammensein. Vor gut zweieinhalb Jahren, während der WM-Vorbereitung, spielten sie mit dem Nationalteam erstmals gemeinsam in Berlin. Anschließend wurden sie zusammen Weltmeister. Mit Franz als herausragendem Spieler, mit Big Man Moritz als jemandem, der Energie, Emotionalität aufs Feld bringt und ein Team verbinden kann. Der sportlich aber auch im Schatten des jüngeren Bruders steht.

Die Wagners wollen der Jugend die NBA näher bringen

Eine Doku offenbarte vor zwei Jahren, dass ihm die Wertschätzung für das eigene Spiel selbst in Orlando nicht immer ausreicht. Solche Dinge spielen in Berlin jetzt aber keine Rolle. Er, sein Bruder Franz und Teamkollege Tristan da Silva (24) stehen für den Aufschwung des deutschen Basketballs. „Wir fühlen uns dankbar, dass wir Teil einer Welle von jungen deutschen Spielern sein können, die was erreicht haben in dem Sport“, sagt Moritz, dem aufgrund seiner langen Verletzung der EM-Titel fehlt, den die anderen beiden im Vorjahr gewannen: „Es ist etwas Besonderes, wenn man merkt, dass es einen Effekt gibt, der weitergeht als das Individuelle.“

Sie sind jetzt die Idole, denen möglichst viele nacheifern sollen. „Ich hoffe, dass viele junge Mädchen und Jungen einschalten und sich das Spiel ansehen werden. Damit sie uns in dieser Position sehen und verstehen, woher wir kommen und dass sie einen ähnlichen Weg einschlagen können“, sagt Franz Wagner. Dafür nimmt sein Bruder die Augenringe gern in Kauf.