Basketball

Franz Wagner: „Die Campus-Stimmung ist gedrückt“

Exklusiv-Interview mit der Morgenpost: Wie Franz Wagner das Basketball-Aus am College erlebt und was er von Berlin vermisst.

Leistungsträger in seiner ersten Saison bei den Michigan Wolverines: Der aus dem Nachwuchs von Alba Berlin hervorgegangene Franz Wagner (r.).

Leistungsträger in seiner ersten Saison bei den Michigan Wolverines: Der aus dem Nachwuchs von Alba Berlin hervorgegangene Franz Wagner (r.).

Foto: Michael Conroy / dpa

Berlin. Im vergangenen Sommer entschied sich Franz Wagner (18), dem Vorbild seines vier Jahre älteren Bruders Moritz zu folgen und von Alba Berlin ans US-College in Ann Arbor zu den Michigan Wolverines zu wechseln. Beide zählen zu den größten deutschen Basketball-Talenten. Moritz wurde nach drei Jahren in Michigan von den Los Angeles Lakers verpflichtet, inzwischen innerhalb der NBA an die Washington Wizards abgegeben. Franz wird eine ähnliche Karriere zugetraut. Mit der Berliner Morgenpost sprach er über seine erste Saison in den USA, die mit der Absage der March Madness so deprimierend endete. Und darüber, was er - neben dem Essen seiner Mutter - von Berlin am meisten vermisst.

Berliner Morgenpost: Eigentlich sollte jetzt das Turnier der 64 besten Collegeteams beginnen. Das ganze Land ist dann im Basketball-Fieber. Ihr Bruder erreichte 2018 das Finale, diesmal wollten Sie mittendrin sein im Wahnsinn. Dann kam die Absage wegen des Coronavirus. Wie groß ist Ihre Enttäuschung?

Franz Wagner: Sie ist gerade sehr groß, ich hatte mich sehr darauf gefreut. Man kann es nicht ändern, aber es ist schon komisch, die Saison so zu beenden. Vor allem tut es mir leid für unsere Seniors, die das College jetzt nach ihrem vierten Jahr verlassen. Aber jeder weiß: Die Gesundheit ist wichtiger als das Spiel.

Wie haben Sie von der Absage erfahren?

Wir haben uns aufgewärmt für unser erstes Spiel beim Big-Ten-Tournament, einem Vorturnier der March Madness. Jemand kam und sagte uns, wir sollten zurück in die Kabine gehen. Dort sagte uns unser Athletik-Direktor, das Big-Ten-Turnier sei abgesagt. Später am Abend kam die Nachricht, dass die ganze College-Meisterschaft nicht stattfindet.

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Und nun?

Wir sind danach zurück an unser College gefahren. Auf dem Campus ist eine merkwürdige Atmosphäre, die Stimmung ist gedrückt. Man merkt, dass nicht mehr so viele Leute da sind. Wir haben jetzt Online-Unterricht, wir sollen ja nicht in die Schule gehen. Ich hoffe, dass ich bald nach Washington fahren kann zu meinem Bruder Moritz. Meine Eltern sind auch dort. Wahrscheinlich sind sie sogar noch länger da als geplant. Es ist schwierig im Moment, nach Europa zu fliegen. Es fliegt ja kaum noch ein Flugzeug.

Hatten Sie nach der Absage Kontakt nach Berlin?

Ja, klar, mit meinen Kumpels. Albas Individualtrainer Carlos Frade hat sich auch erkundigt, ob es mir gut geht.

Man hörte bis dahin auch fast nur Gutes. Gefällt Ihnen das Campusleben in Michigan?

Ja, sehr, sehr gut. Es ist natürlich eine große Umstellung, an der Uni zu leben. Man hat sein kleines Zimmer, geht immer in die Mensa zum Essen. Da wird nicht mehr schön zu Hause gekocht von Mama. Dafür lernt man viele neue Leute kennen, alle sind sehr nett. Und natürlich hat man auch sehr viel Spaß, wenn man so viele Freunde hier hat.

Hatten Sie nie Heimweh?

Manchmal schon ein bisschen. Aber ein riesiges Problem war das nicht für mich. Weil ich mich auch hier von Anfang an zu Hause gefühlt habe.

Hat Ihnen geholfen, dass Sie der kleine Bruder von Moritz Wagner sind? Den kennt an Ihrem Campus natürlich jeder.

Es hat mir auf jeden Fall geholfen, dass mich viele Leute schon ein bisschen kannten. Ich kannte ja auch schon viele Leute. Ich glaube allerdings auch, dass ich es inzwischen geschafft habe, dass die Leute mich nicht mehr nur als den kleinen Bruder ansehen. Dass ich mein eigenes Ding gemacht habe. Das gefällt mir. Aber am Anfang, um reinzukommen, hat mir sehr geholfen, dass ich hier durch Moe schon einige Trainer und Spieler kannte.

Bis auf das Ende verlief Ihre erste College-Saison imponierend, was die Statistik angeht. Sie standen im Team von Coach Juwan Howard immer in der Startformation, wurden mehrere Male zum Freshman oft the week (bester Neuling) Ihrer Liga gekürt, machen knapp zwölf Punkte und sechs Rebounds im Schnitt, waren der beste Balldieb Ihrer Mannschaft…

Dass ich in meinem ersten Jahr gleich so viel spielen würde – genauso habe ich es mir vorgestellt, genauso wollte ich es. Aber es hätte auch ganz anders laufen können. Das Jahr war nicht perfekt, ich hatte anfangs einen Handbruch und bin etwas schwer reingekommen, ich musste mich einfinden in der Mannschaft. Es ist ein anderes Spiel hier. Die letzten Wochen habe ich meine Sachen ganz gut gemacht, denke ich. Darüber freue ich mich sehr.

Was ist anders beim College-Basketball im Vergleich zu Alba, zur Bundesliga oder zum Europapokal?

Wir haben in einer Siebener-Rotation gespielt, wenn es hochkommt, also auf jeden Fall mit weniger Spielern, die dann ihre Minuten gekriegt haben und das auch vorher wussten. Das war ich anders gewohnt. Ich durfte Fehler machen, das half mir extrem, besser zu werden. Sehr anders ist vor allem das Mindset von jedem Spieler auf dem Feld, also wie er das Spiel angeht. Man sucht immer den Eins-gegen-eins-Vergleich. Das ist wichtiger hier als im europäischen Basketball. Dort hat das Teamspiel, das Teamgefühl, mehr Bedeutung. Hier ist es so, du gehst aufs Feld und willst deinen Gegenspieler individuell ausschalten, übertreffen.

Sind Sie nicht vom Naturell her eigentlich mehr der Teamplayer?

Ich kann sehr gut in einem Team spielen. Aber nicht zuletzt deswegen habe ich die Entscheidung für das College getroffen. Für gute Spieler ist es wichtig, dass man diese gewisse Einstellung auch hat: dass man rausgeht, dass man bereit ist, den anderen direkt im Eins-gegen-eins zu schlagen. Zu zeigen, ich bin heute besser als er auf dem Feld. Wenn man das hat und gleichzeitig ein guter Teamspieler ist, sind das zwei sehr gute Qualitäten.

Inwiefern unterscheidet sich das Training?

Es ist in jedem Fall anders. So viele Leute in einer Trainingshalle wie hier habe ich noch nie gesehen. Es gibt ganz viele Coaches, einen Video-Koordinator, andere Leute, die früher selbst gespielt haben und jetzt neben dem Feld Sachen machen und die natürlich trotzdem viel von Basketball verstehen. Drei Assistant Coaches sind dabei. Dazu kommen ganz viele Manager, das sind andere Studenten, die mit in der Trainingshalle sind. Es ist auch durchorganisierter, weil wir ja nur 20 Stunden in der Woche trainieren dürfen. Alles ist genau eingeteilt: zehn Minuten diese Sache, dann gehen wir zur nächsten Übung weiter. Mir ist klarer geworden, dass Alba im Individualtraining einen sehr guten Job macht, wie man es nicht oft findet. Aber durch die ganzen Manager ist man auch hier ganz gut aufgehoben, was Individualtraining angeht, weil man jederzeit in die Halle gehen und was machen kann. Das zählt dann auch nicht in die zwanzig Stunden, weil keiner der vier Coaches dabei ist.

Außerdem müssen Sie noch zur Uni. Was studieren Sie?

Hier ist es so, dass man sich nicht gleich auf ein Fach festlegen muss, sondern erst nach zwei Jahren. Mir schwebt da etwas vor wie Sportmanagement oder etwas, das mit dem Klimawandel zu tun hat. Aber so kann ich jetzt noch vieles ausprobieren, verschiedene Kurse wählen, das ist ganz cool.

Nach zwei Jahren sind Sie ja vielleicht gar nicht mehr da, oder? Wenn die NBA ruft?

Mal gucken. Das sieht man dann.

Bei Ihrem Bruder Moritz, der jetzt in der NBA im Team der Washington Wizards steht, war es ja so: Nach seinem zweiten Jahr in Michigan war schon der Gedanke da, in die NBA zu wechseln.

Ja, das war so, weil er am Saisonende, während der March Madness, sehr gut gespielt hat. Das zeigt noch mal, das sind die Spiele, wo es drauf ankommt, wo man da sein muss.

Wie viel Kontakt haben Sie zu Moritz? Früher haben Sie täglich telefoniert, als Sie noch in Berlin waren. Und jetzt? Sie in Michigan, er in Washington D.C. – so weit sind Sie ja nicht auseinander.

Jeden Tag telefonieren wir jetzt nicht mehr, manchmal schafft man es einfach nicht. Wir haben aber mehrmals in der Woche Kontakt. Wir schreiben uns oder unterhalten uns über Facetime. Jeder von uns hat zu viel zu tun, als dass man mal schnell für zwei Tage zum anderen rüberfliegen könnte.

Was vermissen Sie außer Mamas Essen von Berlin?

Einfach die Leute, die Stadt. Ann Arbor ist viel, viel kleiner, viel, viel ruhiger. Da ist keine Straßenbahn – solche Sachen eben. Kein geiler Dönerladen, wo man sich schnell noch was holen kann. Das sind so die kleinen Dinge, die ich vermisse. Darauf freue ich mich jetzt schon, wenn ich ein bisschen Pause habe und zurück nach Hause kommen kann. Das werde ich dann genießen. Aber vor allem vermisse ich die Menschen, mit denen ich in Berlin jeden Tag so abgehangen habe.

Mit wem von Alba haben Sie denn am meisten Kontakt?

Mit den Jungspunden natürlich. Mit Malte Delow, mit Jonas Mattisseck, mit Lorenz Brenneke. Auch mit den anderen Jungs, ich kriege schon mit, was die machen. Himar Ojeda (Alba-Sportdirektor, d.Red.) war einmal hier zu Besuch.

Wie intensiv haben Sie verfolgt, was Alba macht ohne Sie? In der Euroleague, in der Bundesliga? Haben Sie Spiele am Computer angeschaut?

Gerade am Anfang der Saison habe ich tatsächlich viel gestreamt. Aber während unserer Saison ist das schwer, weil wir selbst sehr viele Spiele haben – und dann noch Hausaufgaben. Natürlich habe ich mir ein paar Spiele angesehen. Euroleague geht leider nicht, weil die Telekom erkennt, dass ich nicht in Europa bin, und dann kann man nicht zugucken, das ist ein bisschen fies für mich. Alba beeindruckt mich sehr dieses Jahr. Obwohl sie so viele Verletzte haben, spielen sie gut in der BBL und in der Euroleague, wo sie schon sehr oft gegen Topteams knapp verloren haben. Ich habe mich sehr gefreut, dass Alba den Pokal gewonnen hat. Das war fällig, das haben sie sich verdient.

Haben Sie das Finale live verfolgt?

Konnte ich leider nicht, weil ich zur gleichen Zeit selbst gespielt habe. Nur das letzte Viertel konnte ich sehen, das Ende also, und das war ja das Beste. Das war schon besonders.

Ist es für Sie eine Option, irgendwann zu Alba zurückzukehren? Oder sind solche Gedanken jetzt zu weit weg für Sie?

Es ist schon weit weg. Ich bin ja hierher gegangen, weil ich College spielen wollte. Und der Traum von wohl jedem Basketballer ist, irgendwann in der besten Liga der Welt zu spielen, in der NBA. Genauso ist es bei mir. Wenn ich die Chance bekomme, will ich sie auf jeden Fall nutzen. Aber da liegt sehr viel Arbeit vor mir, und man weiß nie, was passieren wird. Jetzt bin ich hier und probiere, mich durchzusetzen.

Jetzt sind Sie erst mal gebremst worden von einem Gegner, mit dem niemand gerechnet hatte. Bleibt mehr übrig als Enttäuschung von diesem traurigen Saisonende?

Ich denke schon. Dass man einfach dankbar sein muss, wenn man Basketball spielen kann. Wie geil das im Normalfall ist. Gerade an Tagen, an denen man mal keinen Bock auf Training hat, muss man sich daran erinnern, wie traurig es war, gar nicht spielen zu können. Das vergesse ich nicht.

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